Kann die Schuld eines Autofahrers gravierend sein?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 220 klicks

Ich liebe mein Auto. Es ist für mich Erholung, Freiheit, Freude. Es ist angenehm, sich reinzusetzen und wegzufahren. Wo es keine Polizei gibt, gebe ich Gas. Hinter dem Lenkrad schlafe ich nicht. Wenn ich schnell fahre, fühle ich mich stärker, als wäre ich mehr bestätigt. So erleichtere ich mich von dem, was sich in mir angesammelt hat, und das beruhigt mich.

Vorige Woche habe ich einen Unfall, in der Nähe von Zagreb, gehabt. Ich bin schuld. Das Auto ist kaputt, und im anderen Auto wurden zwei Personen schwerer verletzt. Ich fühle Bedrängnis in mir. Das habe ich noch mehr gespürt, nachdem mir ein Kollege zugerufen hat: „Höre, Alter, die Straßenvorschriften verpflichten!“

In diesem Zusammenhang frage ich: kann die Schuld des Autofahrers schwerwiegend sein?

Mladen

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Und wer liebt sein Auto nicht? So wie du, fühlen alle, dass ihnen das Auto, nach der schweren achtstündigen Arbeit, „Erholung“, „Freiheit“, „Freude“ bedeutet. „Es ist angenehm, sich reinzusetzen und wegzufahren.“ Das Auto bietet besondere Annehmlichkeit: die Augen schlucken die Kilometer, den Raum, die Bilder, die Menschen, die Landschaft. In ihm entspannst du dich, und du erlaubst dir, allem gegenüber, was dich vorher gefesselt, begrenzt und gedrückt hat, aggressiv zu sein. Du sagst selber: „So erleichtere ich mich von dem, was sich in mir angesammelt hat, und das beruhigt mich.“ Das Auto wird zu einer Art Droge, Beruhigungspille, zum eigenartigen Spaß.

„Wo es keine Polizei gibt, gebe ich Gas“, sagst du. Gerade das ist ein der größten Fehler des Autofahrers: die Geschwindigkeit. Sie ist verführerisch. Andere Autos auf der Straße stellen das Hindernis für dich dar, das man überholen muss. Sie stören den vollen Genuß des Verschlingens  der Kilometer. Manchmal verursacht diese Störung die Gereiztheit und ruft die ordinärsten Beleidigungen, gemeinste Worte und Fluch hervor. Arbeiter und Intellektueller, Fahrer des Lastwagens und Personenwagens – alle werden gleich.  Ein ruhiger Autofahrer wird weniger dazu neigen, sich in Geschwindigkeit unter jedem Preis, auszuleben, während ein unausgeglichener Autofahrer voll von inneren Konflikten mit sich selber und mit der Umwelt sein wird. Das wird er im Manipulieren mit dem Gangschalter seine Spannung entladen, um die größte Geschwindigkeit zu erreichen.

Du erwähnst die „Polizei“.  Dir als einem guten Autofahrer ist es klar, dass du bestimmte Vorschriften auf der Straße einhalten musst, wenn du dich retten willst. Es geht nicht nur um die Angst vor der Polizei. Es handelt sich um Verpflichtung im Gewissen! Durch die Fürsorge der zuständigen Gewalt ist die Straße voll von Straßenschildern, die man leicht merken und verstehen kann. Die Straßenschilder sind dafür da, Gefahren zu vermeiden und einen guten Straßenverkehr zu sichern. Die gleichen Zeichen bringen die Sittlichkeit in den Straßenverkehr hinein. Die Erscheinung der Polizei macht auf die Möglichkeit der Strafe aufmerksam. Und das Ertappen der Rechtsverletzer an der Tat erfüllt die heilsame Rolle. Die Menschen vergessen sich, und es ist Ermahnung zur Vorsicht notwendig.

Du sagst, dass du hinter dem Lenkrad nicht schläfst. Die Wachsamkeit der Behörde ist nicht nur deshalb notwendig, dass du hinter dem Lenkrad nicht einschläfst, sondern auch wegen anderer Fehler, die man vermeiden muss. An der ersten Stelle, unter den Fehlern des Autofahrers, ist, sagte ich, zu hohe Geschwindigkeit. Du entwickelst die Geschwindigkeit um der Geschwindigkeit willen, und so fühlst du dich weder angenehm noch sicher als Herr über das Fahrzeug, und du setzst dich unkontrolliert der Gefahr aus. Wieviele verunglücken deshalb, weil sie die Vorfahrtsregeln nicht beachten, weil sie nicht aufpassen, wegen des Überholmanövers dort, wo sie sich nicht sicher sind, den Überholvorgang gefahrlos für sich und andere durchzuführen, wegen Alkohol. Der Alkohol erzeugt zu großes Selbstvertrauen des Autofahrers und verringert die Reflexe. Es kann noch dazu kommen, dass man zu wenig Geschicklichkeit und Routine im dichten Verkehr besitzt und ähnlich.

„Wenn ich schnell fahre, fühle ich mich stärker, als wäre ich mehr bestätigt“, so drückst du dich aus. Ja, aber der Autofahrer, der nicht der Herr über seine Geschwindigkeit ist, ist vor dem Strafgesetz verantwortlich wegen Vorschriftsverletzung, selbst wenn er keinen Unfall verursacht. Die Entwicklung einer zu großen Geschwindigkeit verursacht in dir eine feindliche Stimmung anderen Autofahrern gegenüber. So sind sie keine Personen, denen gegenüber Achtung gehört, sondern sie sind Objekte, die man unbedingt überholen muss. Fussgänger und Biziklisten, weil sie kein Auto besitzen, sind Menschen zweiter Klasse.

Du sprichst vom „Unfall in der Nähe von Zagreb“, den du neulich verursacht hast, vom „kaputten“ Auto, von zwei Menschen, die „schwerer verletzt sind“, von deiner „Schuld“, und „Bedrängnis“. Du erwähnst nicht den Grund, warum es zum Unfall gekommen ist. Aber, dein Gewissen ist nicht ruhig. Auf unseren Straßen kommen etwa dreimal mehr Menschen um als in Deutschland, viermal mehr als in Italien, sechsmal mehr als in Schweden, zehnmal mehr als in den Vereinigten Staaten. Kein elementares Unglück oder Epidemie verursachen so viele Menschenopfer.

Der Autofahrer steht in seinem Auto dem Gebot: töte nicht! gegenüber. Niemand darf nach seinem Willen über das eigene Leben und über das Leben anderer Menschen frei verfügen.Und auf den Straßen gibt es so viele plötzliche Tode, so viele Verstümmelte für ihr Leben lang, so viele erlittene Schocks! Die Kirche betet, dass wir vor „plötzlichem und unvorbereitetem Tod“ bewahrt werden. Die atheistische Gesellschaft, die an das Leben nach dem Tod nicht glaubt, betrachtet den Tod als größtes Übel. Und weder körperliche Verletzungen, noch psychische Schocks, noch erlittene Ängste können nicht durch Versicherungszahlungen ausgeglichen werden. Wenn wir anders denken und urteilen würden, würden wir die Würde der menschlichen Person tief degradieren und ernidriegen. Überfall auf menschlichen Leib bedeutet Überfall auf den ganzen Menschen.

Die entscheidende Frage ist es: „Kann die Schuld des Autofahrers gravierend sein?“ Vom Autofahrer wird nicht die übertriebene, sondern normale Aufmerksamkeit gefordert, und der Verstoß, in den auch ein anderer hineingezogen wird, bedeutet Verletzung des Nächsten, sowohl in seinen Gütern als auch in seiner Person. Die Schwere der Schuld hängt von der Freiheit des Willens des Autofahrers ab. Er verfehlt sich bereits im Grund, wenn er sich betrungen hinter das Lenkrad setzt, ebenso, wenn er zu müde ist, oder wenn sein Auto nicht technisch in Ordnung ist… Er weiß, dass er sich der Gefahr des Unfalls aussetzt, und er akzeptiert die Möglichkeit, dass er sich selbst und andere ins Unglück stürtzt. Der Autofahrer verschuldet sich in der Tat des Fahrens selbst, wenn er den Unfall verursacht durch fehlende Aufmerksamkeit, zu hohe Geschwindigkeit, Mißachtung der Vorfahrt, wie wir bereits vorher sagten. Bei dieser Frage muss ebenfalls die Schwere der Verletzung berücksichtigt werden: ist die Verletzung tötlich, schwer oder unheilbar, oder nur leicht. Es stellt sich die Frage: hat der Verunglückte Ehefrau, Kinder… Ferner, der materielle Schaden: groß oder klein… Das sind alles Elemente, die die Schwere der Schuld mitbestimmen.Es besteht also kein Zweifel, dass die Schuld des Autofahrers schwer, manchmal sehr schwer, sein kann, woran man auch in der Beichte denken muss.

Es gibt doch auch Umstände, die die Sache erleichtern. Hinter dem Lenkrad sitzen keine Roboter oder abstrakte Menschen, sondern Männer, Frauen, Väter, Mütter, Arbeiter, Schüler… Alle tragen mit sich ihre Sorgen, Bedrängnisse, Enttäuschungen, Hoffhungen, Traurigkeiten, Freuden… Es ist nicht möglich während der Fahrt von alldem zu abstrachieren und vom Autofahrer eine neue Spannung zu erwarten, in der er alles vergisst, was nicht die Aufgabe des Straßenverkehrs ist. In Deutschland wurde eine große Anzahl von Unfällen beim Wechsel von der Autobahn auf kleinere, engere Straßen bemerkt. Der Autofahrer, von einem bestimmten Rhythmus getragen, entspannt sich und lässt nach. Er müsste immer in sich die Überzeugung tragen, dass indem er anderen begegnet, dem begegnet, was wertvoll und heilig, wichtig und unersetzlich ist. Jeder Mensch ist Person und deshalb einzigartiges unantastbares Geheimnis, eigene Größe und Würde.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube, Split, 2004, Seiten 260-262)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.