Kann "gute Absicht" "schlechtes Mittel" heiligen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 342 klicks

Der folgende Fall verwirrt mich. Meine Arbeitskollegin hat sich neulich von ihrem Mann scheiden lassen. Sie wünschte sich immer ein Kind, und der Mann war dagegen. Jetzt, verlassen und einsam, bittet sie einen verheirateten Arbeitskollegen, ihr ein Kind zu schenken, um auf diese Weise die Traurigkeit und Sinnlosigkeit aus ihrem Leben zu entfernen. Sie möchte den Kollegen nicht seiner Frau wegnehmen und eine Scheidung verursachen, sondern, sie möchte nur Kind von ihm. Der betreffende Kollege meint, dass das seinerseits eine humane Handlung wäre, weil er sie auf diese Weise trösten und ihr Freude bringen würde. Er denkt nicht daran, damit einen Ehebruch zu begehen und auch ein uneheliches Kind zu bekommen. Er  denkt, die Verlassenen zu trösten sei eine sittlichere Tat als irgendwelche Normen eines Ehebruchs zu beachten. Nebenbei gesagt, beide sind Christen und gehen in die Kirche.

Auf dem Arbeitsplatz haben wir über ihre Absicht diskutiert, und wir sind uns nicht einig geworden. Es scheint, dass die Sympathien auf ihrer Seite sind. Was sagen Sie dazu?

B. Z.

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Ich wundere mich nicht, dass der Fall dich verwirrt, desto mehr, weil beide Christen sind. Du begegnest hier eigentlich der „Moral der Absicht“ oder der „Moral ohne Normen“, von der sie sich in der Praxis leiten lassen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Worin eine solche Moral besteht, sage ich etwas später. Sie lassen sich vom „guten Zweck“ leiten. Das Leben der geschiedenen Kollegin ist traurig, leer und sinnlos. Man soll sie „trösten“, ihr die Gelegenheit bieten, ein eigenes Kind zu bekommen, weil sie es so sehr wünscht. Der Zweck - für sich genommen - ist „gut“ und „human“: „verlassene Frau zu trösten“, „sie aus der Verzweifelung zu befreien“.

Aber, welches Mittel wird dazu verwendet? Sie ist „geschieden“, und er ist „verheiratet“. Über ihn sagst du, dass er den „Ehebruch gegen seine Frau nicht beachtet und auch das nicht, dass er ein uneheliches Kind bekommt“. Beide sind dem Ehepartner gegenüber durch die Pflicht der Gerechtigkeit verpflichtet, wenn schon nicht durch die Pflicht der Liebe. Kolleginnen und Kollegen, die mit ihnen sympathisieren werden sagen: „Was gibt es Schlechtes an der Sache, wenn sie das miteinander abgemacht haben, und, wenn sie es miteinander gut meinen? Ist ihre subjektive Überzeugung nicht wichtiger, indem sie glauben, etwas Gutes zu tun, als auf das Verbot des Ehebruches zu achten? Der Ehemann hat mit ihr sowieso nichts mehr zu tun, während der Kollege nur das bereit ist zu tun, was sie von ihm verlangt. Gewiss, die Ehefrau des Kollegen - wenn sie das hören würde - würde sie einen Aufstand veranstalten. Aber, ist es nicht klug, die Frau davon nichts wissen zu lassen?“ So fassen Menschen, und auch Christen,  nicht selten die Dinge völlig falsch auf und brechen fundamentale Werte, indem sie sich von subjektiven falschen Überzeugungen leiten lassen.

Er, sie und ihre Sympathisanten auf dem Arbeitsplatz setzen die „Absicht“ oder ihr „Vorhaben“ über den Wert der „objektiven Tat“. Eine „betrübte zu trösten“ setzen sie über „begehe keinen Ehebruch“ und so, sagen sie, die Liebe zum Menschen hat Vorrang vor dem Gesetz. Aber, wenn wir uns bei der Unterscheidung des sittlich Guten nur von der subjektiven Überzeugung leiten lassen, können wir nicht mehr eine gemeinsame Sprache finden über das, was „sittlich gut“, und was „sittlich schlecht“ ist. Alles könnte gut und könnte auch schlecht sein: Mord, Vergewaltigung, Ehebruch... Da ist die objektive Handlung entwertet bis zur Geringfügigkeit, und subjektive Überzeugung des Einzelnen erhöht bis zum höchsten Maß. Eine solche Ethik erhebt den Grundsatz: „Absicht heiligt Mittel“. Diese Ethik behauptet, dass nur das Motiv wichtig ist, und das, was vor dem Menschen im Raum und in der Zeit auftaucht, nichts wert ist.

Die Kirche hat seit ihren Anfängen gegen solche Tendenzen gekämpft, und das aufgrund ihrer christlichen Überzeugung, wonach der menschliche Leib, der durch Christi Fleischwerdung angenommen, nicht nur der „Gegenstand“ ist, den Gott retten soll, sondern auch das „Werkzeug“ des Erlösungswerkes selbst. Dieses fundamentale Zeugnis, das sich auch in den Sakramenten widerspiegelt, darf die christliche Moral nicht verlassen, und noch weniger darf  es sie verdrehen. Deshalb wird die christliche Ethik immer großen Wert auch auf die objektive Sicht der Moral legen. Deswegen kann die „Moral der Absicht“ keinen Weg für die christliche Ethik bedeuten, sondern eher einen Irrweg, auf dem sie viel zu schnell untergehen kann.

So verstandene Ethik steht nicht im Einklang mit der Frohen Botschaft vom sittlichen Leben, das Jesus predigt. Jesus fordert zwar „gute Absicht“, zur gleichen Zeit aber regt er an, dass die Absicht in die „gute Tat“ verwandelt wird. Die Wichtigkeit der sittlichen Handlung im Rahmen der Frohen Botschaft ist darauf begründet, dass Jesus den Menschen als Gottes Mitarbeiter ansieht, der durch sein Wirken das Reich Gottes mitgestaltet. Die „Moral der Absicht“ widerspricht deswegen auch der christlichen Theologie der Schöpfung, weil diese Theologie den Menschen unter dem Aspekt seiner Mitwirkung in Gottes Werken wertet.

Ferner, wenn nur die „Absicht“ für sittlichen Wert einer Tat entscheidend ist, dann existiert nichts mehr, was für immer schlecht und damit auch immer unerlaubt wäre; sondern die gleiche Tat wäre gut oder übel, ausschließlich nach der „subjektiven Absicht“ des Einzelnen. Und das widerspricht dem christlichen Grundsatz, dass „gute Absicht“ nie ein „schlechtes Mittel“ heiligen kann. Im Gegenteil, nur die Absicht wäre diejenige, die alle Mittel heiligen würde, ob sie gut oder übel sind. Die Behauptung, dass in der christlichen Moral, gewisse Handlungen als unerlaubt angesehen werden müssen, steht im Einklang mit der Überzeugung, die sich durch die ganze Geschichte der christlichen Moral hindurch zieht. Der Umfang dessen, was als „in sich böse“ angesehen werden muss und die Erklärung, warum gewisse Handlungen ein solches negatives Vorzeichen haben, kann nach einzelnen Zeitepochen variieren. Aber die Praxis, die gelebt wird, zeigt, dass die christliche Moral nicht im Einklang mit der Aussage stehen kann, dass alles erlaubt werden kann, nur unter der Bedingung einer „guten Absicht“.

Der Standpunkt deines Kollegen und der Kollegin führt konsequent auch zur „Moral ohne Normen“. Dei Meinung, dass der Mensch selbst, ohne irgendwelche aufgestellte Maßstäbe, in der Lage ist, sittliche Werke zu tun, widerspricht der Wirklichkeit. Nur, um etwas vollbringen zu können, benötigt der Mensch gewisse Normen. Auf dem Gebiet des sittlichen Handelns sind das Richtlinien der verpflichtenden Gesetze. Aus der psychologischen Sicht, haben sie die Aufgabe der Entlastung und ermöglichen Handeln, das in Eintracht mit der Situation steht. Wenn wir so weit gehen, Gesetze und Normen grundsätzlich aus unserem sittlichen Leben zu entfernen, gelangen wir schnell in die Unfähigkeit, überhaupt noch sittlich handeln zu können. Eine solche „Moral ohne Normen“, oder nur nach der „Absicht“ wird schnell zu einem reinen Subjektivismus, Relativismus und zur „Ethik der Willkür“.

Außerdem, „Erkenntnis des sittlich Guten“ ist an die Gemeinschaft gebunden, und ist nicht individuelle Angelegenheit. Der Prozess der Erkenntnis des sittlich Guten oder Bösen basiert auf gegenseitiger Abhängigkeit. Dieser Grundsatz gilt für jede menschliche Erkenntnis und demzufolge auch für den Bereich der Erkenntnis des Glaubens, wozu auch die Fragen des rechten sittlichen Verhaltens gehören. Der Christusgläubige erkennt das, was sittlich ist, in der Gemeinschaft der Kirche und mit der Kirche, und nicht allein. Dieses Prinzip gilt als fundamentale Grundlage für alle Bereiche unseres christlichen Glaubens und unserer Lebensführung. Und deshalb führt die „Moral der Absicht“ zu einer Überbewertung des Einzelnen. Und führt unbedingt zum Verschwinden der kirchlichen Verbundenheit, in der der getaufte Christ nach seinem Wesen als Getaufter steht.

In der Art des Verhaltens deines Kollegen und deiner Kollegin, will der Mensch (sogar auch der Christ), von Gott und von der Kirche, von jedem Gesetz und von jeder Regel, von allen objektiven Werten, völlig unabhängig sein. Er will für sich selbst das erste und das letzte Maßstab all seiner Handlungen sein, er als Einzelner nach seiner subjektiven Einsicht. Und das widerspricht der christlichen Lehre von der Sittlichkeit von Grund auf.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 301-303)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.