Kann Kunst ohne Religion existieren? (Teil 1)

Verdi, Wagner und die anderen. Eine Betrachtung zu "Musik und Glaube"

Rom, (ZENIT.org) Renzo Allegri | 823 klicks

Im laufenden Jahr 2013 gedenkt die klassische Musik des 200. Geburtstages zweier bedeutender Musiker: Giuseppe Verdi (1813-1901) und Richard Wagner (1813-1883), den Hauptvertretern des Musiktheaters, deren Werke nach wie vor vom Publikum am meisten geschätzt werden und am häufigsten zur Aufführung kommen. Herausragende Kompositionen Wagners wie „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Der Ring der Nibelungen“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Parsifal“, etc. und die Meisterwerke Verdis wie „Nabucco“, „Il trovatore“, „Traviata“, „Rigoletto“, „Les vêpres siciliennes“, „Simon Boccanegra“, „Un ballo in maschera“, „Don Carlos“, „La forza del destino“, „Aida“, „Otello“ und „Falstaff“ sind Teil des Weltkulturerbes, Höhepunkte jeder hochrangigen Theatersaison, Ausgangsmaterial für Neuaufnahmen in Tonstudios und dem Publikum begeisterter Opernliebhaber über alle Kanäle zugänglich. Ein Charakteristikum der gesamten künstlerischen Produktion dieser beiden Komponisten ist ihr Durchdrungensein von tiefen religiösen Gefühlen Diese sind zwar nicht immer Gegenstand einer direkten Auseinandersetzung, bilden jedoch einen „fortlaufenden Rahmen“ für die in Musik verwandelten Geschichten, in denen sich die biblische Sichtweise auf das Leben der Menschheit spiegelt, deren Kampf zwischen Gut und Böse, aus dem das Gute und die Öffnung für ewige Werte stets siegreich hervorgehen. Vielleicht ist bei keinen anderen Komponisten die letztliche Bestimmung des Lebens und die am Beispiel der verschiedenen Protagonisten gezeigte Bestimmung der gesamten Menschheit so allgegenwärtig wie bei Verdi und Wagner.

Dabei drängt sich folgende Frage auf: Waren Wagner und Verdi gläubig? Waren sie Christen? Welche Vorstellung hatten sie vom Bereich des Überirdischen, von Gott?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die beiden Musiker lebten im 19. Jahrhundert, einer Epoche, die dadurch gekennzeichnet war, dass sich fast alle Künstler und Intellektuelle in der Öffentlichkeit gerne als Anhänger der vorherrschenden Moden und daher skeptisch und materialistisch darstellten. Wagner wird im Allgemeinen als ausgesprochener Egozentriker beschrieben, als hochmütig, eifersüchtig, begierig, antisemitisch, Befürworter der Rassentheorie und Vorreiter des Nazismus und des Kommunismus. Demnach scheint er ein wahrhaft religiösen Themen offensichtlich abgewandter Mensch gewesen zu sein.

Verdi wurde vor allem in Italien zum Inbegriff des Antiklerikalismus und galt als atheistisch, geizig, begierig und misanthropisch. In einem Brief an einem Freund aus dem Jahr 1872 charakterisiert die große Sängerin und Verdis zweite Gemahlin Giuseppina Strepponi den Musiker folgendermaßen: „Verdi ist eine Perle eines aufrichtigen Mannes; er versteht und empfindet jedes zarte und erhabene Gefühl, doch trotz all dem erlaubt sich dieser Brigant ein Betragen, das ich nicht atheistisch nennen möchte, aber gewiss wenig gläubig, und zwar mit einer solchen Insistenz und Gelassenheit, dass man ihm am liebsten eine Tracht Prügel verpassen möchte. Wenn ich ihm von den Wundern des Himmels, der Erde, des Meeres usw. usw. erzähle, lacht er mich aus und lässt mich in meiner Begeisterung erstarren und sagt: Ihr seid verrückt! Und unglücklicherweise sagt er das im guten Glauben.“

Ein unbeschwerter, vorurteilsfreier Blick auf die Biographien dieser beiden Künstler zeigt jedoch, dass diese keineswegs den ihnen gewöhnlich zugeschriebenen Eigenschaften entsprachen. Unter der Oberfläche, die ihnen vielleicht auch als Schutz ihrer Privatsphäre gedient hatte, versteckte sich ein Leben, das voll war von den in den Werken gefeierten Werten.

Im Allgemeinen spielen im Leben eines Menschen die Wurzeln eine ausschlaggebende Rolle, d.h., das Wesen der zu Beginn der Existenz erlebten Erfahrungen. Die in den Jugendjahren und in der frühen Jugend angeeigneten Werte und Prinzipien können praktisch nicht verloren gehen.

Richard Wagner gehörte einer Familie der Mittelschicht an. Er wurde als jüngstes von acht Kindern geboren und lernte seinen Vater nicht kennen, da dieser bereits in Richard Wagners Geburtsjahr verstarb. Der Komponist wurde von seiner Mutter aufgezogen, die eine vortreffliche Ausbildung in einem bedeutenden Internat Leipzigs genossen hatte. Da sie ihren Mann sehr jung verloren hatte, heiratete sie ein zweites Mal. Mit sechs Jahren wurde Richard zu Pastor Wetzel in Pension gegeben. Dieser lebte auf dem Land, in Dresden, und war ein sehr gebildeter Mann, der dem kleinen Richard beständig religiöse Werte vermittelte und ihm eine große Liebe zur Geschichte und zur Mythologie auf den Weg mitgab.

Im Jahre 1827, als 14-Jähriger, wiederfuhr Richard Wagner ein für sein weiteres Leben prägendes Ereignis. Er empfing das Abendmahl und erlebte dieses Ritual als Erschütterung. Dies lag nicht allein an der ihm innewohnenden religiösen Bedeutung, sondern an einer ganzen Reihe von Faktoren, die auf die Fantasie und die Sensibilität des zukünftigen Künstlers einen gewaltigen Eindruck ausübten. Der Halbschatten der Kirche, der Geruch von Wachs und Weihrauch, die einzelnen Bestandteile der Feier, die darin enthaltene Symbolik, der Klang der Orgel, die Chorgesang aus dem Volk; all dies löste in ihm einen Zustand zutiefst mystische Begeisterung aus, der ihn in einen tagelangen Erregungszustand versetzte und für den Rest seines Lebens unauslöschlich in seiner Erinnerung bleiben sollte. Diese Erfahrung erschloss dem Jugendlichen eine unsichtbare, unerklärliche und irrationale, aber zugleich äußerst faszinierende Welt, die für Wagner im Erwachsenenalter ein absoluter Bezugspunkt bleiben sollte.

Einige Jahre später trat Wagner in die berühmte Thomasschule zu Leipzig ein, die im Jahre 1212 von den Augustiner-Chorherren gegründet worden war und deren Leitung Johann Sebastian Bach in der Zeit von 1723 bis 1750 übernommen hatte. Hundert Jahre später, zur Zeit des Eintritts Wagners, wirkte Christian Theodor Weinlig als Leiter und Thomaskantor im Internat. Weinlig, ein zutiefst religiös geprägter Mensch, der in Bach sein großes Vorbild sah, hatte in Bologna vom Abt Stanislao Mattei, einem Schüler des großen Meisters Giovanni Battista Martini, Musikunterricht erhalten.

Mit 18 Jahren hatte Wagner die Oberschule abgeschlossen und wollte sich nun vor allem der Musik widmen. Er war allerdings unberechenbar. In seinem Privatleben herrschte Unordnung. Er war leidenschaftlicher Spieler, Trinker und verbrachte die Nächte mit Zechtouren.

All dies war dem strengen Meister Weinlig ein Dorn im Auge. Empört über Wagners Verhalten verwies er diesen wenige Monate später des Institutes. Tief in seinem Inneren war Wagner jedoch „zerrissen“. Die Flamme jener mystischen Erfahrung vom ersten Empfang des Abendmahls und die damit verbundenen Gefühle waren noch lebendig. Diese Erinnerung erwies sich als rettender Anker. Wagner wurde sich der Zerrissenheit seines Lebens bewusst. Er empfand Reue, bat Meister Weinlig um Vergebung und versprach ihm, sein Betragen zu ändern und ernsthaft zu studieren. Daraufhin hob Weinlig den Ausschluss wieder auf, und Wagner hielt sein Versprechen. Er entwickelte sich zu einem der besten und bevorzugten Schüler Weinligs. Dies war der Ausgangspunkt seiner einzigartigen und tatsächlichen musikalischen Karriere.

Die innerliche Verfasstheit Wagners war somit gefestigt und verankert in den mystisch-spirituellen Erfahrungen seiner Jugendjahre. Diese Erfahrungen waren während seiner Tätigkeit als Komponist stets gegenwärtig.

Die Grundthemen seiner Werke, wenngleich sie in einem mythologischen und zuweilen extremen Synkretismus zum Ausdruck kommen, knüpfen an an die fundamentalen Prinzipien des „Heiligen“, des „Mysteriums“, des „Göttlichen“, das „Thema der Erlösung“, die „Rettung durch die Liebe auf dem Wege des Opfers“, die oft thematisierten Figuren von Jesus und Maria und die Gral-Thematik.

Wagners gesamtes Werk ist ein Ritual, das auf die Darbietung eines Bühnenstückes zusteuert, in dem die Musik nicht wichtiger sein darf als die Religion, die Kunst, die Philosophie und das Leben. In seinem letzten Meisterwerk erfahren diese Themen Betonung und Verherrlichung: dem Werk Parsifal, seinem Testament, dem mystischen Drama par excellence, durchzogen von expliziten und wirkungsvollen religiösen Anspielungen, die einen Kontrast zu den technologischen Entwicklungen seiner positivistischen Epoche bilden. Aus diesem Grund war er den Angriffen mancher intellektueller Zeitgenossen ausgesetzt, beispielsweise von Nietzsche, der ihn mit dem Vorwurf konfrontierte, „am Fuße des Kreuzes zu kauern.“

(Der zweite Teil dieses Interviews erscheint am 9. April 2013)

* Renzo Allegri ist ein italienischer Journalist, Schriftsteller und Musikkritiker. Er absolvierte ein Journalismusstudium an der „Scuola superiore di Scienze Sociali“ der Università Cattolica in Mailand. Seit 24 Jahren arbeitet er als Sonderberichterstatter und Musikkritiker für das norditalienische Wochenmagazin “Gente” und ist Chefredakteur des Kultur- und Theaterteils der italienischen Wochenzeitschriften “Noi” und “Chi”. Seit zehn Jahren wirkt er als ständiger Mitarbeiter der renommierten japanischen Musikzeitschrift „Hongaku No Tomo“.

Allegri ist Autor von mittlerweile 53 äußerst erfolgreichen Büchern. Mehrere dieser Werke wurden in den Sprachen Französisch, Deutsch, Englisch, Japanisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Slovakisch, Polnisch, Chinesisch und Russisch publiziert. Ein besonderer Erfolg wurde mit dem Buch „Il Papa di Fatima“ (Mondadori) erzielt.