Kann Kunst ohne Religion existieren? (Teil 2)

Verdi, Wagner und die anderen. Eine Betrachtung zu "Musik und Glaube"

Rom, (ZENIT.org) | 564 klicks

Giuseppe Verdis künstlerischer Weg führte durch andere Gefilde, gelangte jedoch an dasselbe Ziel. Als ein Bauernsohn wurde Verdi in die niedrigste Gesellschaftsschicht hineingeboren. Seine Leidenschaft für die Musik war instinktiv und entwickelte sich von alleine. In seiner Kindheit begann Verdi, auf einem alten Spinett zu spielen, und erhielt vom Ortspfarrer, der ihn auf der Orgel klimpern ließ, eine erste Unterweisung in den Grundbegriffen der Musik. In diesem ärmlichen, aber gesunden Umfeld wurde ihm eine gut gefestigte ideologische und religiöse Bildung zuteil.

Als Musiker war Verdi ein „Schüler“ der Menschen seiner Heimat. Giuseppe blickte in einem kleinen Flecken der Gemeinde Busseto in der Provinz Parma das Licht der Welt: dem Örtchen „Le Roncole“ (wie es auch heute noch bezeichnet wird), einer Ansammlung aus vereinzelten Häusern, einer Kirche, einem Friedhof, etwa hundert Einwohnern, allesamt Bauern, jedoch erfüllt von einer tiefen Liebe zur einfachen, traditionellen Musik.

Seit seiner Geburt verband Verdi mit dieser Musik eine ausgesprochene Leidenschaft, die wie eine wild wachsende Pflanze in ihm entstanden war und ihre Nahrung aus dem erhielt, was Verdi über Augen und Ohren von den Menschen seines Heimatortes aufnahm. Anstelle von Unterricht, Schulen, ausgewählten Lektüren oder Kontakten mit berühmten Künstlern bestand Verdis Hintergrund nur aus Instinkt und natürlicher Begabung, die sich selbst ihren Weg bahnten.

Mit 19 Jahren ging Verdi nach Mailand, um sich einer Aufnahmeprüfung für das Konservatorium zu unterziehen. Er wurde jedoch abgelehnt. Alle üblichen Wege für das Erlernen der Fertigkeiten der Kunst, zu der er sich hingezogen fühlte, waren Verdi somit versperrt. Als es ihm über eine Reihe glücklicher Zufälle gelang, eine Komposition für das bedeutende Mailänder Opernhaus „Teatro alla Scala“ auszuführen, erlebte sein Genie einen gewaltigen Durchbruch. Gleich darauf wandte sich das Schicksal jedoch gegen ihn. Während seiner Arbeit an der Komposition des zweiten durch das „Teatro alla Scala“ in Auftrag gegebenen Werkes wurde er von schrecklichen Unglücksfällen heimgesucht: Innerhalb kurzer Zeit starben nacheinander seine beiden kleinen Kinder und dann seine junge Frau. Dieser Verlust nahm Verdi seinen Lebenswillen. Die darauffolgenden beiden Jahre verbrachte er wie ein verzweifelter, zielloser Wanderer. Dann kam jedoch der nächste Glücksfall: die Komposition des unsterblichen Werkes „Nabucco“, das nach wie vor in den Opernhäusern aller Welt zur Aufführung kommt. Damit nahm eine große, einzigartige Karriere ihren Anfang.

Giuseppe Verdi wurde zu einem allerseits geliebten und bewunderten Genie. Seine Werke sind im Gegensatz zu jenen Wagners inspiriert von Erzählungen, von Begebenheiten des Alltags, von geschichtlichen Ereignissen und vom täglichen Leben. Sie sind unbeeinflusst von Ideologien, mythologischen Studien, Symbolik und Legenden und enthalten keine expliziten religiösen Themen. Dennoch sind die Protagonisten seiner Werke belebt von einem praktischen religiösen Sinn von großer Stärke.

In bestimmten Lebenslagen unternahm Verdi auch eine direkte Auseinandersetzung mit sakraler Musik. So schuf er 1874 die „Messa da Requiem“ zum Gedenken an den Tod eines Mannes, für den er besondere Bewunderung empfand: den herausragenden Schriftsteller und beispielhaften Christen Alessandro Manzoni. Die Komposition des „Requiems“, das als „wahrhafter theologischer Traktat“ bezeichnet wird, bot Verdi die Gelegenheit, über seine Glaubensprobleme nachzudenken und seinen tiefen religiösen Überzeugungen konkret und explizit Ausdruck zu verleihen. Dies geschah auch in anderen großen Werken der sakralen Musik, beispielsweise im „Stabat Mater“, das er im Jahre 1897, vier Jahre vor seinem Tod, vollendete, und besonders im monumentalen sakralen Hymnus „Te Deum“. Dieses Werk kennzeichnet seinen Abschied vom Leben und ist seinen Worten nach eine Abfolge verschiedener Situationen; Jubel, Betrachtung des menschgewordenen Christus, eine Anrufung dessen Barmherzigkeit; am Ende erhebt eine einzige Sopranstimme den Ruf „In te, Domine, speravi“ (Auf dich, Herr, habe ich vertraut), in den dann der gesamte Chor in einem übermächtigen Crescendo einstimmt. Nach der Aufführung des Werks im Saal Pauls VI. im Vatikan unter Riccardo Muti im Mai des vergangenen Jahres fand Benedikt XVI. folgende Worte dafür: „eine von Verdi selbst vorgebrachte Bitte um Hoffnung und Licht in seinem letzten Lebensabschnitt.“ Verdi fühlte sich dem „Te Deum“ so stark verbunden, dass er in seinem Testament verfügte, die handgeschriebene Partitur im Sarg sollt unter sein Haupt gelegt werden. Vielleicht war das seine Art, Gott für all das zu danken, was er von ihm empfangen hatte.

Der gefeierte Geigenbauer Cesare Augusto Tallone, ein Freund D’Annuncio, Toscaninis und Benedetti Michelangelis, dem er ein selbst erfundenes Klavier widmete, den ersten italienischen Konzertflügel, sagte einmal Folgendes zu mir: „Es ist fast unmöglich, sich einen wahrhaft großen Musiker als Atheisten vorzustellen.“ Wir hatten gemeinsam einem zu dieser Zeit sehr berühmten jungen Pianisten zugehört, der sehr eng mit Tallone befreundet war. Am Ende des Konzerts spürte ich eine gewisse Perplexität bei Tallone. „Gefällt er Ihnen nicht?“, fragte ich ihn. „Er ist ein Meister der Technik“, antwortete er mir bestimmt, „doch aus ihm wird nie ein großer Künstler werden.“ „Warum nicht?“, fragte ich ihn erstaunt. „Weil er nicht an Gott glaubt“, so Tallones Urteil.

Dieser Satz erschien mir übertrieben. Doch als ich später darüber nachdachte, kam ich zum Schluss, dass Tallone Recht hatte. Der Glaube ist eine enorme Öffnung für eine Welt, die der nüchternen Rationalität unzugänglich bleibt. Der Glaube an Gott führt zu einer grenzenlosen, schrankenlosen Sichtweise auf das Leben und auf die Schöpfung. Tallone stellte dazu fest: „Er gleicht einem offenen Fenster zur Unendlichkeit.“ „Der atheistische Materialist ist beschränkt, hat Grenzen. Seine Kreativität ist gefangen in Raum und Zeit. Er fliegt nicht hinauf in die Höhen der Unendlichkeit.“

Nach einer kurzen Stille fügte der alte Tallone, gleichsam zur Erläuterung seines Standpunkts, rätselhaft hinzu: „Johann Sebastian Bach, das größte musikalische Genie in der Geschichte, überschrieb seine Musiknoten mit den beiden Buchstaben J.J. als Zeichen für ein schlichtes und spontanes Gebet: ‚Jesus Juva‘. Sämtliche Partituren Joseph Haydns, eines weiteren erhabenen Musikers, tragen im Kopfbereich die Worte ‚In nomine Domini‘ oder ‚Soli Deo gloria‘, und endeten mit ‚Laus Deo‘.“

Charlie Chaplin berichtet in seiner Biographie von einem Abendessen bei ihm zu Hause, zu dem er Freunde eingeladen hat: den Pianisten und Komponisten Sergej Vasilievich Rachmaninov, den Dirigenten John Barbirolli, den russisch-amerikanischen Pianisten Vladimir Horowitz und dessen Frau Wanda Toscanini. Im Laufe des Abends lenkte jemand das Gespräch auf das Thema Religion. Chaplin gab an, nicht gläubig zu sein. Verwundert entgegnete ihm Rachmaninov: „Aber wie kann das sein: kann Kunst ohne Religion existieren?“

(Der erste Teil erschien gestern, am 8. April 2012)

* Renzo Allegri ist ein italienischer Journalist, Schriftsteller und Musikkritiker. Er absolvierte ein Journalismusstudium an der „Scuola superiore di Scienze Sociali“ der Università Cattolica in Mailand. Seit 24 Jahren arbeitet er als Sonderberichterstatter und Musikkritiker für das norditalienische Wochenmagazin “Gente” und ist Chefredakteur des Kultur- und Theaterteils der italienischen Wochenzeitschriften “Noi” und “Chi”. Seit zehn Jahren wirkt er als ständiger Mitarbeiter der renommierten japanischen Musikzeitschrift „Hongaku No Tomo“.

Allegri ist Autor von mittlerweile 53 äußerst erfolgreichen Büchern. Mehrere dieser Werke wurden in den Sprachen Französisch, Deutsch, Englisch, Japanisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Slovakisch, Polnisch, Chinesisch und Russisch publiziert. Ein besonderer Erfolg wurde mit dem Buch „Il Papa di Fatima“ (Mondadori) erzielt.