Kapuzinerpater Cantalamessa über Christus, der dem Menschen die Angst nimmt

Kommentar zum Sonntagsevangelium

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ROM, 20. Juni 2005 (ZENIT.org).- Eine Betrachtung über die Angst des Menschen, den Christus befreien möchte, hat P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, anlässlich des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) gehalten. Wir veröffentlichen die deutsche Übersetzung des italienischen Originaltextes.



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Mt 10,26-33

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.


Fürchtet euch nicht!

Christus befreit uns von jeder Angst. Das ist die Grundaussage des heutigen Sonntagsevangeliums. Angst kann wie eine Krankheit plötzlich ausbrechen oder chronisch sein. Ängste, die plötzlich ausbrechen, werden meist von Situationen verursacht, die besonders gefährlich sind. Werde ich von einem Auto angefahren oder spüre aufgrund eines Erdbebens die Erde unter meinen Füßen sich bewegen, dann packt mich plötzliche Angst. Sie überrascht mich auf völlig unerwartete Weise und ohne jede Vorwarnung. Aber genauso verschwindet sie auch wieder, wenn die Gefahr vorüber ist, und hinterlässt allenfalls eine schlechte Erinnerung. Solche Ängste hängen nicht von uns selbst ab, und sie sind etwas ganz Natürliches. Gefährlicher sind hingegen chronische Ängste, also jene, die in uns leben, die wir seit Geburt oder Kindheitstagen mit uns herumschleppen und die Teil unseres Wesens geworden sind, und das manchmal in so starkem Maße, dass sie uns beherrschen.

Angst ist nicht etwas an sich Böses. Oft bietet sie Gelegenheit, unerwarteten Mut und unvermutete Stäke zu zeigen. Nur derjenige, der weiß, was Angst ist, weiß auch, was Mut ist. Angst kann aber auch zu etwas tatsächlich Bösem werden, das einen verzehrt und einem das Leben unmöglich macht. Anstatt Anreiz zur Reaktion und Quelle für ein Tun zu sein, kann sie zur Ausrede für Untätigkeit werden, zu etwas Lähmendem, zu einer chronischen Furcht und Sorge. Jesus hat die am meisten verbreiteten Sorgen des Menschen beim Namen genannt: "Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?" (Mt 6,31). Die Angst ist zu einer Krankheit unseres Jahrhunderts geworden, und sie ist nicht zuletzt einer der Hauptgründe für die Vervielfachung der Herzinfarkte.

Wir leben in ständiger Sorge, und genau das ist der Grund, warum wir gar nicht leben! Eine solche Beklemmung ist irrationale Angst vor etwas Unbekanntem. Man hat vor allem Angst, rechnet stets im Vorhinein mit dem Schlimmsten und lebt ständig unter einer gewissen Spannung. Gibt es keine Gefahr, dann erfindet man eine, und ist sie tatsächlich vorhanden, so wird sie vergrößert. Der Ängstliche leidet doppelt: zuerst in der Vorwegnahme, dann in der Realität. Was Jesus im Evangelium verurteilt, ist nicht so sehr die ganz natürliche Furcht oder die Sorge für morgen, sondern gerade diese Ängstlichkeit, die chronische Unruhe: "Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage" (Mt 6,34), sagt er uns.

Doch hören wir auf, nur die verschiedensten Ängste zu beschreiben, und sehen wir, welches Heilmittel uns das Evangelium anbietet, sie zu überwinden. Dies wird in einem einzigen Wort zusammengefasst: Gottvertrauen. Gott vertrauen, an seine Vorsehung und an die Liebe des himmlischen Vaters glauben. Die echte Wurzel aller Ängste ist die Einsamkeit, dieses Gefühl ständiger Angst vor dem Alleinsein, wie es das Kind erfährt, das verlassen worden ist.

Gerade das sagt uns Jesus: Dass wir nicht verlassen werden. "Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf", heißt es in Psalm 27,10. Selbst wenn uns alle verlassen sollten, bliebe der Herr bei uns. Seine Liebe ist stärker als alles andere.

Damit können wir das Thema der Angst aber noch nicht bewenden lassen, denn es wäre nicht die volle Wahrheit. Jesus möchte uns von unseren Ängsten befreien, und er befreit uns immer. Allerdings gibt es für ihn nicht nur einen Weg, dies zu erreichen, sondern zwei: Entweder nimmt er die Angst aus unserem Herzen oder er hilft uns dabei, mit ihr auf neue Weise und freier leben zu können, und macht sie für uns und die anderen zu einer Quelle der Gnade.

Er wollte diese Erfahrung ja selbst machen. Es steht geschrieben, dass ihn im Ölgarten "Angst und Traurigkeit" ergriffen (Mt 26,37). Der Originaltext legt sogar eine Angst nahe, die die Form des Entsetzens annimmt, wie bei jemandem, der, weil er sich in unermesslicher Einsamkeit von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen fühlt, eine Panikattacke erleidet. Jesus wollte diese Erfahrung nicht zuletzt auch deshalb machen, um diese Dimension der menschlichen Beschaffenheit zu erlösen. Von diesem Tag an ist, wenn wir mit Christus vereint leben, die Angst, vor allem die Angst vor dem Tod, eine Kraft, die uns Auftrieb gibt und nicht mehr entmutigt, die uns anderen gegenüber aufmerksamer und verständnisvoller macht, in einem Wort menschlicher.

[ZENIT-Übersetzung des in "Famiglia Cristiana" veröffentlichten italienischen Originals]