Kardinal Bertone erklärt, wie die Kirche zum Aufbau Europas beiträgt

Ansprache in Krakau (Polen)

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KRAKAU, 18. September 2007 (ZENIT.org).- „Die gerechte Gesellschaft kann nicht das Werk der Kirche sein, sondern muss von der Politik geschaffen werden. Aber das Mühen um die Gerechtigkeit durch eine Öffnung von Erkenntnis und Willen für die Erfordernisse des Guten geht sie zutiefst an.“ An diese Worte Benedikts XVI. aus Deus caritas est (28) erinnerte Kardinal Tarcisio Bertone SDB am Samstag in Krakau (Polen). In einer programmatischen Ansprache ging der Staatssekretär des Vatikans anlässlich der zweitägigen Fachtagung „Von den Römischen Verträgen zum Verfassungs-/Reformvertrag“ auf das Verhältnis zwischen Politik und Religion in Europa ein und verdeutlichte, dass die Kirche maßgeblich zum Aufbau einer menschengerechten Gesellschaft beiträgt.



Die Erfahrung der polnischen Geschichte zeuge davon, „dass man nur dann, wenn man dem im Herzen jedes Menschen vorhandenen Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit entgegenkommt, eine wirklich freie und solidarische Nation aufbauen kann – eine Nation, die die menschlichen und geistlichen Werte bewahrt, in deren Inneren Versöhnung und Einheit zwischen allen Menschen herrscht und die offen ist gegenüber den großen Aussichten auf Frieden und ganzheitliche Entwicklung im Dialog mit den anderen Völkern.“

In dieser Hinsicht kommt der Kirche nach Worten von Kardinal Bertone eine wichtige Rolle zu, da ihre Sendung auch darin bestehe, „die Gläubigen zu einer inneren Freiheit zu erziehen, die sich jeder Form der Unterdrückung widersetzt; in ihnen eine Liebe zu wecken und zu nähren, die den Hass und die Intoleranz besiegt; sie zu unterweisen, um sie fähig zu machen, ein konsequentes Zeugnis von den menschlichen und geistlichen Werten zu geben, die für jede Person und für jedes Volk grundlegend sind.“

Die Soziallehre der Kirche lade die Gläubigen dazu ein, „sich an der Heiligsten Dreifaltigkeit zu orientieren, dem höchsten Geheimnis des Christentums, Geheimnis der Einheit und der Gemeinschaft“, fuhr der Kardinal fort. „Indem sie sich von der dreifaltigen Liebe verwandeln lassen, lernen die Christen, Erbauer einer Gesellschaft zu sein, in der die Unterschiede und das Anderssein nicht zu Trennung und Verwirrung führen, sondern zur Harmonie im gegenseitigen Verständnis und in der Solidarität gelangen.“

Der Kardinal-Staatssekretär hob „eine der Prioritäten im heutigen Europa“ besonders hervor: „die Notwendigkeit, dass die Kirche, um ein nunmehr berühmtes Wort von Papst Benedikt XVI. aufzugreifen, jene ‚nicht verhandelbaren Werte‘ verteidigt und fördert, die mit der Würde des Menschen verbunden sind. Dadurch werden die Gewissen auf die unverzichtbaren Erfordernisse der Wahrheit und somit der Gerechtigkeit hin gebildet.“

Konkret bezog er sich auf „die häufigen Eingriffe der Kirche zum Schutz des menschlichen Lebens“ sowie zur „Förderung der auf der unauflöslichen Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründenden Familie“. Angesichts der ständigen Verletzung dieser Werte sei die Kirche aufgerufen, „eine Stellvertreterfunktion auszuüben gegenüber den öffentlichen Einrichtungen“. Dieser unpopulären Aufgabe könne die Kirche gerecht werden, da sie nicht Beifall und Popularität suche. „Die Kirche will nicht um jeden Preis gewinnen. Sie will vielmehr die Gläubigen und alle Menschen guten Willens von den Gefahren, denen der Mensch ausgesetzt ist, wenn er sich von Gott abwendet, ‚überzeugen‘ oder sie wenigstens ‚warnen‘.“

Kardinal Bertone forderte in erster Linie die Politiker auf, den Mut aufzubringen, „nicht jeden Pfad einzuschlagen, nur weil er theoretisch gangbar ist“. Diesbezüglich verwies er auf „den „großen Papst Johannes Paul II.“, der bemerkte hatte, „dass der Wert der Demokratie mit jenen Werten steht und fällt, die sie verkörpert und fördert, und dass die Grundlage dieser Werte nicht vorläufige und wechselnde „Mehrheitsmeinungen sein können, sondern nur die Anerkennung eines objektiven Sittengesetzes, das als dem Menschen ins Herz eingeschriebenes ‚Naturrecht‘ normgebender Bezugspunkt eben dieses staatlichen Gesetzes ist“ (vgl. Evangelium vitae, 70).

Abschließend appellierte der vatikanische Staatssekretär an Europa, dem Christentum nicht den Rücken zuzukehren. „Wie könnte Europa die Werte verraten, die vom Christentum geformt wurden, ohne dabei Gefahr zu laufen, in eine dramatische Krise zu geraten, wie sie ein Mensch erlebt, der das, was ihm Leben und der Hoffnung gibt, zurückweist? Das Christentum ist nicht in erster Linie eine Verbindung von Wahrheiten, die man glauben, und von Normen, denen man folgen muss: Es ist eine Person, Jesus Christus! Ihm zu begegnen und sein Freund zu werden macht unsere Identität als Christen aus. Wir fordern, dieses Angebot eines Sinnes, einer vollen Selbstverwirklichung und einer Zivilisation unseren Zeitgenossen in freier und einfacher Weise anbieten zu können.“