Kardinal Bertone spricht über die Diplomatie des Heiligen Stuhls und räumt Vorwürfe aus

Exklusivinterview mit dem Camerlengo der katholischen Kirche

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 339 klicks

Am 19. Juli wird Kardinal Tarcisio Bertone, der ehemalige Staatssekretär während des Pontifikats von Benedikt XVI., das Zentrum „Papa Luciani“ in Santa Giustina in der Provinz Belluno besuchen. Bei dieser Gelegenheit wird er gemeinsam mit Professor Vincenzo Buonomo, dem Kurator, einen Vortrag halten und sein Buch „La diplomazia pontificia in un mondo globalizzato“ - Die päpstliche Diplomatie in einer globalisierten Welt - (hg. von Libreria Editrice Vaticana) vorstellen. Kardinal Bertone, Camerlengo der katholischen Kirche, wird Msgr. Giuseppe Andrich, Bischof von Belluno/Feltre, begegnen und in der Kathedrale von San Martino dem feierlichen Pontifikalamt vorsitzen.

ZENIT interviewte ihn, um über seine Aktivitäten zu berichten und um seine Stellungnahme zu Kritiken aus den Reihen der Presse in der letzten Zeit einzuholen, sowie um über seine Arbeit und Person zu informieren.

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Eminenz, Sie veröffentlichten ein Buch mit dem Titel „La diplomazia pontificia in un mondo globalizzato“ (Die päpstliche Diplomatie in einer globalisierten Welt), herausgegeben von der Libreria Editrice Vaticana mit einem Vorwort von Papst Franziskus. Wodurch zeichnet sich die diplomatische Tätigkeit des Vatikans aus?

Vor allem in der modernen Geschichte hatte der Heilige Stuhl eine intensive und kontinuierliche Rolle, um Kriege zu verhindern, den Frieden zu fördern, die Entwicklung zu stärken, die Achtung vor den Menschenrechten und die Brüderschaft zwischen den Völkern zu unterstützen. Denkt man an die letzten beiden Weltkriege, so versuchte der Heilige Stuhl auf alle möglichen Weisen, sie zu verhindern, und als sie ausbrachen, leistete er sehr große Hilfsmaßnahmen für die Opfer und um die Kriegswunden zu heilen. Im letzten Jahr wurde die intensive Arbeit des Heiligen Stuhls und von Papst Franziskus deutlicher denn je. Ich meine beim Versuch, Frieden in Syrien und im Heiligen Land zu stiften.

Was die päpstliche Diplomatie auszeichnet, kann man auch einer kurzen Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses meines Buchs entnehmen. Ich rufe einige Momente aus meiner persönlichen Erfahrung und einige Reisen, die ich unternahm, in Erinnerung, und ich kann die Wichtigkeit der Themen, die ich anlässlich verschiedener internationaler Foren vorstellen konnte, unterstreichen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um den Schutz der Menschenrechte, der menschlichen Würde als Fundament der Rechte, die Notwendigkeit einer internationalen Garantie der Religionsfreiheit, die heute von vielen Seiten bedroht wird, die Entwicklung der Völker, die auf dem solidarischen Teilen beruht.

Ich erinnere mich insbesondere an die Treffen, die ich anlässlich des 25. Jahrestags des Friedens von Baegle mit der Präsidentin von Argentinien und der Präsidentin von Chile hatte, oder auch an meine Teilnahme am Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter und Regierungschefs der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die ihn Astana in Kasachstan stattfand.

Wir bereiten uns darauf vor, den 200. Jahrestag der Geburt Don Boscos zu feiern. Sie sind ein geistiger Sohn dieses großen Heiligen. Wie beeinflusste der Umstand, Salesianer zu sein, ihre Missionstätigkeit in der Kirche?

Von Jugend an war ich durch das Berufungs-Charisma Don Boscos geprägt: Dialog und Begegnung, Freude und Hoffnung, Erziehung, Demut und Nächstenliebe. Und sein Motto, „Tun wir allen Gutes, Schlechtes niemandem!“, inspirierte mich immer. Das sind die Lehren, die meinen Glauben stärkten, mein ganzes priesterliches und bischöfliches Leben erleuchteten und mich während meiner siebenjährigen Tätigkeit als Staatssekretär stützten.

Es ist gut bekannt, dass zu den Gaben der Kirche auf der weltweiten Ebene die erzieherische Arbeit und die Förderung des Menschen in jeder Hinsicht zählen, über die Verkündigung des Evangeliums hinaus. Und das ist der Brennpunkt des Charismas von Don Bosco. Weil einige Staatschefs um meine salesianische Herkunft wussten, machten sie spontan Äußerungen zur Erziehungsarbeit der Kirche in ihren Heimatländern und erinnerten sich manchmal an die Studien und Erziehung, die sie in religiösen Instituten genossen und die sie darauf vorbereitet hatten, auch verantwortungsvolle Ämter in der Regierung oder in der Gesellschaft zu übernehmen. Es war normal, über die Probleme der Jugendlichen zu sprechen, über Erziehung, Projekte und auch über Hilfegesuche im erzieherischen Bereich von seiten der Verantwortlichen aus unterschiedlichen Ländern, und zwar nicht nur christlicher Religionszugehörigkeit, sondern auch muslimischer, buddhistischer oder anderer Konfessionen.

Dennoch, Eminenz, kritisierten einige ihren Führungsstil in der Kurie und im Vatikan. Was antworten Sie auf solche Anschuldigungen?

Ich las in den Zeitungen die Kritiken, die über mich geäußert wurden, und ich habe den Eindruck, dass einige manchmal, statt die Wahrheit erfahren zu wollen, Hohn oder die Technik des „Kopierens und Einfügens“ aus vorhandenen Artikeln vorziehen, ohne von der eigenen Urteilskraft Gebrauch zu machen. Ein Beispiel dafür ist die Nachricht von meinem Appartement mit der falschen Angabe von 700 Quadratmetern Wohnfläche, die kontinuierlich, obwohl dementiert, wiederholt wird, um meine Person verzerrt und weit von der Realität entfernt zu beschrieben.

Ich wiederhole die Worte, die Papst Franziskus im Vorwort meines Buchs gebrauchte: „Der Lebensmaßstab der Kirchendiener wird nicht vorgegeben von jenem „Drucken einer Notiz in Großbuchstaben, damit die Menschen denken, es wäre wirklich wahr.“ (J.L. Borges), im Gegenteil er ist, wenn auch innerhalb der von der Situation und Möglichkeit vorgegebenen Grenzen eines jeden, verwoben mit der stillen und großzügigen Hingabe zum wahrhaft Guten des Leibes Christi und zum fortdauernden Dienst am Menschen.“

Was die Regierung betrifft, stellt man vor allem fest, dass das Staatssekretariat institutionell nicht als Autorität und autonom regiert, sondern die Vorgaben und konkreten Anordnungen der Höchsten Autorität der Kirche ausführt und deshalb aus der Nähe den höchsten Pontifex bei seiner Mission unterstützt. Bei allem erfährt er Unterstützung von tüchtigen Mitarbeitern und den Büros der beiden Abteilungen des Staatssekretariats, die in unterschiedlichen Bereichen Kompetenzen besitzen und durch verschiedene päpstliche Dokumente eingerichtet wurden. Man muss daran erinnern, dass diese päpstlichen Dokumente, wie zum Beispiel die Konstitution „Pastor Bonus“, präzisieren, dass das Staatssekretariat verschiedene Kompetenzen und die Verantwortung der Dikasterien respektieren muss, wie die Kongregationen, die Tribunale, die Räte, die Verwaltung des Patrimoniums des Heiligen Stuhls, die Präfektur der Finanzen des Heiligen Stuhls etc.. Die Aufgabe des Staatssekretariats besteht darin, die Beziehungen mit den unterschiedlichen Dikasterien zu fördern ohne Voreingenommenheit gegenüber ihrer Autonomie und ihre Arbeit zu koordinieren.

Eine der jüngsten Kritiken betraf eine Investition in Lux Vide, die von Ihnen befürwortet worden war. Diese Investition taucht auch im Bericht des IOR vom 9. Juli auf. Können Sie dazu Stellung nehmen? 

Es handelte sich um einen langen Prozess der Untersuchung und der Beurteilung, der 2009 begann und im Dezember 2013 einen Abschluss fand, bis ich, während der Versammlung der Aufsichtskommission der Kardinäle mit der Unterstützung des Prälat und dem Aufsichtsrat (also vor den führenden Organen des IOR) mit einer wohlwollenden Meinung den Vorschlag vorgelegt habe, mit der Lux Vide - bezüglich ihrer Produktion von Fernsehfilmen und solchen die biblischen und christlichen Ursprungs sind und eine lehrende Basis vor dem Hintergrund kirchlicher Projekte zur Evangelisierung haben -, zusammenzuarbeiten. Die einstimmige Annahme wurde zur Niederschrift abgegeben. Das Problem, die technischen Modalitäten dieser Finanzoperation zu untersuchen, war nicht meine Aufgabe, sondern die der Leitung des IOR, die die Ziele des Instituts zum Vorteil der universellen Kirche gegenwärtig hat. Lux Vide ist eine wichtige Gesellschaft auf dem Gebiet der Kommunikation im Bereich des Kinos und des Fernsehens bezüglich der von mir bereits genannten Charakteristiken. Ich erinnere daran, dass der Gründer des IOR, Pius XII., beim Insitut Luce den Film „Pastor Angelicus“ finanziert hat.

Wie ist jetzt als ehemaliger Staatssekretär Ihr Verhältnis zu Papst Franziskus? Und zu Benedikt XVI.? Treffen Sie sich manchmal?

Das Verhältnis ist gut und herzlich. Das letzte Mal, als ich ein persönliches Gespräch mit Papst Franziskus führte, Ende Mai, kommentierten wir genau diese Tatsache des Films „Pastor Angelicus“, und er erinnerte sich daran, ihn als Junge in Buenos Aires gesehen zu haben.

Mit Benedikt XVI. pflege ich nach wie vor ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis. Er hatte die Güte, mich anlässlich meines Priesterjubiläums am 1. Juli zum Mittagessen einzuladen. Wir erinnerten uns an die „guten Zeiten“, die wir gemeinsam bei der Arbeit und beim Teilen der Sorgen sowohl bei der Glaubenskongregation als auch während meiner Amtszeit als Staatssekretär verbrachten.

Eine letzte Frage: wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich bin überzeugt, dass ein Bischof niemals von seiner pastoralen Aufgabe ablässt, und bis Gott mir die Kraft gibt, wird mein Einsatz für die Kirche unverändert bleiben, auch nachdem mein Dienst im Staatssekretariat endete. Vorläufig begleite ich als Mitglied das Wirken und die Tätigkeit einiger Dikasterien. Ich übernehme gern die Aufgabe, mich in Pfarreien oder Gemeinschaften zu begeben, um die Eucharistie zu feiern oder Vortragsveranstaltungen etc. beizuwohnen (zum Beispiel werde ich nun nach Belluno zum Zentrum „Papa Luciani“ fahren, um mein Buch über die vatikanische Diplomatie vorzustellen, was ich in Pordenone im September wiederholen werde). Ich empfange Personen und Gruppen, die Hilfe und Rat wünschen. Mich erreicht Korrespondenz von allen Seiten, und ich versuche, allen zu antworten. Ich habe auch einige Publikationen geplant. Darüber hinaus widme ich mich dem Leben im Gebet in der Gemeinschaft mit den Menschen, die mir der Herr zur Seite stellt.

(Übersetzung: Britta Dörre)