Kardinal Camillo Ruini: Relativismus und die „neue anthropologische Frage“

Wahrheit und Liebe sind der Urgrund des Christentums und seiner Verbreitung

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ROM, 6. September 2007 (ZENIT.org).- Im Rahmen der „Summer School“, die von der Stiftung „Magna Carta“ in Rom veranstaltet wurde, hielt Kardinal Camillo Ruini am Dienstag anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches „Wahrheit Gottes und Wahrheit des Menschen“ die „lectio magistralis“. Dabei konzentrierte sich der Vikar des Papstes für die Diözese Rom auf das Thema „Benedikt XVI. und die großen Fragen unserer Zeit“.



Die Stiftung „Magna Carta“ wurde vor zwei Jahren unter der federführenden Leitung des damaligen Präsidenten des Senats der italienischen Republik, Marcello Pera, gegründet. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, kulturelle, philosophische, soziopolitische und wirtschaftliche Thematiken der abendländischen Kultur zu vertiefen. In diesem Zusammenhang veranstaltet die Stiftung seit dem Jahr 2006 eine einwöchige „Summer School“. Die besondere Schulung, an der 50 ausgewählte Studenten teilnehmen können, die entsprechend ihrer Studiengänge aufgeteilt werden, zielt darauf ab, zur Bildung einer neuen leitenden politischen Klasse beizutragen. Die Stiftung beabsichtigt zudem, eingefahrene kulturelle Hegemonien zu überwinden. Junge Menschen, die die Absicht haben, die Prozesse der Modernisierung zu verstehen und aktiv zu prägen, anstatt diese nur passiv zu erleiden, sollen miteinander in Kontakt gebracht werden. Gleichzeitig sollen die Verbindungen mit anderen „think tanks“ in Europa und Amerika verstärkt werden.

Die Vorlesungen werden von angesehenen Dozenten italienischer und nicht-italienischer Universitäten gehalten. Innerhalb der Lehr- und Lerntätigkeit kommt es zu Begegnungen mit Politikern und Buchautoren, die in der politisch-kulturellen Debatte des Jahres besonders präsent waren.

In seiner „lectio magistralis“ beschäftigte sich Kardinal Ruini mit zwei großen Themen: dem erneuerten Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens sowie mit der von ihm selbst so definierten „neuen anthropologischen Frage“.

Die christliche Botschaft der Ursprünge stellt sich für den Vikar des Papstes gleichsam als eine „Aufklärung des Altertums“ dar. Sie konvergiert zum einen mit dem philosophischen Denken der Griechen und entmythologisiert so das Heidentum. Zum anderen unterbreitet sie eine Ethik der brüderlichen Liebe zu allen Menschen, die den Bedürfnissen, die dem Menschen innewohnen, Rechnung tragen.

Wahrheit und Liebe – logos und agape – stellen deshalb für Kardinal Ruini den Schlüssel für die außerordentliche Verbreitung der christlichen Botschaft in der Welt dar, deren Kraft in der Moderne aus zwei Hauptgründen schwächer zu werden scheine: Einerseits hat die Vernunft nach Worten Ruinis ihren Bereich der Forschung auf die empirische Wirklichkeit beschränkt und somit darauf verzichtet, Gott zu erkennen, insofern er nicht auf „materielle Energie“ zu reduzieren ist.

Andererseits ist das Christentum in den Augen des Kardinals dahin gelangt, zu einer reinen Gewohnheit zu werden, eben zu einer Staatsreligion. So zähme es in seinem Innern die Stimme der Vernunft und der Freiheit. Der Aufklärung komme angesichts dieser Tatsache der Verdienst zu, diese beiden Werte wieder neu in das Bewusstsein von Gesellschaft und Kirche gerückt zu haben. Das Zweite Vatikanische Konzil habe sich seinerseits dadurch verdient gemacht, dass es die Bewegung zur Versöhnung mit der Moderne anstieß.

Kardinal Ruini legte dar, dass diese Bemühungen vor allem in der Bestrebung des Theologen Ratzinger sichtbar werde, den Raum der Vernünftigkeit in der Überzeugung zu erweitern, dass die empirische Vernunft für die Wissenschaft Gültigkeit hat, nicht aber als absolute Erkenntnismethode heranzuziehen ist. Wäre dies der Fall, blieben die fundamentalen Fragen über den Sinn und die Richtung des Lebens des Menschen ohne Antwort. Eine Disziplin wie die Mathematik ist, so der Kardinal, Ergebnis der menschlichen Intelligenz; ein Ergebnis, das sich nicht auf empirische Erfahrung zurückführen lasse, aber dennoch die wirklichen Strukturen des Universums zu erklären vermöge. Die „Absolutsetzung des Relativismus“ ist nach Ruini nichts anderes als ein neuer „Dogmatismus“, der paradoxerweise unliberal ist.

Eng mit dem Thema des Relativismus verbunden, ist nach den Ausführungen von Kardinal Ruini die „neue anthropologische Frage“. Sie ergebe sich aus der Tendenz, den qualitativen Unterschied zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen zu leugnen und ihn, den Menschen, zu einem „reinen Objekt der Natur“ werden zu lassen, das als solches manipulierbar ist wie alle anderen Objekte.

Auf diese Weise richte sich ein Relativismus, der sich als „Krönung der Aufklärung“ ansehen wolle, gegen ein großes, von Kant formuliertes Prinzip der Aufklärung: den kategorischen Imperativ. Er bestehe darin, den Menschen nie nur als Mittel, sondern immer als Ziel anzusehen. So vergesse man, dass nur der Mensch dank seiner Vernunft und Freiheit in der Lage ist, Kultur und Wissenschaft hervorzubringen, logische Strenge, ästhetische Kreativität und vor allem die Haltung an den Tag zu legen, moralische Verantwortung zu übernehmen. Für Kardinal Ruini führt die Gestaltung der menschlichen Dinge ohne Gott dazu, den Menschen zu degradieren.

Auf die Frage einer Studentin der „Summer School“, wie es für einen Katholiken möglich sein könnte, die „nicht verhandelbaren Prinzipien“ in den politischen Diskurs einzubringen, in dem die moralische Ausrichtung im Kompromiss bestehe, antwortete Kardinal Ruini, indem er eine Unterscheidung vornahm: Er differenzierte die Annahme der demokratischen Prinzipien und insbesondere die Regel der Mehrheit von der Pflicht, nicht die eigenen Prinzipien aufzugeben, auch wenn man in der Minderheit ist, sie weiter vorzuschlagen, um die Verabschiedung von neuen Gesetzen zu verhindern, die diesen Prinzipien entgegengesetzt sind, und um Verbesserungen zu suchen gegenüber bestehenden, aber nicht von allen akzeptierten Gesetzen wie dem zur Abtreibung – um die Entfernung, die zu diesen Prinzipien bestehe, immer mehr zu verringern.