Kardinal Cottier über die zwei großen Erfahrungen der Kirche im Jahr 2005

Johannes Paul II. und Benedikt XVI., geistiges Erbe und Kontinuität

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ROM, 12. Januar 2006 (Zenit.org).- Der gebürtige Schweizer Kardinal Georges Cottier, der im vergangenen Dezember nach 16 Jahren das Amt des Päpstlichen Haustheologen abgelegte, ließ in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit der italienischen Tageszeitung \"Avvenire\" die kirchlichen Höhepunkte des vergangenen Jahres Revue passieren.



\"Zwei Ereignisse haben mich besonders tief beeindruckt\", erklärte der 83-jährige Dominikaner. \"Das erste war, dass Papst Johannes Paul II. das \'Jahr der Eucharistie\' ausrief und auf diese Weise die Rahmenbedingung für eine große spirituelle Erneuerung der Kirche geschaffen hat, und (…) in diesem Kontext erlebte er dann seine eigene Krankheit und seinen Tod. Er hat uns ein großartiges geistiges Erbe hinterlassen. Und, wie wir alle sehen konnten, ist das den Menschen tatsächlich bewusst geworden.\"

Als zweites herausragendes Ereignis nannte Kardinal Cottier die \"friedliche Weise, in der sich die Sukzession abspielte, die Wahl Benedikts XVI. Nach einem Pontifikat, das länger als 26 Jahre gedauert hat, wären Probleme oder Schwierigkeiten etwas völlig Normales gewesen\", betonte der Kardinal. \"Die Geschichte zeigt uns ja, dass dies leicht hätte passieren können und vollkommen natürlich und verständlich gewesen wäre. Dennoch: Nichts davon ist eingetroffen.\"

Einheit

Aus Altersgründen, fuhr Kardinal Cottier fort, habe er sich an der Wahl Benedikts XVI. nicht beteiligen können. Aber während der Generalkongregationen, die er zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Kardinalkollegiums im Vorfeld des Konklaves besucht hatte, habe er keinerlei Spannungen oder Unstimmigkeiten ausgemacht.

\"Immer wieder wurde gesagt, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen sollten, aber nie wurde zugegeben, dass es oft schwierig ist, diese Zeichen im Augenblick ihres Erscheinens wahrzunehmen\", fuhr der Kardinal fort. \"Aber diese beiden Ereignisse, von denen sich soeben gesprochen habe, waren wirklich solche Zeichen der Zeit, und sie haben sich uns, der Kirche, aber auch der ganzen Welt ganz klar zu erkennen gegeben.\" Der große Respekt vor der Person Johannes Pauls II., der rekordverdächtige Ansturm von Trauergästen und die Berichterstattung dieser Tage seien Beweis dafür, fügte Kardinal Cottier hinzu.

Das Wirkungsfeld von Karol Wojtyla sei eine chaotische Welt gewesen. \"Aber Johannes Paul II. war eine Eiche, ein unverrückbarer Bezugspunkt.\" Und in einer Zeit, in der \"eine bestimmte Kultur das Vaterschaftskonzept nicht gern hat, während die Notwendigkeit dieser Vaterschaft neu erkannt wird (…), konnte Papst Wojtyla dieses Bedürfnis stillen.\"

Der Vorgänger Benedikts XVI. \"ist gerade deshalb ein Verteidiger des Friedens und der Liebe gewesen, weil er das Leben geliebt hat und weil er, wenn man das so sagen kann, all diejenigen, die eine andere Lebensanschauung haben, gewissermaßen dazu verpflichtet hat, sich zu hinterfragen und nachzudenken\", sagte der Kardinal. \"Er brachte einen zum Nachdenken, indem er völlig wehrlos auftrat, als Beispiel für evangeliumsgemäße Armut.\"

Kontinuität

Die Wahl Benedikts XVI. sei ein \"Zeichen der Kontinuität\" gewesen, für Kardinal Cottier \"etwas wirklich Wunderschönes\". Und das nicht zuletzt \"wegen des Zeugnisses, das die Kirche von sich gegeben hat\", fügte er hinzu.

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. seien zwar völlig unterschiedliche Menschen, aber auf sehr tiefe und sichtbare Weise miteinander verbunden. \"Vor allem gibt es zwei Charakterzüge, die beiden Päpsten gemein sind: Zum einen, dass sie beide ein tiefes inneres Leben führen, und zum anderen, dass sie die Kirche sehr lieben.\" Außerdem verfügten beide über einen \"sehr großen Verantwortungssinn: Sie treffen eine Entscheidung und führen sie aus. Und wenn sie etwas sagen müssen, dass sagen sie es klar und deutlich, ohne Unklarheiten zuzulassen.\"