Kardinal Dziwisz zum bischöflichen Memorandum über die Zusammenarbeit einiger polnischer Priester mit den kommunistischen Sicherheitsbehörden

Interview mit dem Erzbischof von Krakau

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KRAKAU, 31. August 2006 (ZENIT.org).- Ein umfangreiches "Memorandum über die Zusammenarbeit von einigen Priestern mit den Sicherheitsbehörden in Polen in den Jahren 1944-1989" wurde am 25. August von der polnischen Bischofskonferenz veröffentlicht.



Das für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit zuständige Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), das aus Historikern und Kirchenmännern besteht, hatte die Vorarbeit zu dem Dokument geleistet, das der Öffentlichkeit pastorale Kriterien zur Bewertung von einigen Priestern geben an die Hand geben will, die auf Druck der kommunistischen Sicherheitsbehörden hin als Informanten tätig geworden waren.

In Deutschland schrieb der polnische Germanist Karol Sauerland Mitte August in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung", das bis zum Jahr 1982 rund 6.000 Priester und kirchennahe Personen als "inoffizielle Mitarbeiter" des kommunistischen Regimes fungiert haben könnten.

Im Auftrag von ZENIT sprach Wlodzimierz Redzioch mit Kardinal Stanislaw Dziwisz, dem Erzbischof von Krakau, über all diese Dinge.

ZENIT: Eminenz, am vergangenen Freitag veröffentlichte der polnische Episkopat das "Memorandum über die Zusammenarbeit von einigen Priestern mit den kommunistischen Sicherheitsbehörden in Polen". Was hat es damit auf sich?

--Kardinal Dziwisz: Das Dokument wurde von der Kommission des Nationalen Gedenkens (IPN) erarbeitet, die ich im Zusammenhang mit der so genannten "Überprüfung auf Kollaboration" ("lustracja") des Klerus in Krakau und in anderen polnischen Städten einberufen habe.

Nach der Öffnung der Archive des kommunistischen Sicherheitsdienstes wurde bestätigt, dass einige Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen mit ihnen zusammengearbeitet haben. In einigen Fällen handelt es sich um falsche Anschuldigungen, die auf gefälschten Unterlagen basieren, die vom Sicherheitsdienst selbst stammen. So ist eine Art "Instruktion" mit theologisch-pastoralem Charakter vorbereitet worden, die versucht, eine moralische Bewertung der verschiedenen Formen von Zusammenarbeit vorzunehmen und aufzuzeigen, wie sich die Kirche gegenüber jenen Mitgliedern des Klerus verhalten soll, die Schuld auf sich geladen haben.

ZENIT: Zu welchen Schlussfolgerungen sind Sie dabei gelangt?

--Kardinal Dziwisz: Das Dokument ist sehr lang, und deshalb ist es schwierig, es in zwei Worten zusammenzufassen. Vorab stellt es sehr klar fest, dass jede freie und freiwillige Zusammenarbeit mit den kommunistischen Sicherheitsbehörden eine Sünde ist. Konsequenterweise gilt, dass jeder, der sich von dieser Schuld befreien möchte, sie zuerst vor dem eigenen Gewissen verantworten muss, vor Gott und vor den Menschen, denen man Böses zugefügt hat. Danach muss er um Vergebung bitten und dieses Böse wiedergutmachen. Das "Memorandum" erinnert daran, dass dies zur Umkehr und nicht zur Verurteilung führt, zur Vergebung und nicht zu Hass und Rache.

ZENIT: Wenn es wie hier um den Klerus geht, was bedeutet das dann in der Praxis?

--Kardinal Dziwisz: Einem Priester ist es aufgegeben, seinem Bischof freiwillig zu gestehen, dass er mit den Kommunisten zusammengearbeitet hat; wenn es sich um einen Ordensmann handelt, dann sollte er dies gegenüber seinem Oberen tun. Es geht dabei um die Beweggründe, die Natur der Kontakte und um den möglichen Schaden, den das für andere mit sich brachte.

Zusammen können sie dann entscheiden, wie man das öffentliche Ärgernis wieder beheben und gutmachen kann. In einigen Fällen kann es durchaus nötig sein, das jemand, der ein bestimmtes Amt ausübt (besonders, wenn es sich um ein wichtiges Amt handelt), davon zurücktritt. Alle, die sich spontan stellen, können jedoch mit Erbarmen und Vergebung rechnen. Ich selber glaube aber nicht, dass die Zahl der Kollaborateure unter den Priestern sehr hoch gewesen ist.