Kardinal Erdö berichtet von seiner Begegnung mit Patriarch Alexeij II. in Moskau (Teil 1)

Interview mit dem Primas von Ungarn und Präsident des CCEE

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BUDAPEST, 30. August 2007 (ZENIT.org).- Am 15. Juni fand in Moskau ein wichtiges Treffen zwischen dem russisch-orthodoxen Patriarchen Alexeij II. und Kardinal Peter Erdö, Primas von Ungarn und Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), statt. Kardinal Erdö stand der katholischen Delegation vor, die an den Beratungsgesprächen zwischen den beiden Kirchen teilnahm.



Die Vertreter der katholischen und der orthodoxen Kirche haben sich dabei schwerpunktmäßig mit den anthropologischen und ethischen Grundlagen des kirchlichen Lehramts befasst, unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Ordnung, der Menschenrechte und der Würde der Person.

ZENIT: Zu welchen Ergebnissen sind die Beratungen in Moskau gelangt?

-- Kardinal Erdö : In den vergangenen Monaten haben verschiedene Beratungsgespräche in Moskau zwischen Katholiken und Orthodoxen stattgefunden. In meinem Fall handelte es sich um eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche und dem CCEE, oder genauer gesagt, der katholischen Kirche. Zwei Dikasterien waren ebenfalls mit Experten und hochrangigen Beamten vertreten: Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden und die Kongregation für die Glaubenslehre. Ferner waren auch zwei Bischöfe zugegen, die sich auf europäischer Ebene mit den Themen Gerechtigkeit und Frieden beschäftigen. Unsere Delegation bestand also aus Personen, die bestens in der Lage waren, das seitens der Orthodoxen vorgeschlagene Thema in Angriff zu nehmen.

Thema waren die Menschenwürde und die fundamentalen Fragen der Soziallehre der Kirche: Probleme und anthropologische Konzepte, die notwendig sind, um eine Gesellschaft gemäß der Botschaft Jesu, gemäß den Grundsätzen des Christentums zu schaffen.

Zunächst einmal ging es uns dank der intellektuell und geistlich gesehen äußerst ansprechenden Gespräche sehr gut. Die orthodoxen Kollegen waren erstklassige Professoren und kannten, abgesehen von der christlichen Philosophie, auch unsere gemeinsame Tradition und die Lehre der Kirchenväter sehr genau.

Beispielsweise wurde das Konzept der Menschenwürde vertieft, sowie auch einige Elemente der Gerechtigkeit und der Soziallehre als solche, das heißt die Frage, welche Disziplinarstellung die kirchliche Soziallehre einnimmt.

Viele – darunter auch ich – waren der Meinung, dass die Soziallehre wie auch die Bioethik selbstständige Teile der Moraltheologie darstellen, weil es sich dabei um ein moralisches Urteil über die Wirklichkeiten in einem bestimmten Bereich handelt – einem Bereich, der derart kompliziert ist, dass das für eine konkrete christliche moralische Antwort erforderliche Fachwissen nahezu selbstständige Disziplinen hervorbringt.

Dennoch haben sowohl die Bioethik als auch die Soziallehre der Kirche eine Argumentationsstruktur, die der Moraltheologie eigen ist. Das bedeutet, dass jeder Sachverhalt gemäß dem Erbe und Reichtum unseres Glaubens und daher nach dem kirchlichen Lehramt gegliedert werden muss. Es reicht jedoch nicht aus, die Prinzipien zu kennen. Wir müssen zu den konkreten Wirklichkeiten gelangen, was in der äußerst komplizierten Welt von heute weit reichende Kenntnis – wenn wir so wollen – naturwissenschaftlicher Natur, oder auch Kenntnisse der säkularen Wissenschaften verlangt. Deshalb ist der Dialog, den das Christentum mit den modernen Wissenschaften führt, notwendig – gerade auch, um zu konkreten und überzeugenden Antworten auf die doch so zeitgemäßen und schwierigen Fragen unserer Gesellschaft zu kommen.

Eines der Ergebnisse unserer Gespräche besteht darin, dass wir erkannt haben, dass die Katholiken und Orthodoxen dieselbe Aufgabe haben: eine christliche Antwort auf diese aktuellen Probleme zu finden. Dann haben wir gesehen, dass es unerlässlich ist, die Grundlagen, Handlungsweisen und Formulierungen unserer Glaubensprinzipien zu vertiefen, die wir in solchen Fragen teilen, die aber in der Geschichte der Theologie zu unterschiedlichen Konzepten geführt haben. Aus diesem Grund ist es erforderlich, diese Bereiche eingehender zu untersuchen und Problemfragen herauszugreifen, die wir in Zukunft gemeinsam untersuchen wollen. Deshalb könnte eines der Ergebnisse auch die Weiterführung dieses Dialogs sein. Die katholische Seite könnte vom CCEE organisiert oder beherbergt werden, während, was die Orthodoxen betrifft, die verschiedenen orthodoxen Patriarchate Europas sicherlich Interesse an diesem unserem gemeinsamen Gespräch haben werden.

Ein weiterer großartiger Erfolg war auch die Begegnung mit dem Patriarchen Alexeij II. Es handelte sich um ein sehr herzliches Ereignis, die Bezeugung herzlicher Gefühle zwischen den ungarischen Katholiken und den orthodoxen Russen. Im letzten Jahr kam es zwecks der Vergebung der gemeinsamen Geschichte des russischen und des ungarischen Volkes zu einem Briefwechsel mit dem Patriarchen Alexeij. Dieser Briefwechsel ist von vielen mit großem Interesse und auch mit einer gewissen Freude verfolgt worden. Andere hingegen haben gefragt: Wie können die Ungarn vergeben? Oder auch: Wie können sie sagen, dass auch sie in der Geschichte etwas gegen das russische Volk verübt haben? Ich denke, dass die Versöhnung stets gegenseitig sein muss und dass die rechte Einstellung immer die Offenheit des Herzens ist, oder auch – wie es Johannes Paul II. genannt hat – „die Reinigung des Gedächtnisses“.

In diesem Zusammenhang hatte ich die Ehre, Patriarch Alexeij II. eine Reliquie unseres ersten christlichen Königs, dem heiligen Stephan, zu übergeben, der im Jahr 1038 verstorben ist, zu einer Zeit, als die Kirche noch vereint war, vor dem Schisma. Deswegen ist der heilige Stephan nicht nur ein Heiliger der katholischen Kirche, sondern er ist auch vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. anerkannt und im Jahr 2000 heilig gesprochen worden.

Unter den Orthodoxen gibt es hinsichtlich der Verehrung von Heiligen eine Gemeinsamkeit. Ein Patriarchat, eine autokephale Kirche benötigt jedoch ein Dekret, einen Entschluss, um die Verehrung einer Person, die bereits von einer anderen orthodoxen Kirche heilig gesprochen wurde, zu verallgemeinern.

Als Patriarch Alexeij II. die Reliquie des heiligen Stephan geküsst und versprochen hat, sie in die Reihe der Heiligenreliquien einzufügen, die in der Christ-Erlöser-Basilika in Moskau verehrt werden, kam das für mich einer allgemeinen Anerkennung seitens der russisch-orthodoxen Kirche gleich.

Wenn ich noch einmal auf Ungarn zurückkommen darf, haben die Russisch-Orthodoxen bereits in den vergangenen Jahren das Fest des heiligen Stephan gefeiert. Die Verehrung vor Ort existierte also bereits zuvor. Diese Geste der Übergabe der Reliquie war ein unvergesslicher Augenblick und erinnert auch an die Tatsache, dass die Heiligenreliquien sowohl in der orthodoxen als auch in der katholischen Kirche geschätzt und verehrt werden.

[Teil 2 dieses Interviews erscheint am Freitag]