Kardinal Erdö berichtet von seiner Begegnung mit Patriarch Alexeij II. in Moskau (Teil 2)

Interview mit dem Primas von Ungarn und Präsident der CCEE

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BUDAPEST, 3. September 2007 (ZENIT.org).- Die entscheidende Herausforderung hinsichtlich des Gemeinwohls ganz Europas, vor der Katholiken und Orthodoxen gleichermaßen stehen, besteht nach Worten von Kardinal Peter Erdö, Primas von Ungarn, darin, die moralischen Grundlagen des Rechts und des Zusammenlebens zu stärken.



In diesem Interview mit ZENIT zieht der Erzbischof von Budapest, der zugleich Vorsitzender der Ungarischen Bischofskonferenz und Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) ist, Bilanz der zweitägigen Begegnung zwischen Vertretern der katholischen und der orthodoxen Kirche in Moskau.

Der erste Teil des Interviews erschien am 30. August.

ZENIT: Während der orthodox-katholischen Beratungsgespräche haben Sie sich auch mit dem Metropoliten Kyrill getroffen. Was war das Thema dieses Gesprächs?

-- Kardinal Erdö : Zunächst einmal hatten wir das Glück, die gleichen gemeinsamen Arbeitssitzungen zu leiten. Metropolit Kyrill hat bei unseren Besprechungen auch intellektuell einen großen Beitrag geleistet. Dann haben wir natürlich in unserem persönlichen Austausch nach einer Vorgehensweise für die Zukunft gesucht, um den für Europa so bedeutungsvollen Dialog weiterführen zu können. Sicherlich stehen wir uns sehr nah, wenn wir anerkennen, dass sowohl im moralischen Fundament der Gesellschaften des Ostens als auch des Westens ein gewisses Vakuum vorzufinden ist, das heißt dass das gesamte Zusammenleben nicht einzig und allein durch das positive Recht geregelt werden kann, vor allem nicht, wenn die menschliche, gesetzgebende Autorität meint, die Gesetze vollkommen frei nach Ansicht der Mehrheit erlassen zu können.

Wir sind hingegen überzeugt, dass die Wirksamkeit des Gesetzes es erfordert, dass jene Normen auch eine direkte Übereinstimmung mit der gesamten Wirklichkeit, mit der gesamten objektiven Realität haben. In vielen Kulturen spricht man in diesem Zusammenhang vom natürlichen Recht, und es ist sicherlich notwendig, dass die Gesellschaft sich auch moralisch verpflicht fühlt, die Gesetze zu achten. Ansonsten scheint die Alternative in der Kriminalisierung der Gesellschaft zu liegen, was eine reale Gefahr zu sein scheint. Also müssen die moralischen Grundlagen des Rechts und des Zusammenlebens der Gesellschaft gestärkt werden. Das stellt sowohl für die Orthodoxen wie auch für die Katholiken eine Herausforderung dar. Das ist der Grund dafür, warum wir unsere Beratungen fortsetzen und vielleicht auch in einer kleinen Vorbereitungsgruppe die Themen für eine zukünftige Tagung wählen müssen.

ZENIT: Auf welche Schwierigkeiten oder Konflikte sind Sie in ihrer Arbeit an diesen beiden Tage gestoßen?

-- Kardinal Erdö : Ich würde nicht sagen, dass es zu Konflikten kam. Gewiss befinden wir uns auf der Suche nach einer Vorgehensweise der Zusammenarbeit, aber das bedeutet meiner Meinung nach keinen Konflikt. Wir bewegen uns auf einer ganz speziellen Ebene: Einerseits geht es um Fragen der praktischen Theologie, vor allem um Probleme der Gesellschaften Europas, die wir als Christen angehen sollen; deshalb handelt es sich um wissenschaftliche Fragen. Dieses Gespräch beschäftigt aber irgendwie auch die Kirchen, jedoch nicht in den höchsten Positionen. Die methodologische Frage lautet nun: Wie können wir die Kirchen in diesen eher praktischen und wissenschaftlichen Dialog einbeziehen?

Der CCEE ist natürlich kein Organ des Lehramts der katholischen Kirche. Er beschäftigt sich sehr häufig mit modernen pastoralen Fragen in der europäischen Gesellschaft. In diesem Sinn gibt es eine gemeinsame Basis. So begegnen sich der wissenschaftliche und der kirchliche Aspekt; doch müssen wir sehr vorsichtig voranschreiten, um die institutionellen Ebenen und Formen dieser kirchlichen Beteiligung am wissenschaftlichen Teil des Dialogs zu ermitteln.

ZENIT: Wie sieht die nächste Etappe des Dialogs auf dem Weg zur Einheit aus?

-- Kardinal Erdö : Der Dialog in Richtung Einheit wird nicht an diesem Ort geführt. Die große Einheit, die volle Gemeinschaft der Christen, wird zum Einen durch die tägliche, bescheidene Arbeit vieler Experten vorangebracht, die viel Demut und Geduld verlangt. Andererseits ist die volle Einheit der Christen ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, ein Geschenk des Heiligen Geistes, das nicht geplant werden kann. Unsere menschlichen Kräfte reichen nicht aus, um die Einheit wiederherzustellen. Eben deshalb müssen wir auch innig beten, damit wir erleben können, dass die göttliche Vorsehung uns auch Unerwartetes schenken kann.

Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Ebenen des Dialogs: Für den dogmatischen Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und den verschiedenen orthodoxen Kirchen ist der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen zuständig, an dessen Spitze Kardinal Walter Kasper steht. Dann gibt es da auch andere Beziehungen zwischen den örtlichen orthodoxen und katholischen Kirchen oder den verschiedenen Patriarchaten und den unterschiedlichen katholischen Gemeinschaften vor Ort.

Die ungarische Kirche kann sich glücklich schätzen, auf ihrem Gebiet Kontakte zu fünf orthodoxen Patriarchaten zu pflegen, die in unserem Land eine gewisse hierarchische Struktur haben. Diese Verbindungen entwickeln sich gut, und kommen auch in gemeinsamen Begegnungen, Tagungen, Konferenzen und auch in einer gewissen Gastlichkeit bei unseren Festen zum Ausdruck. Selbstverständlich besteht zwischen uns keine volle Gemeinschaft. Daher kann es auch keine gemeinsame Feier der Liturgie geben. In diesem Punkt sind unsere orthodoxen Brüder ebenso feinfühlig, wenn nicht sogar mehr als wir. Während der Christmette jedoch haben wir unterschiedliche orthodoxe Bischöfe zugast, sowie andere Vertreter der christlichen Kirchen oder Gemeinschaften.

Ich hoffe, dass diese Begegnungen sich noch häufiger und warmherziger gestalten werden. Ich sehe auch noch andere Möglichkeiten: Kongresse, die von verschiedenen Universitäten gemeinsam organisiert werden. So haben die Katholische Universität von Budapest, ihre theologische Fakultät und jene des Kirchenrechts, und die vier theologischen Fakultäten der Universität Babes-Bolyai in Cluj-Napoca in Rumänien bereits seit über 7 Jahren regelmäßig Begegnungen und gemeinsame Tagungen zu sehr aktuellen Themen.

ZENIT: Jüngstens äußerte Kardinal Kasper, dass die Begegnung zwischen dem Papst und dem Patriarch Alexeij II. in einem Jahr stattfinden könnte. Was halten Sie davon?

-- Kardinal Erdö : Zuallererst habe ich weder mit Patriarch Alexeij noch mit Metropolit Kyrill über eine derartige Begegnung gesprochen. Ich habe noch nicht einmal danach gefragt, weil ich mich in dieser Hinsicht nicht für kompetent halte. Sicherlich war vor einigen Jahren sogar von der Möglichkeit einer Begegnung in Ungarn die Rede. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die zentrale Frage nicht darin besteht, wo die Zusammenkunft erfolgt, sondern wann und in welchem Zusammenhang.

Bestimmt werden es die höchsten Verantwortlichen unserer Kirchen sein, die die beste Lösung suchen werden. Es ist sicher und ich bin auch davon überzeugt, dass von katholischer Seite niemand Schwierigkeiten verursachen möchte, weder in der russischen Gesellschaft noch in der russischen Kirche. Es ist keine Übertreibung, sondern eher ein großer Traum, weil die Begegnung zwischen dem Heiligen Vater und Patriarch Alexeij ein bedeutendes Symbol für die Christen Europas und der ganzen Welt darstellen würde.

ZENIT: Worin besteht Ihrer Ansicht nach der Beitrag von Papst Benedikt XVI. zum Dialog auf dem Weg zur Einheit der beiden Kirchen?

-- Kardinal Erdö : Wenn wir von der russischen-orthodoxen Kirche sprechen, kann man in den letzten Jahren eine Intensivierung des Dialogs beobachten; vielleicht deshalb, weil diese auf seine Wahl als erste der orthodoxen Kirchen reagierte; weil die orthodoxe Welt in seiner Person und in seiner Lehre eine gewisse Gewährleistung der Identität in der gemeinsamen christlichen Tradition sieht und die Möglichkeit zu einer weitreichenden gemeinsamen Basis, was unseren Glaubens anbetrifft, auch hinsichtlich der Realisierung unseres Glaubens in der Gesellschaft.