Kardinal Erdö über die Aufgaben des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen

Interview mit dem neuem Vorsitzenden des CCEE

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SANKT PETERSBURG, 24. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Die diesjährige Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen CCEE, die vom 5. bis zum 8. Oktober erstmals in Russland stattgefunden hat, verspricht nach Kardinal Peter Erdö viel Gutes für das Leben der Kirche in Europa.



Der 54 Jahre alte Erzbischof von Esztergom-Budapest und Primas von Ungarn, der beim Treffen der europäischen Bischöfe in Sankt Petersburg zum Nachfolger des bisherigen Vorsitzenden dieser Institution, des Churer Bischofs Amédée Grab, ernannt wurde, geht im vorliegenden Interview näher auf die Arbeit des CCEE und die Zukunft der Kirche in Europa ein. Das Gespräch führte die ZENIT-Korrespondentin Viktoria Somogyi anlässlich der Vollversammlung in Sankt Petersburg.

ZENIT: Bei der jüngsten Vollversammlung wurde besonderes Gewicht auf die Themen Familie, Berufungen und Priesterausbildung gelegt. Was war Ihrer Meinung nach das wichtigste Ergebnis dieser Tagung?

--Kardinal Erdö: Einer der bedeutendsten Erfolge war zunächst die Möglichkeit, diese Vollversammlung in Russland abzuhalten, und zwar im Priesterseminar von Sankt Petersburg.

In Bezug auf Priesterberufungen kann ich sagen, dass wir uns in einer Umgebung aufgehalten haben, wo man das wahre Gewicht und die Bedeutung des Priesters und seiner Arbeit sehen konnte. Ich bin davon überzeugt, dass die ehemals kommunistische Welt dem anderen Teil des europäischen Kontinents diesbezüglich noch viel zu sagen hat.

Dann war da natürlich die Tatsache der gegenseitigen Unterstützung, der Anwesenheit von Bewegungen und kleinen Ordensgemeinschaften aus allen Teilen Europas, die uns sowohl als gelebte Erfahrung als auch als theoretische und praktische Möglichkeit beeindruckt haben.

Deutlich kam zum Ausdruck, wie wichtig der Inhalt bei der theologischen Ausbildung ist, auf den Fakultäten und in der Arbeit in den Priesterseminaren.

In Bezug auf Ehe und Familie stellt die Krise, die die natürlichsten und grundlegendsten Konzepte zu diesem Thema in unserer europäischen Kultur erleben, einen der heikelsten Punkt überhaupt dar. Es ist klar, dass diese menschlichen Werte nicht nur geschützt werden müssen, sondern von allen Christen auch auf attraktive und überzeugende Weise vorgelebt und erklärt werden müssen.

In diesem weiten Feld der Förderung von grundlegenden Werten haben wir vieles mit der orthodoxen Kirche gemeinsam. Das war eine freudige Entdeckung, die von allen, die anwesend waren, geteilt wurde.

ZENIT: In seiner Grußbotschaft zum Treffen in Sankt Petersburg äußerte der Heilige Vater die Hoffnung, dass damit das Zeugnis und der Beitrag gefördert würde, „den die katholische Kirche in brüderlicher Zusammenarbeit mit den anderen christlichen Konfessionen zur Identität und zum Allgemeinwohl Europas leisten kann“. Wie kann in diesem Sinn der Beitrag des CCEE zum moralischem Wachstum in Europa und zum Integrationsprozess aussehen?

--Kardinal Erdö: Als erstes denke ich an eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Glaubensverbreitung.

Wir haben über Katechese, Religionsunterricht und die christliche Erziehung im Allgemeinen sowie über die Zusammenarbeit unter den unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften in diesem Bereich gesprochen – natürlich unter Wahrung der jeweiligen Identität. Besondere Betonung fand die Herausforderung, Kontakte zu den politischen Führungspersönlichkeiten und den Verantwortlichen unserer Gesellschaft aufzubauen, um die grundlegenden und menschlichen Werte geltend zu machen, von denen die Existenz unserer Völker abhängt.

Wir wissen, dass die Wirklichkeit respektiert werden muss, sonst zerstört sich die Gemeinschaft selbst. Deshalb müssen wir uns um Kontakte kümmern, um tiefere Beziehungen in der Ökumene, aber auch um Beziehungen im gesellschaftlichen Bereich.

ZENIT: Denken Sie, dass die von der Kirche verbreiteten Werte beim europäischen Integrationsprozess entsprechende Berücksichtigung erfahren?

--Kardinal Erdö: Das ist eine Frage von großer Bedeutung. Es ist mir nicht möglich zu sagen, in welcher Beziehung Integration und Werte zueinander stehen werden. Natürlich hat es auch Anlass zur Sorge über bestimmte Empfehlungen gegeben, besonders von Seiten des Europarates. Im Europarat, der nicht mit der Europäischen Union verwechselt werden darf, vor der die katholische Kirche ja durch einen Apostolischen Nuntius vertreten wird und mit der darüber hinaus die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) in regem Kontakt steht, werden Empfehlungen verfasst, die manchmal die so genannten „neuen Grundrechte“ propagieren wollen, die nichts mit der klassischen Erklärung der Grund- oder Menschenrechte zu tun haben.

Es geht dabei beispielsweise um eine aufoktroyierte Interpretationsweise von Gleichheit, die womöglich auch versucht, die Identität von religiösen Gemeinschaften und die Autonomie der Kirchen zu marginalisieren. Des weiteren stellen wir auch andere Tendenzen fest, die die Rechtssprechung jeder Nation beeinflussen.

Aus diesem Grund muss die Autonomie im Bereich der Legislative jedes Landes, gerade auch hinsichtlich der grundlegenden menschlichen Werte, unterstrichen werden.

Schließlich ist es entscheidend, dass auch zum Beispiel Russland und die Türkei im Europarat vertreten sind, da die Abgeordneten dieser Nationen in jüngster Zeit mehrmals dazu beigetragen habe, diese wesentlichsten menschlichen Werte unseres gemeinsamen europäischen Erbes zu schützen.

ZENIT: Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz unterstrich in seiner Predigt während des Abschlussgottesdienstes zur Vollversammlung die Anteilnahme am Schicksal der „kleinen Schafherde“ der russischen Katholiken. Was ist die Haltung des CCEE zur Unterstützung der katholischen Kirche im ehemaligen Ostblock?

--Kardinal Erdö: In Bezug auf die finanzielle Unterstützung können wir bereits auf eine lange „Geschichte der Großherzigkeit“ zurückblicken, vor allem seitens der Gläubigen aus Westeuropa.

Es gibt aber auch Unterstützung im kulturellen Bereich und den Austausch pastoraler Erfahrungen. Darüber hinaus war die physische Gegenwart so vieler Bischöfe an einem Ort ein großes Zeichen. Es war das erste Mal in der russischen Geschichte, dass so viele Vorsitzende von katholischen Bischofskonferenzen zugegen waren.

Die öffentliche Meinung in Russland war sich über dieses Phänomen, diese Begegnung durchaus im Klaren. Ich glaube, dass dieses sichtbare Ereignis an sich schon eine Art Trost für die katholischen Gemeinden in Russland war.

Die Herde scheint auch gar nicht so klein zu sein: In Sankt Petersburg beispielsweise waren vor der Oktoberrevolution 7 Prozent der Bevölkerung katholisch. Heute scheint ein ähnlich hoher Prozentanteil auf die eine oder andere Weise mit der katholischen Kirche verbunden zu sein.

Heute haben wir eine sehr schöne Messe in der renovierten Gemeindekirche gefeiert, in der Mutterkirche, der ältesten katholischen Gemeinde von Sankt Petersburg: Sie ist der heiligen Katharina von Alexandrien gewidmet und wurde noch zur Zeit der Zarin Katharina der Großen erbaut.

Die Kirche war brechend voll mit Menschen aller Generationen, auch mit vielen jungen Menschen. Es wurde gesungen, und sie alle kannten die liturgischen Texte gut.

Wir haben eine sehr dynamische und lebendige Gemeinde vorgefunden. In diesem Sinn können wir uns von der katholischen Kirche in Russland auch inspirieren lassen.