Kardinal Gianfranco Ravasi: Sant' Egidio im Dienst an einer Welt mit all ihren Tragödien

Liturgie zum 43. Jahrestag der Gemeinschaft Sant'Egidio

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ROM, 7. Februar 2011 (ZENIT.org).- "Oft seid ihr aufgebrochen in allen Ländern, in den 73 Ländern der Welt, in denen ihr seid", erklärte Kardinal Gianfranco Ravasi vor den Leitern und Mitgliedern der Internationalen Bewegung St. Egidio zum 43. Jahrestag ihrer Gründung am vergangenen Donnerstag.

"Ihr seid unterwegs gewesen auf Straßen, die oft nächtliche Straßen waren, auf denen das Tuch der Nacht, der Finsternis lag, nicht nur im chronologischen Sinn sondern auch der Finsternis des Geistes. Dann seid ihr den Menschen begegnet, die oftmals nachts wie Gespenster umherziehen, und begegnet ihnen auch weiterhin, wie auch wir Jünger ihnen weiterhin begegnen müssen".

Wir veröffentlichen die von Sant'Egidio zu Verfügung gestellte deutsche Übersetzung der Predigt:

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Predigt von Kardinal Gianfranco Ravasi
Rom, Basilika St. Paul vor den Mauern
Hebr 12, 18-19.21-24
Mk 6, 7-13

Schwestern und Brüder,

über unsere Gedanken zum Wort Gottes möchte ich das Bild des Hebräerbriefes stellen, jener außergewöhnlichen Homilie der Kirche des Anfangs, das wir im Wortgottesdienst heute Abend betrachtet haben. Dieses Bild möchte ich gewissermaßen auf diese Versammlung übertragen, denn der Verfasser erklärt: Denn ihr seid nicht zum Berg inmitten von dunklen Wolken hingetreten, der Angst hervorruft, ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, und ihr bildet in ideeller Weise die festliche Versammlung der Gemeinschaft der Erstgeborenen. Ich möchte mich auf dieses Bild beziehen, das zudem im griechischen Original für Versammlung das Wort εκκλησια verwendet. Wir sind hier in einer festlichen Versammlung, wir befinden uns in einer εκκλησια, einer Ortskirche, die sich versammelt und in deren Versammlung viele Gesichter vereint sind.

Es sind unterschiedliche Gesichter, die ich in diesem Augenblick nicht beschreiben kann, weil sie so vielfältig sind. Ich möchte nur einige nennen und vor allem bei meinen Mitbrüdern, den Kardinälen und Bischöfen beginnen, die hier so zahlreich mit mir vereint sind. Ich möchte besonders das euch selbstverständlich vertraute Gesicht von Bischof Vincenzo Paglia nennen und auch das Gesicht meines und eures Freundes Andrea Riccardi, sowie des aktuellen Präsidenten dieser Gemeinschaft, Impagliazzo, erwähnen. Dann auch alle anderen Gesichter und am Ende möchte ich auch mein Gesichter hinzufügen, denn unsere jetzigen gemeinsamen Überlegungen beziehen sich auf die Feier der festlichen Vesammlung, auf eine Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt, wie ihr gehört habt, Jesus steht, der Mittler des neuen Bundes, von dem ein Strom von reinigendem Blut ausgeht, das mächtiger ruft als das Blut der mit Abel beginnenden Geschichte der Märtyrer, wie der Verfasser sagt.

Wegen dieser Vertrautheit beziehen sich meine Gedanken, die ich euch jetzt vortrage, nicht auf ein ausgefeiltes offzielles Diktat. Wir befinden uns in einer Feier, wie sie uns Christus auch am letzten Abend seines irdischen Lebens aufgetragen hat, als er in das Obergemacht des Hauses in Jerusalem hinaufstieg und sein Abendmahl feierte. Nach dem Johannesevangelium sprach er lange, und nach Meinung der Exegeten sprach er in einem Wortschwall nach dem anderen, ähnlich wie die Wellen der Braundung des Meeres am Ufer, wo die ständige Bewegung der Wellen immer wieder anders ist, doch sich am selben Ort abspielt und immer denselben Klang und dieselbe Bewegung wiederholt.

Ich möchte hier mit derselben Spontaneität und über das Wort Gottes sprechen, das wir gehört haben, vor allem über dieses Evangelium, das wir nicht selbst ausgewählt haben, sondern das zum Leseplan der Werktagsliturgie gehört. Diesem Text des Markusevangeliums möchte ich mit euch in Einfachheit vier Bilder, vier Symbole entnehmen, die uns vor Augen stehen.

Zweifellos ist das erste Bild in den Worten Christi enthalten und wird noch eindrücklicher, wenn wir den griechischen Originaltext nehmen: "Er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen". Das griechische Wort für Weg lautet οδός, also Straße, Weg. Auf diesen Weg machen sich die Jünger Jesu nicht mit schwerem Gepäck, sondern sie gehen leicht und unbeschwert, auch weil sie allen Besitz schrittweise auf diesem Weg ablegen. Wenn sie anfangs noch zwei Mäntel hatten, bleibt am Ende nur einer, denn sie geben dem einen, der keinen besitzt.

Hier erkenne ich einen Aspekt, den ihr, Freunde von Sant'Egidio, verstehen könnt und in ganzer Tiefe versteht. Oft seid ihr aufgebrochen in allen Ländern, in den 73 Ländern der Welt, in denen ihr seid. Ihr seid unterwegs gewesen auf Straßen, die oft nächtliche Straßen waren, auf denen das Tuch der Nacht, der Finsternis lag, nicht nur im chronologischen Sinn sondern auch der Finsternis des Geistes. Dann seid ihr den Menschen begegnet, die oftmals nachts wie Gespenster umherziehen, und begegnet ihnen auch weiterhin, wie auch wir Jünger ihnen weiterhin begegnen müssen. Bedenkt nur, was auch in einer Metropole wie unserer Stadt in wenigen Stunden vor sich geht, zum Beispiel am Bahnhof, am Bahnhof Termini, in den häufig auch äußerlich heruntergekommenen Stadtrandvierteln. Dort ist eine Welt in Bewegung, eine in verschiedener Hinsicht geheimnisvolle Welt, die einer Katakombenmenge sehr ähnelt, eine Welt mit all ihren Tragödien, all ihrem Elend, all ihrem Umglück, all ihrem Hunger und Durst. Hier legt der Jünger unaufhörlich alle Dinge ab, der nie - wie wir leider häufig in unser heutigen Gesellschaft - Hände hat, die immer nur etwas verteidigen wollen: unseren Besitz, Objekte, Geld; deshalb sind wir nie fähig, die Hand auszustrecken und einen anderen aufzurichten, wenn er gefallen ist. Die Straße, also der οδός. 

Das zweite Bild ist auch in den Worten Christi enthalten: "Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr dne Ort wieder verlasst". Das nächste Symbol lautet auf Griechisch οικία und bedeutet Haus, das Haus der Familie. Es sind die vier Wände, die man oft mühsam erworben hat, die teilweise sehr bescheidenen vier Wände, die sicher nicht den Prunk von großen Palästen haben. Diese Wände sind in manchen Teilen der Welt auch aus Lehm, sie sind baufällig, elendig; doch vor allem gibt es die Flamme, drinnen ist die Herdstelle. Das ist die Geschichte der Menschen im Haus.

Denkt daran, was zum Beispiel das bedeutet, was im οικία, im Haus konsumiert wird; das wisst ihr besser als ich. Denken wir jetzt an ein Mehrfamilienhaus, wie es sie hier in der Nähe der Kirche gibt, in unserer Stadt oder in irgendeiner anderen Stadt. Eine Person telefoniert dort, eine Person wartet, dass das Telefon oder die Hausglocke klingelt, denn wenn sie klinget, erinnert sich noch jemand an sie. Doch sie bleibt still, auch während der ganzen Nacht und am Tag danach. Vielleicht ist dort ein alter Mensch - und wie viel tut ihr für die alten Menschen! - vielleicht ist der Mensch einsam, krank, ein Ausländer, der niemanden hat; das Telefon, das uns belästigt, ist für diesen Menschen das Zeichen dafür, dass jemand da ist. Denken wir an alle, die ein Leben führen, wie es ein italienischer Dichter sehr bitter beschrieben hat, als er über einen alten Mann in seiner Wohnung an einem Sonntag schrieb, der allein vor einer Wand mit seinen Fehlern und seinen Gedanken sitzt: allein, er spricht mit den Toten, er hat niemanden.

Doch in das Haus, in dieses Haus möchte ich hineinbringen, was ihr tut, was Sant'Egidio beispielhaft tut. Denn ein wesentlicher Bestandteil der Familie ist der Tisch ist Auch Christus wollte im Mittelpunkt seiner Versammlung einen Tisch haben, wie wir uns in Kürze um einen gedeckten Tisch versammeln, wie ihr es auch bei den Weihnachtsessen tut und zum Beispiel versucht, dass diese Menschen, denen die Wärme eines Hauses fehlt, die materiell niemanden mehr haben und deshalb auf dem οδός, der Straße unterwegs sind, nun irgendwie beim Fest sind und die Wärme und die Buntheit des Zusammenseins erfahren.

Das dritte Bild und Symbol steht am Anfang und am Ende des Abschnitts, den wir gehört haben, es ist die Stimme. Jesus rief und gebot; es ist eine feierliche Stimme, die wir fast als autoritär bezeichnen können, eine Stimme, die in das Bewusstsein eindringt, eine auch beunruhigende Stimme, eine aufrüttelnde Stimme, denn man muss aufbrechen. Es ist eine Stimme, die die Zerstreuung vertreibt, eine ganz andere Stimme, als wir sie häufig bei der Preidgt haben, das müssen wir eingestehen, denn wir besitzen nicht die Kraft dieses Wortes, das ideell fast wie ein Wasserstrahl war, wie es in der rabbinischen Tradition heißt, durch das sogar die Steine Funken sprühen

Wir haben eine andere Stimme, eure Stimme, unsere Stimme. Am Ende brachen die Jünger auf und verkündeten. Auf Griechisch findet sich das typische Wort für Verkündigung κηρύσσω, a verkündigen, mit lauter Stimme ankündigen. Was wird angekündigt? Die Bekehrung, das Reich Gottes wird angekündigt. Hier findet sich ein weitere Aspekt eures Einsatzes: Ihr müsst sicherlich, und wir alle müssen es auch tun, nicht nur die Liebe der Speise, die Liebe der Kleidung, die Liebe der Dinge anbieten, die den im Elend niedergebeugten Menschen aufrichten, wir müssen auch die Liebe des Wortes anbieten, ein tröstendes Wort, auch ein beunruhigendes Wort, das zurechtweist: Kehrt um! Ein Wort, das tief in das Bewusstsein eindringen kann und ein Lichtschein, ein Echo hervorruf, wie es bei Christus immer wieder geschah, wenn er sprach.

Denkt an die kurze Begebenheit im 7. Kapitel bei Johannes, als die Hohenpriester die Gerichtsdiener, also ihre Polizei aussandten, um Jesus festzunehmen. Diese einfachen Menschen kommen, um Jesus festzunehmen, und kehren zu den Priestern zurück, bringen aber niemanden mit, ihre Hände sind leer. Da sagen die Priester: Warum habt ihr ihn nicht hergeführt? Ihre Antwort müsste auch für uns ein Appell sein, die wir unseren Meister ein wenig eingrenzen. Die Antwort lautet: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen, dieses Wort konnte nicht festgenommen werden!

Das letzte Wort steht eben am Ende. Wie Jesus befohlen hatte, trieben die Jünger viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. Das letzte Bild bezieht sich auf die Hände; die Hände sind nämlich grundlegend. Die Hände berühren, keine Hände, die sich zu einer allgemeinen Umarmung öffnen, nein, sie berühren den Körper der Kranken und, wie ihr seht, berühren sie auch die Dämonen. Damit möchten sie ganz in die Finsternis, in das innerste Gewirr eindringen und auch die Finsternis in allen Männern und Frauen vertreiben

Sie salbten mit Öl, sie berührten zärtlich und heilten. Das ist genau euer Einsatz, der auf anderem Weg noch einmal zurückkehrt. Denken wir an alle Projekte, die von der Gemeinschaft Sant'Egidio durchgeführt werden. Denken wir nur zum Beispiel daran, dass ich euch immer mit der Figur Christi, unserem Vorbild, in Verbindung bringe: Christus berührte nämlich diejeingen, die er nach dem Gesetz des Levitikus nicht berühren durfte, die Aussätzigen, die als ansteckendste Krankheit überhaupt und vor allem als Krankheit angesehen wurde, die als Beweis für eine sehr schwere Sünde galt, als habe man fast einen Dämon in sich. Um einen Vergleich zu manchen, können wir an das Thema AIDS denken und an DREAM, euer Projekt. Auch sie müssen berührt werden, wie Christus zum Aussätzigen ging, ihn berührte und zu ihm sagte: Ich will es, werde rein!

So habe ich in aller Einfachheit vier Bilder aufgezeigt: der Weg, das Haus, das Wort oder die Stimme, die Hand. Das sind einige Aspekte eures Einsatzes, Aspekte, die nie vernachlässigt werden dürfen. Am Ende steht etwas, das ich wünsche und meine Gedanken abschließt: die Begegnung, die Begegnung mit den vielen Unterschieden in den Gesichtern und Personen. Wir wissen, dass diese tiefe Begegnung zum Beispiel bei den großen Kundgebungen zustande kommt, die ihr für den interreligiösen Dialog organisiert

Am Ende möchte ich ganz einfach diese Gedanken in einem kleinen abschließenden Gleichnis aus der östlichen Tradition zusammenfassen. Ein Mann war unterwegs auf einem Weg durch die Wüste und sieht in der Ferne eine undurchsichtige Gestalt kommen, die ein Tier schien. Da war sein Herz voller Angst, einem wilden Tier in der Wüste kann man nicht ausweichen. Er geht weiter auf dem Weg, das ist die einzige Möglichkeit in der Wüste, er geht weiter und weiter, da erkennt er, dass dieses Gebilde kein Tier sondern ein Mensch ist. Doch ist die Angst verflogen? Der Mensch könnte ein Räuber sein, ein Bandit in der Wüste, er könnte eine finstere und gefährliche Gestalt sein. Was soll man tun? Du musst weitergehen, es ist unvermeidlich. Wir haben Wege, die in der Welt aufeinandertreffen. Dann geht er weiter, fast ohne vorwärtszublicken, am Ende hört er die Schritte des anderen nicht weit entfernt. Er erhebt den Blick und schaut endlich in das Gesicht. Das Gleichnis sagt: Siehe, es war mein Bruder, den ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte

Ich glaube, dass eure Sendung und die Sendung aller Christen und Jünger Jesu darin besteht, in jedem Gesicht das Antlitz eines Bruder zu entdecken, wie es in den Worten bei Matthäus heißt, die diesen Hinweis geben. Das gilt vor allem, wenn es der geringste Bruder ist, der im größten Elend lebt. Darin das Gesicht dieses anderen Bruders, des höchsten Bruders der Menschheit erkennen, eben des Herrn Jesus Christus.

[Copyright© 2011 Comunità di Sant'Egidio]