Kardinal Javier Lozano Barragán räumt Unklarheiten in Bezug auf die neue Vatikan-Studie zum Thema AIDS und Kondome aus

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst

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ROM, 26. April 2006 (ZENIT.org).- Der Heilige Stuhl arbeite nicht an einem "Dokument", sondern an einer "Studie" über AIDS und Kondome, betonte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, Kardinal Javier Lozano Barragán, im Gespräch mit ZENIT. Sie werde als Hilfsmittel im internationalen Dialog eingesetzt werden, kündigte der Kurienkardinal an.



Die "tiefgehende Studie", die auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. erstellt werde, ziehe "sowohl die wissenschaftlichen und technischen Fragen hinsichtlich des Präservativs, als auch die moralischen Implikationen in ihrer ganzen Tragweite" in Betracht, stellte Kardinal Lozano fest. Und er fügte hinzu, dass der von ihm geleitete Päpstliche Rat nicht über die Kompetenz verfüge, "der Kirche ein Dokument vorzulegen. Es ist der Heilige Vater, dem diese Kompetenz zukommt, beziehungsweise derjenige, dem er diese Kompetenz überträgt."

Der Päpstliche Rat für die Pastoral im Krankendienst sei im Letzten nicht für Lehrfragen zuständig und "erarbeitet keine Dokumente. Genau hierin liegt der Fehler, der einigen Medienberichten zugrunde liegt. Wir sind ein pastorales Dikasterium und dazu da, die Nähe der Kirche zu den Kranken und insbesondere zu denjenigen zum Ausdruck zu bringen, die am Aids-Virus leiden." Bei dieser Arbeit zähle man auf die Unterstützung von Fachleuten aus dem Bereich der Medizin, der Technologie und der Theologie. Die neue Studie werde in Zusammenarbeit mit diesen Experten durchgeführt.

"Wir befinden uns in der ersten Phase", erklärte der 73-jährige Kurienkardinal. "Diese Studie dient ausschließlich der Förderung eines Dialogs auf Ebene des Heiligen Stuhls und ist noch nicht abgeschlossen. Wird es später ein Dokument geben? Das kann, muss aber nicht sein. Die Veröffentlichung von Dokumenten gehört nicht zu den eigentlichen Aufgaben dieses Dikasteriums. Ob ein Dokument von einem anderen Dikasterium veröffentlicht wird, liegt beim Heiligen Vater."

Inhalt der Studie

Das Thema, mit dem sich die Studie besonders genau befassen wird, ist der Fall von sakramental geschlossenen Ehen, in denen einer der Ehepartner an der Immunschwäche AIDS leidet. Die Diskussion über die Frage, ob in derartigen Fällen die Benutzung des Kondoms zulässig sei, um auf diese Weise ein Leben zu schützen, sei im September 2004 aufgekommen, als über die Errichtung der "Good Samaritan Foundation" nachgedacht wurde. Diese Stiftung, die im Vatikan angesiedelt ist, bietet den bedürftigsten Kranken, vor allem Aidskranken, finanzielle Unterstützung an.

Die Diskussion sei wieder aufgenommen worden, als Papst Johannes Paul II. im Sterben lag. "Aber Johannes Paul II. war sich dieser Problematik sehr bewusst. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich konnte diesbezüglich mit ihm reden."

Der jetzige Papst, Benedikt XVI., habe Kardinal Lozano in einer Privataudienz mitgeteilt, dass es angebracht sei, mit kompetenten Personen des Heiligen Stuhls über diese Thematik zu sprechen. "Es geht darum, wissenschaftlich und moralisch zu ergründen, wie die Dinge stehen."

Kardinal Lozano erklärte, dass die neue Studie insbesondere auf folgende Fragen antworten wolle: Wie hoch ist die Garantie, dass eine Aids-Infektion durch das Kondom verhindert werden kann, und: Ist es moralisch vertretbar, ein "technisches" Kondom zu gebrauchen?

Grundlegende Prinzipien

In Bezug auf diese beiden Fragen merkte der Kardinal an, dass es in diesem Zusammenhang zwei wichtige Prinzipien gebe: "das Sechste Gebot, 'Du sollst nicht ehebrechen', und das Fünfte Gebot, an das immer zu denken ist: 'Du sollst nicht töten.' Beide Gebote müssen in Betracht gezogen werden. Aber da es sich um sehr allgemeine Prinzipien handelt, wird bei der Erstellung der Studie über die verschiedenen Expertenmeinungen zur Anwendung dieser beiden Prinzipien auf den konkreten Fall des Kondoms unter den genannten Umständen nachgedacht werden.

Die Theologen werden ihre Meinungen abgeben, aber wir als Rat können dann nicht einfach sagen: 'Wir schließen uns dieser Meinung an.' Mit diesen Meinungen fördern wir vielmehr das Gespräch."

Abschließend fügte Kardinal Lozano Barragán hinzu: "Der Heilige Vater wird die Ergebnisse dieser Besprechungen sehen und – sofern das sein Wunsch ist – uns dank des Lichts, das ihm der Heilige Geist schenkt, mitteilen, welchen Weg wir einschlagen müssen. Es könnte auch sein, dass er davon überzeugt ist, dass der richtige Augenblick für ein solches Wort noch nicht gekommen ist.

Ich wiederhole: Meine Aufgabe ist es, ein Vermittler der Worte des Papstes zu sein. Als Haupt dieses Dikasteriums besitze ich keine eigene Meinung. Meine offizielle Meinung besteht darin, das getreu wiederzugeben, was der Papst sagt."