Kardinal Javier Lozano Barragán: „Technologie ohne Ethik ist wie ein Ferrari ohne Lenkrad“

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst

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ROM, 5. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Eine auch sehr weit entwickelte Technologie ohne Ethik ist immer neutral, immer ohne Zielgerichtetheit, so Kardinal Javier Lozano Barragán, Präsident des Päpstlichen Rats für die Pastoral im Krankendienst.



ZENIT sprach mit dem Kardinal am Rande der internationalen Tagung über „Gesundheit, Technologie und Gemeinwohl“ am 28. September 2007. Die Tagung war vom Acton Institute unter der Schirmherrschaft des Päpstlichen Rats für die Pastoral im Krankendienst an der Päpstlichen Universität Gregoriana organisiert worden.

ZENIT: Eminenz, heutzutage gibt es oft Verwirrung hinsichtlich des Begriffs Gesundheit. Worin besteht für Sie die richtige Definition?

Kardinal Lozano Barragán: Die Erklärung von Alma Ata über die grundlegende Gesundheitsversorgung besagt, dass Gesundheit in einem Zustand völligen physischen, mentalen und sozialen Wohlergehens besteht und nicht in der einfachen Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechlichkeit. Nichtsdestoweniger ist dieser Zustand vollkommenen Wohlergehens utopisch. Er basiert auf Grundlagen, die es nicht gibt.

Johannes Paul II. hingegen sagt in seiner Botschaft zum Welttag der Kranken 2000 in Nummer 13, dass die Gesundheit eine Haltung zu erfüllterem Gleichklang und zu gesundem Ausgeglichensein im körperlichen, psychischen, geistlichen und sozialen Bereich darstellt: Das ist es also, was es einem Menschen gestattet, die Sendung zu erfüllen, die ihm der Herr aufgetragen hat – entsprechend dem Lebensabschnitt, in dem er sich gerade befindet.

Ein Mensch ist wirklich gesund, wenn in ihm Harmonie herrscht. Eine Gesellschaft ist gesund, wenn in ihr Harmonie herrscht. Das ist ein zentraler Aspekt, der weiterzuentwickeln ist und über dem die ewige Gesundheit steht. Denn die zeitliche Gesundheit unterscheidet sich in diesem Sinn nicht von der ewigen.

ZENIT: Worin bestehen die Chancen und Herausforderungen, die mit dem rasanten Fortschritt in der Gesundheitstechnologie verbunden sind?

Kardinal Lozano Barragán: Die Herausforderung für die neuen Technologien besteht in der Tatsache, dass sie an sich nicht auf die wahre Förderung der Gesundheit ausgerichtet sind. Gerade darin beruht ja die Zerstörung der Gesundheit! Und das sehen wir in jeder biogenetischen Technologie, die so oft auf die Tötung des Menschen ausgerichtet ist.

Sie setzt dem Leben mit der Euthanasie ein Ende und auch mit der Tötung von Embryonen, die dann auch „Prä-Embryonen“ genannt werden, was nur ein Weg ist, um die Tötung von Menschen zu verschleiern.

Das sind die Ergebnisse einer malthusianischen Mentalität, die mit Hilfe verschiedener Decknamen das Töten bemäntelt. Johannes Paul II. – und Benedikt XVI. bestätigt es – sprach diesbezüglich von einer „Kultur des Todes“.

ZENIT: Die heutige Kultur definiert Gesundheit als einen Zustand vollkommenen Wohlergehens. Paradoxerweise bekämpft sie dabei das Leben, durch die Abtreibung bis hin zur Euthanasie. Was sind die wahren Bedingungen, die zum vollständigen Wohlergehen des Menschen oder das Gemeinwohl beitragen?

Kardinal Lozano Barragán: Das vollständige Wohlergehen gibt es nicht auf dieser Erde, da der Herr uns das Glück verheißen hat und nicht das Wohlergehen. Der grundlegende Irrtum dieser Art von postmoderner Auffassung besteht in der Verwechslung von Wohlergehen mit Glück. Dem Menschen kann es nicht wohl ergehen, dennoch aber kann er glücklich sein; es kann ihm sehr gut gehen, wobei er aber unglücklich ist, wie die vielen Selbstmorde in den am meisten entwickelten Gesellschaften beweisen.

ZENIT; Was sind die Folgen dieser Haltung der „Kultur des Todes“, die die heutige Menschheit nicht sehen und nicht erkennen will?

Kardinal Lozano Barragán: Die Überalterung der einzelnen Nationen und der Welt, also der Tod. Italien ist zum Beispiel das älteste Land der Welt, da es wenige Geburten gibt.

ZENIT: Wie sind Gesundheit, technologische Entwicklung und die Förderung des Gemeinwohls miteinander verbunden?

Kardinal Lozano Barragán: Es sollte eine sehr enge Beziehung bestehen, in dem Sinn, dass die Technologie von der Ethik unterstützt werden sollte: Technologie als solche hat zum Gesetz das Mögliche, während die Ethik auf ein Ziel hin ausgerichtet ist. Wenn wir die Technologie nur als Möglichkeit belassen, so bleibt sie neutral: Sie kann zerstören oder aufbauen. Was ihr eine Richtung gibt, das ist die Ethik. Also: Hoch entwickelte Technologie ohne Ethik ist wie ein Ferrari ohne Lenkrad.

ZENIT: Was sind die Prioritäten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst in diesem Kontext?

Kardinal Lozano Barragán: Die Prioritäten bestehen darin, als Sprachrohr des päpstlichen Lehramts der Welt den Sinn des Leidens, den Sinn des Schmerzes und den Sinn des Todes in der Auferstehung des Herrn zu vermitteln.

In wiefern bemüht sich der Päpstliche Rat, den negativen Tendenzen der heutigen globalisierten Kultur entgegenzutreten?

Kardinal Lozano Barragán: Indem er Kongresse organisiert, Veröffentlichungen ermöglicht und dahingehend wirkt, dass die Sorge der Gläubigen immer mehr der Wohltätigkeit gilt – zum Wohl der weniger entwickelten Länder und der Gesundheitseinrichtungen, denen es an Mitteln mangelt.