Kardinal John Henry Newman - Sehnsucht nach dem Leben aus der katholischen Fülle

Von P. Paul Bernhard Wodrazka C.O.

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ROM, 18. August 2009 (ZENIT.org).- Der große englische Oratorianer John Henry Kardinal Newman - von dem schon Pius XII. zu Jean Guitton sagte, er werde zweifellos eines Tages zu den Kirchenlehrern gezählt werden - darf mit Recht zu den bedeutendsten katholischen Autoren des 19. Jahrhunderts gezählt werden. Nach vielen Jahrzehnten des Betens um ein Wunder für die Seligsprechung des „großen Lehrers der Kirche", wie Joseph Ratzinger Newman einmal bezeichnete, hat Papst Benedikt XVI. am 3. Juli 2009 das für die Seligsprechung notwendige Wunder rekognosziert. Das bedeutet, dass „der Freund der Wahrheit" im kommenden Jahr selig gesprochen werden wird und danach öffentlich (mit gewissen Einschränkungen) verehrt werden darf. Wer ist dieser neue Selige der Kirche, der einen beständigen geistigen Kampf um den wah­ren Glauben führte? Wie kam es dazu, dass das „größte theologische Genie in der neueren Kirchenge­schichte Englands" von der anglikanischen Gemein­schaft in den Schoß der „una sancta catholica et apostolica ecclesia" fand?

Über das Leben Newmans sind wir bis in die Einzelheiten unter­richtet. Die Quellen dafür sind Newmans Autobiographie in seiner wohl bekanntesten Schrift „Apologia pro vita sua" (deutsch: Geschichte meiner religiösen Überzeugung) und die (bis auf den Index) vor wenigen Monaten nunmehr komplett herausgegebene vollständige Ausgabe der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, die das bishe­rige Bild von Newman um viele Facetten und Details bereichert.

John Henry Newman wurde am 21. Februar 1801 in London geboren und anglikanisch getauft. Mit 15 Jah­ren erlebte er eine Gnadenstunde, die er immer als seine „Bekehrung zum Glauben" betrachtete: „Als ich fünfzehn Jahre alt war, ging in meinem Denken eine große Änderung vor sich. Ich kam unter den Ein­fluss eines bestimmten Glaubensbekenntnisses und mein Geist nahm dog­matische Eindrücke in sich auf, die durch Gottes Güte nie mehr ausge­löscht und getrübt wurden" (Apologia, 1951, pp. 21-22). Vor allem der Glaube an die allerheiligste Dreifaltigkeit wurde für ihn zu einer lebendigen Wirklichkeit. Zeit seines Lebens hielt Newman daran fest, dass das Christentum auf einem bestimmten Credo beruht und somit auf einer verbindlich festgelegten Lehre, dem Dogma der Kirche.

Ab 1817 begann er ein Studium am Trinity College der Univer­sität Oxford. In Oxford war es auch, wo er „von Gottes Hand geführt" als Mitglied des Oriel College, als Pfar­rer der anglikanischen Universitätskirche St. Mary und führendes Mitglied der Oxfordbewegung die Wichtig­keit der Offenbarungsreligion erkannte, die Gott selbst geschenkt und gelehrt hat und die von der Kirche al­leine bewahrt und überliefert wird. Innerhalb dieser Bewegung bemühte sich Newman mit John Keble, Edward Pusey und Richard Froude, in so genannten „Tracts for the Times" die anglikanische „Via Media" zwischen den Abirrungen und Auswüchsen der römischen Kirche und dem Rationalismus und dem Glaubensabfall des Protestanismus darzustellen.

Durch das Studium der Kirchenväter, das heißt jener Theologen und Schriftsteller, auf deren rechtgläubige Lehren und deren heiligmäßiges Leben sich die Kirche im Altertum gestützt hatte, entdeckte Newman den Reichtum der katholischen Glaubensfülle. Aber schon bald erkannte der bedeutende Theologe, hochverehrte Prediger und Universitätslehrer, dass der alleinige Rückgriff auf das Altertum nicht ausreicht; entscheidend ist vielmehr das Urteil der katholischen Kirche. Schon in der frühen Kirche galt dieses Prinzip, wie der hl. Augustinus betonte: „Sonach urteilt ruhevoll der Erdkreis, gut könn­ten die nicht sein, die sich, in irgendeinem Winkel des Erdkreises, vom Erd­kreis abtrennen." Diese Einsicht erschütterte Newman zutiefst: „Denn ein bloßer Ausspruch, die Worte des hl. Augustinus, trafen mich mit einer Wucht, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte. Sie ... glichen dem ‚Tolle, lege' [Nimm und lies] ... des Kindes, das den hl. Augustinus bekehrte. ‚Securus judicat orbis terrarum' [Sicher urteilt der Erdkreis]. Diese großen Worte des alten Kirchenvaters lösten die Theorie der Via media vollständig in Staub auf" (Apologia, 1951, p. 144). Eine ähnliche Situation glaubte Newman in den Kontroversen um das Konzil von Nicäa (325) zu erkennen, auf dem Fragen der Christologie behandelt und entschieden wurden: ,,Ich sah klar, dass in der Geschichte des Arianismus die reinen Arianer die Stelle der Protes­tanten, die Semiarianer die der Anglikaner einnehmen und dass Rom jetzt noch dasselbe war wie damals. Die Wahrheit lag also nicht in der via me­dia, sondern in dem, was man damals die extreme Partei nannte" (Apolo­gia, Mainz, p. 168). In dieser Analogie zeigte sich für Newman, dass die Kirche Jesu Christi durch alle Zeiten in der katholischen Kirche besteht.

Um das Jahr 1845 gelangte Newman schließlich zur Gewiss­heit im Glauben, dass die katholische Kirche die „eine Herde Christi" sei. Nach dramatischen Wochen und Monaten des inneren Ringens und Reifens wurde Newman am 9. Oktober 1845 in Littlemore von dem (1963 selig gesprochenen) italienischen Passionisten­pater Domenico Barberi in die katholische Kir­che auf­genommen. Bei der Suche nach einer geeigne­ten Le­bensform für sich und seine Gefährten, die sich nach und nach zu katholischen Priestern weihen lie­ßen, stieß der auch in seiner anglikanischen Zeit zölibatär lebende Newman auf das Oratorium des hl. Philipp Neri (eine Weltpriestergemeinschaft ohne Gelübde) und führte es 1848 in England (zunächst in Birmingham, danach auch in London) ein.

Die katholische Zeit Newmans war anfangs von großen Schwierigkeiten geprägt. Der Gruppe der neuen Konvertiten begegnete man von katholischer Seite nicht selten mit Miss­trauen. Newmans Rechtgläubig­keit wurde angezwei­felt, und es wurde ihm vorgewor­fen, er bestreite die volle Autorität des Papstes. Durch seine Apologia, einem echten Klassiker, gewann Newman Anerkennung in der Öffentlichkeit. Von Newmans Schriften aus seiner katholischen Zeit sei hier insbesondere der Brief an den Herzog von Norfolk erwähnt, in dem Newman die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes, kurz nach dem sie vom ersten vatikanischen Konzil feierlich dogmatisiert worden war, verteidigte und erklärte.

Schließlich erhob Papst Leo XIII. Newman bei seinem ersten Kon­sistorium 1879 zum Kardinal der heiligen römischen Kirche. In der so genannten „Bigliettorede", die Newman in Rom zu diesem Anlass hielt, fasste er sein Lebenswerk zusammen: „Über 30, 40, 50 Jahre lang hin habe ich mich unter vollem Einsatz meiner Kräfte dem Geist des Liberalismus in der Religion widersetzt. . . . Liberalismus in der Religion ist die Lehre, dass es in der Religion keine positive Wahrheit gibt, sondern dass ein Bekenntnis so gut ist wie das andere, und dies ist die Lehre, die Tag für Tag an Ein­fluss und Macht gewinnt. Sie ist unvereinbar mit irgendeiner Anerken­nung irgendeiner Religion als wahr. Sie lehrt, alles müsste toleriert wer­den, denn alles sei schließlich eine Sache der persönlichen Ansicht. Geof­fenbarte Religion ist keine Wahrheit, sondern eine Sache des Gefühls und des Geschmacks, sie ist kein objektives Faktum, gehört in den Bereich des Wunderbaren. Jeder hat darüber hinaus das Recht, ihr die Aussagen zuzu­schreiben, die ihm gerade an ihr auffallen" (zitiert nach: Leben als Ringen um die Wahrheit (hrsg. von Biemer u. Holmes), 1984, p. 111).

Als Wappenspruch wählte er: „Cor ad cor loquitur - das Herz spricht zum Herzen". Auf seine eigene Bitte hin gewährte ihm der Papst, dass er bis zu seinem Tod (er starb am 11. August 1890) in seinem geliebten Orato­rium in Bir­mingham als einfacher Oratorianer weiter­leben durfte. Der große Denker hatte in Christus die Wahrheit ge­funden. Deshalb ließ er auf seinen Grab­stein meißeln: „Ex umbris et imaginibus in veritatem - aus Schatten und Bildern zur Wahrheit".

Weiterführende Literatur:

Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), John Henry Newman, Oratorianer und Kardinal. Ein großer Lehrer der Kirche. Mit ausgewählten Quellen oratorianischen Lebens. Bonn, nova et vetera 2009, ISBN: 978-3-936741-18-6. Das Buch ist direkt über den Verlag bzw. in jeder Buchhandlung erhältlich.

[Teil 2 dieser Artikel-Reihe zur Vorbereitung auf die Seligsprechung von Kardinal Newman erscheint am 20. August]