Kardinal Karl Lehmann: Immigranten müssen am öffentlichen Leben teilnehmen können

Predigt zur Eröffnung der „Woche des ausländischen Mitbürgers“

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FRANKFURT, 24. September 2007 (ZENIT.org).- Die „Teilhabe an den bei uns gültigen Rechten für jedermann“, die „Anerkennung des anderen und des Fremden“, die „Teilgabe und Teilhabe der gemeinsamen Menschenwürde“ für alle Menschen und „die konkrete Teilnahme an den Gütern dieser Welt“: Das forderte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, in seiner Predigt zur bundesweiten Eröffnung der Woche der ausländischen Mitbürger 2007am 21. September in der Katharinenkirche in Frankfurt.



Der Mainzer Bischof stellte in seiner Auslegung des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) klar, dass es in dieser Perikope um einen „schmerzhaften Konflikt in der Gemeinde“ gehe: „Was also kritisiert wird, ist ihr unbarmherziges, unsolidarisches Verhalten. Gott dagegen ist gütig und barmherzig. Das Gleichnis hat letztlich ein positives Ziel: Es will Solidarität lehren.“

In dieser Lektion über die göttliche Güte werde „nicht das Lohndenken, sondern die Benutzung des Gerechtigkeitsempfindens als Waffe gegen andere Menschen“ verurteilt, hob der Kardinal hervor.

In seiner Betrachtung zum Leitwort der Woche zum ausländischen Mitbürger: „Teilhaben – Teil werden“, bekräftigte er: „Die Würde jedes Menschen zeigt sich darin, dass alle zum Mitwirken und Teilhaben geschaffen und berufen sind.“ Das gelte auch für das Recht der Teilhabe an den göttlichen Verheißungen in Jesus Christus, der allen, ohne Ausnahme, Leben in Fülle schenken möchte (vgl. Joh 10,10 b).

„Dieses Recht und die Freiheit eines jeden Menschen verlangen auch soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Teilnahme an Entscheidungen“, führte Kardinal Lehmann aus. „Es geht nicht nur um die abstrakte Gerechtigkeit, sondern sie muss auch durch konkrete Beteiligung aller real verwirklicht werden.“ Auch die Zuwanderer sollten sich beteiligen können. „Dabei geht es um eine gleichberechtigte Teilhabe der Zuwanderer am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben.“

Nach Worten von Kardinal Lehmann darf man nicht „einseitig Integrationsleistungen von den Zuwanderern fordern. Viele haben mit ihren Familien schon große Anstrengungen gemacht, um sich in unserem Alltagsleben zurechtzufinden. Wir müssen vor allem die Hindernisse und Blockaden abbauen, die eine wirklich gleichberechtigte Teilhabe erschweren oder verhindern“

Vor allem gehe es darum, durch den Abbau der Hemmnisse dazu zu verhelfen, „dass die zugestandene Teilhabe auch im Sinne des ‚Teil werden‘ Wirklichkeit wird“, fügte der Kardinal hinzu und verwies zugleich auf die konkreten Forderungen, die der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Vorsitzenden der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland und er selbst als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz aufgestellt hatten: erweiterte Möglichkeiten für Dauergeduldete und ihre Familien; Erleichterungen bei der Einbürgerung der seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Zuwanderer; Bereinigung der „strukturellen Benachteiligung von Menschen mit Migrationsgeschichte, insbesondere von Jugendlichen, in den wichtigen Lebensbereichen“, um einer stärkeren Chancenungleichheit entgegenzuwirken; der Schutz von Ehe und Familie bei der Abschiebung von Inmigranten.

„Um dies zu erreichen, bedarf es immer wieder einer Änderung unserer grundlegenden Einstellungen und Mentalitäten.“ Darüber hinaus sei eine „grundlegende Umkehr im Denken und in unserem Vorverständnis des ‚Fremden‘“ erforderlich, erklärte Kardinal Lehmann und verwies auf das biblische Gebot der Nächstenliebe und seine grundsätzliche „universale Öffnung auf die Menschheit hin. Dies ist ein wichtiges Kennzeichen von Judentum und Christentum zugleich. Ein wichtiges Erbe für den Umgang der Menschen miteinander, Fundament auch für jede Interkulturelle Woche.“

Während der bundesweiten Woche der ausländischen Mitbürger finden vom 23. bis zum 29. September in rund 200 Städten und Gemeinden in Deutschland mehr als 3.000 Veranstaltungen statt. Kirchen, Kommunen, Gewerkschaften, Verbände und Initiativen engagieren sich seit mehr als 30 Jahren für ein besseres Zusammenleben mit Zugewanderten.