Kardinal Kasper erinnert in Sibiu an die Aufgabe der Christen in Europa

„Europa muss zu sich, zu seiner Geschichte und zu den Werten stehen“

| 856 klicks

SIBIU, 6. September 2007 (ZENIT.org).- Die Spaltungen innerhalb der Christenheit sind „mitschuldig an den Spaltungen in Europa und an der Säkularisierung Europas“, hob am Mittwoch der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, in Sibiu/Hermannstadt (Rumänien) hervor.



Der Kurienkardinal, der in diesen Tagen im Namen des Heiligen Stuhls an den Arbeitssitzungen der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung teilnimmt, wies während der ersten Plenarversammlung darauf hin, dass die Christen ihren Reichtum „in irdenen Gefäßen“ tragen. „Durch unsere Spaltungen haben wir für viele Menschen das Licht Jesu Christi verdunkelt und die Sache Jesu Christi unglaubwürdig gemacht. Unsere Spaltungen sind – das lässt sich historisch zeigen – mitschuldig an den Spaltungen in Europa und an der Säkularisierung Europas.“

Die Christen selbst seien aufgrund der mangelnden Einheit „mitschuldig daran, dass viele an der Kirche verzweifeln und sie in Frage stellen. So können wir nicht selbstzufrieden sein mit dem Zustand, in dem sich unsere Kirchen befinden; wir können nicht weitermachen.“

Im Hinblick auf die kürzlich veröffentlichten „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ der Kongregation für die Glaubenslehre stellte Kardinal Kasper fest: „Ich weiß, dass viele, vor allem viele evangelische Brüder und Schwestern, sich dadurch verletzt fühlen. Das lässt auch mich nicht kalt; das macht auch mir Beschwer. Denn das Leid und der Schmerz meiner Freunde sind auch mein Schmerz. Es war nicht unsere Absicht irgendjemand zu verletzen oder herabzusetzen. Wir wollten Zeugnis geben von der Wahrheit, so wie wir dies auch von den anderen Kirchen erwarten, und so wie es ja auch die anderen Kirchen tun.“

In dem Dokument werde unterstrichen, dass Jesus Christus „auch in den von uns getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften heilswirksam gegenwärtig… Die Unterschiede betreffen also nicht das Christsein, sie betreffen nicht die Frage des Heils; die Unterschiede beziehen sich auf die Frage der konkreten Heilsvermittlung und auf die sichtbare Gestalt der Kirche.“

Der große gordische Knoten, der nach Worten des Kardinals noch zu lösen ist, betrifft das Verständnis von Kirche und Eucharistie. Eine entsprechende „Therapie“ könne nur über „die Reinigung des Gedächtnisses“ gehen, erklärte Kardinal Kasper mit Worten Johannes Pauls II.

„Es gibt kein ökumenisches Weiterkommen ohne Umkehr und Buße. Daraus muss dann die Bereitschaft zu Erneuerung und Reform kommen, die in jeder Kirche nötig ist und bei der jede Kirche bei sich selber anfangen muss.“

Kardinal Kasper rief alle Anwesenden dazu auf, von ihren jeweiligen Positionen „in ehrlicher und in einladender Weise“ Zeugnis zu geben und sich gegenseitig zu bereichern. Er sprach auch konkrete Bereiche an, wo das geschehen sei: „Wir Katholiken haben von den Evangelischen gelernt über die Bedeutung des Wortes Gottes; sie lernen gegenwärtig von uns über Bedeutung und die Gestalt der Liturgie. Katholiken und Evangelische verdanken den orthodoxen Schwesterkirchen einen wacheren Sinn für das Geheimnis.“

In seiner Ansprache hob Kardinal Kasper hervor, dass die Einheit nicht „gemacht“ werden könne, also nicht „unser Werk“ sei, sondern „ein Geschenk des Geistes Gottes; er allein kann die Herzen versöhnen. Um diesen Geist der Einheit müssen wir beten.“

Hinsichtlich der aktuellen Situation der europäischen Union und des Alten Kontinents im Generellen erklärte der Kurienkardinal: „Heute steht Europa in der Gefahr, seine Ideale nicht nur zu verraten sondern sie ganz banal einfach zu vergessen. Nicht der atheistische Widerspruch ist die primäre Gefahr, sondern die Gottvergessenheit, die über Gottes Gebot einfach hinweggeht, die Gleichgültigkeit, die Oberflächlichkeit, der Individualismus und der Mangel an Bereitschaft sich für das gemeinsame Wohl einsetzen und dafür Opfer zu bringen.“

Aufgrund dieser vorherrschenden gesellschaftlichen Strömungen bedürfe es einer neuen Evangelisierung: „Das Schwarzbrot des überzeugten und gelebten Glaubens ist gefragt. Denn Europa kann nicht nur eine wirtschaftliche und eine politische Einheit sein; Europa braucht, wenn es Zukunft haben soll, eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Wertefundament.“

Es sei an der Zeit, dass die Christen in Europa aufwachten. „Europa muss zu sich, zu seiner Geschichte und zu den Werten stehen, die es einmal groß gemacht haben und die allein ihm neue Zukunft geben können. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe.“