Kardinal Kasper: Europa atmet mit zwei Lungenfügeln

Vortrag beim 13. Internationalen Kongress Renovabis am 4. September 2009

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FREISING, 7. September 2009 (ZENIT.org).- Unter dem Mottoi: „Einheit suchen, Vielfalt wahren“ fand vom 3. bis 5. September in Freising der 13. Internationale Kongress Renovabis statt. Drei Tage lang setzten sich knapp 400 Vertreter des kirchlichen und öffentlichen Lebens aus 30 europäischen Ländern mit dem Thema „Einheit suchen – Vielfalt wahren. Ost und West im ökumenischen Gespräch“ auseinander.

Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, gehörte zu den Festgästen. In seinem Vortrag, den wir an dieser Stelle veröffentlichen, bekräftigte er: „Die Einheit der Kirche ist kein Selbstzweck, sondern Zeichen und Werkzeug der Einheit und des Friedens in der Welt. Der Dienst an der Einheit der Kirche ist auch ein Dienst am Frieden in der Welt, in Europa und im eignen Volk. Ökumene ist darum kein Luxus, der zur normalen kirchlichen und pastoralen Geschäft hinzukommt; sie ist eine wesentliche und zugleich höchst aktuelle Verpflichtung der Kirche und aller Christen, schon heute alles gemeinsam zu tun, was wir gemeinsam tun können.“

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Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen

Europa atmet mit zwei Lungenfügeln

Vortrag beim 13. Internationalen Kongress Renovabis am 4. September 2009

 

Wir begehen in diesem Jahr die Erinnerung an zwei historische Daten, welche das Gesicht und die Landkarte Europas nachhaltig geprägt haben: 70 Jahre nach dem Beginn des zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 und 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer 1989. Beide Ereignisse sind auch in meiner persönlichen Lebenserinnerung lebendig. Dazwischen habe ich als junger Gymnasiast 1945 die Stunde Null, den totalen Zusammenbruch erlebt, als nicht nur Deutschland sondern ganz Europa in Trümmern und physisch wie moralisch am Boden lag.

Heutige Jugendliche können sich nicht mehr vorstellen, was es in dieser Situation für mich und viele meiner Altersgenossen bedeutete als die Gründerväter Europas die Idee eines geeinten Europas formulierten. Sie wollten auf den Ruinen des zweiten Weltkriegs ein geeintes Europa schaffen, das nach der menschenverachtenden Tyrannei des Nationalsozialismus und angesichts der damals realen Bedrohung durch den sowjetischen Kommunismus auf der Wertordnung des Christentums und den unveräußerlichen Menschenrechten aufgebaut sein sollte.

Freilich damals war Europa war durch Stacheldraht und Mauer zweigeteilt; bezeichnender Weise sprach man oft vom christlichen Abendland. Osteuropa war durch den eisernen Vorhang und die Berliner Mauer eine nur schwer zugängliche und politisch bedrohliche Welt. Die Geographie Osteuropas lernte ich als Bub auf eine geradezu perverse Weise nämlich durch die Kriegsberichterstattung während des zweiten Weltkriegs kennen. Im Geschichtsunterricht kam sie praktisch nicht vor. Später, als in den 70er und 80er Jahren ich oft in die damalige DDR, nach Polen, Tschechien, Ungarn und das damalige Jugoslawien kam, waren die dortigen Freunde daran interessiert, wie es drüben aussieht und was drüben los ist.

Für sie hörte die Welt buchstäblich am „Tränenpalast“ an der Friedrichsstrasse in Berlin-Ost auf. 2 Erst relativ spät ging mir auf, dass der Osten eine eigene Welt und eine eigene alte und reiche, eine mit dem Westen verwandte, aber doch vom ihm in vielem verschiedene Kultur ist und dass man unsere westliche Idee vom christlichen Abendland nicht einfach auf den Osten übertragen und ausweiten kann. Es galt ein – wenn man so sagen darf – christliches Morgenland zu entdecken.

So fing ich an, die Geschichte Osteuropas zu studieren. Ich lernte – zunächst aus Büchern, dann durch Reisen und viele Begegnungen – die reiche eigene Welt der Orthodoxie mit ihrer eigenen Kultur kennen und schätzen. Es ging mir auf, dass die Zweiteilung Europas, unter der wir im 2o. Jahrhundert so gelitten haben, entscheidend durch das kirchliche Schisma mit verursacht wart, dass wir Christen also in der Bringschuld sind und die Einheit Europas eine ökumenische Herausforderung ist.

Ich erzähle dies, weil es mir darauf ankommt, von Anfang an klar zu machen: Wenn wir heute über die Einheit Europas in Ost und West sprechen, müssen erst einmal verstehen, was mit Europa gemeint ist und was Ost- und Westeuropa bedeuten. Wir kennen uns viel zu wenig und müssen einander erst noch viel mehr entdecken, kennen und schätzen lernen. Auf beiden Seiten geistern auch heute 20 Jahre nach dem Mauerfall nach wie vor viele alt eingesessene Vorurteile und Klischees herum, im Osten von dem dekadenten, libertinistischen, gottlosen Westen, im Westen über den rückständigen Osten, der in einer archaischen Liturgie erstarrt ist und dem wir erst auf die Sprünge der Modernität helfen müssen.

Diese Vorurteile sind in Ost und West alt, wir finden sie bereits im 19. Jahrhundert, einerseits bei den russischen Slawophilen und andererseits bei den westlichen Liberalen. Sich von solchen Klischees frei machen heißt auch, dass wir uns frei machen müssen von einer einseitigen Mentalität des Helfens und Unterstützens, die oft verbunden ist mit Besserwissen und Bevormunden. Sie verletzt mehr als dass sie Versöhnung und Freundschaft stiftet. Sicher, der Osten braucht unsere Hilfe, und Renovabis leistet sie vorbildlich, aber auch wir können vom Osten bereichert werden. Europa hat – nach einem von Papst Johannes Paul II. oft gebrauchten Bild – zwei Lungenflügel und nur wenn beide zusammenatmen ist Europa lebens- und überlebensfähig.

Um Europa in Ost und West besser zu verstehen müssen wir uns zunächst etwas in die Geschichte vertiefen. Dies ist im europäischen Ost-West-Dialog besonders wichtig. Wir Westler leiden an einer schrecklichen Anamnesie, an einem katastrophalen Geschichts- und Traditionsverlust, der Osten dagegen lebt – trotz der schlimmen Unterbrechung von 70 oder 40 Jahre ideologischer kommunistischer Diktatur – noch immer aus der Geschichte und er ist zunehmend stolz auf seine eigene kulturelle Identität. Wir Westler dagegen müssen uns sagen: Wer nicht weiß woher er kommt, der weiß auch nicht wer er ist und er weiß noch weniger wohin er gehen soll. Er ist orientierungslos und weiß daher auch nicht, was er mit dem unerwarteten Geschenk, das uns vor 20 Jahren zuteil wurde, anfangen soll.

I. Fragen wir also zuerst: Was ist Europa? Europa ist kein geographisch abgrenzbarer Begriff (wie etwa Afrika, Australien oder Amerika); geographisch ist Europa eine Anhängsel und eine Halbinsel der riesigen Landmassen Asiens. Nicht umsonst spricht man von Eurasien. Wo also fängt Europa an und wo hört es auf? Gehört etwa die Türkei dazu? Europa lässt sich auch nicht ethnisch definieren; zu dem, was wir heute Europa nennen, gehören lateinisch-romanische, hellenische, keltische, germanische, slawische, nordische, finno-ungarische und andere Völkerschaften mit einer unterschiedlichen Geschichte und mit höchst unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Eines aber verbindet Europa: Wir finden überall, wohin wir auch kommen, das Kreuz, wir finden im Zentrum aller alten Städte Kathedralen. Europa steht auf der Grundlage einer gemeinsamen Kultur, welche in Griechenland und Rom grundgelegt und durch das Christentum geprägt wurde. Jerusalem, Athen und Rom haben Europa geprägt.

Europa hat historisch einen gemeinsamen Ausgangspunkt, der im 16. Kapitel der Apostelgeschichte präzis benannt wird. Paulus befand sich auf seiner zweiten Missionsreise in Kleinasien: Da erscheint ihm in der Nach ein Mazedonier, ein Grieche also, der zu ihm sagt: Komm herüber und hilf uns! Paulus versteht das als Wink des Hl. Geistes und setzt nach Europa über und kommt, nach Philippi, Thessaloniki, Athen, Korinth und schließlich als Gefangener nach Rom.

Wenn wir der Apostelgeschichte folgen, dann ist der Weg des Christentums von Jerusalem nach Athen und Rom, den beiden Zentren der antiken Kultur, ein von der Vorsehung gewollter Weg. Europa also – keine geographische und keine ethnische sondern eine geschichtlich gewordene kulturelle Größe. Europa ist eine kulturelle Wertegemeinschaft und kann nur überleben, wenn es an seinen überkommenen humanen und christlichen Werten festhält. Wer sich freilich noch an die Diskussionen um die geplante europäische Verfassung erinnert, weiß dass es damit nicht gut aussieht. Es ließ sich damals nicht erreichen, die Bedeutung der christlichen Tradition für die europäische Identität klar zu benennen. Man muss fragen: Ist Europa daran, sich selbst aufgegeben und sich selbst abzuschaffen? Doch schauen wir uns diese Geschichte etwas genauer an! Sie ist keineswegs statisch sondern von unglaublicher Dynamik und Vielfalt.

Das Christentum kam aus dem Osten, und es hat sich zunächst im Osten des heutigen Europa ausgebildet und entwickelt. Ex Oriente lux! Alle alten Konzilien – Nikaia, Konstantinopel, Ephesus, Chalkedon – welche die bis heute gültigen Grundlagen des gemeinsamen christlichen Glaubens definiert haben, fanden im Osten statt. Im Osten hat die Musik gespielt. Das römische Reich, das im Westen in den Wirren der Völkerwanderung schon im 6. Jahrhundert untergegangen ist, hatte im Osten fast tausend Jahre länger Bestand, und es lebt in der Mentalität und im Kirchenrecht vieler orthodoxer Kirchenmänner und Theologen bis heute fort. Nach dem endgültigen Fall Ostroms (1453) war Konstantinopel/Byzanz, Griechenland und der Balkan etwa 500 Jahre unter dem Osmanischen Reich. Auch diese lange Zeit ist nicht spurlos an der Kultur dieser Länder vorübergegangen. Nach dem Fall von Konstantinopel konnte Russland mit Moskau als drittes Rom zur orthodoxen Vormacht aufsteigen, als die es sich heute wieder verstehen möchte. Während Rom mit Konstantinopel 1000 Jahre gemeinsame Geschichte hat, ist das Patriarchat von Moskau (endgültig anerkannt 1590) auf die Welt gekommen als die Trennung längst vollzogen war.

Das spürt man in den Beziehungen bis heute. In Russland hat sich dann eine großartige Synthese (Symphonie) zwischen byzantinischem Erbe und slawischer Mentalität, sondern zwischen Kirche und Nation und ihrer Kultur (nicht Kirche und Staat, wie es bei uns meist missverstanden wird) herausbildet. Man denke an die liturgischen Gesänge, die Ikonen, die Musik und an die Literatur, auf die man heute in Russland zu Recht wieder stolz ist, vielleicht gerade deshalb stolz ist, weil es dem russischen Volk was die Ökonomie, das Sozial- und Gesundheitssystem u.a. angeht, wahrlich nicht gut geht. Schließlich: Durch die Emigration während des Kommunismus und danach finden sich heute orthodoxe Kirchen weltweit; sie sind keine reinen Ostkirchen mehr; es hat sich eine große orthodoxe Diaspora in Westeuropa, den beiden Amerikas und in Australien gebildet.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung und ihre Rückwirkungen auf die Mutterkirchen sind noch nicht absehbar. Doch blicken wir jetzt auf den Westen! Er hat das Christentum – wie das Vatikanum II zu Recht feststellte – von Anfang an in anderer Form aufgenommen. Der Westen dachte, anders als der Osten, nicht so sehr in metaphysischen und mystischen Kategorien sondern in juristischen Ordnungskategorien. Die Schwäche und der rasche Verfall Westroms ermöglichten dem Bischof von Rom eine größere Freiheit und Unabhängigkeit. So kam es im Westen anders als im Osten nicht zu einer sakral überhöhten Symphonie von Kirche und Imperium sondern zur Herausbildung von zwei unterschiedlichen und eigenständigen Ordnungssystemen. Das führte schon früh und dann vor allem seit der gregorianischen Reform im 11. Jahrhundert zur Auseinandersetzung um die libertas ecclesiae, in der Neuzeit dann zur Auseinandersetzung um die Freiheit des Staates von kirchlicher Bindung, die die dann in die Säkularisierung einmündete.

Als in der Völkerwanderung Ostrom nicht helfen konnte, war Rom gezwungen sich im Westen in den Franken neue Verbündete zu suchen. Für den Osten war dies Hochverrat, den und die Griechen bis heute nicht ganz verziehen haben. Dieses neue Bündnis, das durch die Kaiserkrönung Karl d. Gr. im Jahr 800 symbolisiert wird, wurde zum Ausgangspunkt einer westlichen Eigenentwicklung, die man etwas romantisierend das christliche Abendland nannte und nennt. Zweifellos ebenfalls eine – wenn man nur an die großen mittelalterlichen Kathedralen in Deutschland,

Frankreich und England denkt – große Kultur, aber eine Kultur und ein Frömmigkeitsstil, die aber dem Osten zutiefst fremd geblieben sind. Fremd geblieben ist dem Osten weithin der große Kirchenlehrer und Lehrmeister des Westens, Augustinus. Mit dem Ausdruck „fremd geworden“ ist der entscheidende Ausdruck gefallen. Die Trennung zwischen Ost und West ist das Ergebnis einer lange dauernden Entfremdung. Die Trennung kann darum nicht an einem bestimmten Datum festgemacht werden. Sie ist nicht mit dem Jahr 1054 anzusetzen, wo der päpstliche Legat Humbert von Silva Candida (übrigens ein Reformer!) und der Patriarch Kaerularius sich gegenseitig exkommuniziert haben. Das wurde damals von keiner Seite als Kirchenspaltung angesehen.

Das Jahr 1054 ist eher ein symbolisches Datum. Es steht für die Entfremdung zwischen Ost und West, die sich in einem langen Prozess herausgebildet hat. Man verstand sich schon rein sprachlich nicht mehr, man lebte immer mehr in kulturell, politisch und auch kirchlich in verschiedenen Welten – und tut dies teilweise bis heute. Wenn man schon nach einem Datum für die Trennung sucht, dann ist es nicht 1054 sondern 1204, wo während des vierten Kreuzzugs nicht Jerusalem sondern Konstantinopel erobert, in barbarischer Weise verwüstet und vieles Kirchen, liturgische Geräte, Reliquien u. a. profaniert wurden.

Das haben uns die Griechen bis heute nicht vergessen, auch wenn es inzwischen mehr als 800 Jahre her ist. Seither gab und gibt es teilweise noch heute nicht nur Entfremdung sondern leider teilweise bis heute auch einen abgründigen Hass und ein tief sitzendes Misstrauen gegen die Lateiner.

Die Bildung von mit Rom unierten Ostkirchen im 16./17/18. Jahrhundert (Union von Brest 1594) hat das Misstrauen nochmals neu geschürt. Das ist eine tief sitzende Wunde bis heute. Das alles muss man wissen, wenn man von Ost- und Westeuropa spricht. Aber das alles ist nur die eine Hälfte. Ein zweites kommt hinzu. Obwohl Ost und West das Christentum von Anfang an in verschiedenen Formen aufgenommen haben und obwohl es schon im ersten Jahrtausend unterschiedliche Entwicklungen und viele Spannungen und auch Schismen gab, man wusste und man verstand sich als die eine Christenheit und die eine Kirche. Ost und West verbinden vor allem das eine christliche Menschenbild, die unbedingte Würde jedes einzelnen Menschen und zugleich seine solidarische Einbindung in Familie, in das jeweilige Volk und in die eine Menschheit.

Sie treten darum ein die Werte der Familie wie für gegenseitigen Respekt zwischen den Kulturen und Religionen, für Frieden in der Welt. Die grundlegenden Dogmen, besonders das Glaubensbekenntnis sind gemeinsam, wir haben dieselben Sakramente, besonders die Eucharistie, wir haben das gemeinsame sakramentale Kirchenverständnis mit bischöflicher Verfassung und wir verehren viele gemeinsame Heilige, besonders die Gottesmutter Maria. Das sind tiefe Gemeinsamkeiten, welche die Kirchenspaltung zwischen Ost und West grundlegend von der westlichen Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts unterscheiden.

Dieses Bewusstsein der Gemeinsamkeit hielt sich bis ins hohe Mittelalter; die letzte Messe in der Hagia Sophia vor dem Fall von Konstantinopel (1453) wurde von Griechen und Lateinern gemeinsam gefeiert; ja noch im 17./18. Jahrhundert gab es teilweise noch Sakramentengemeinschaft. Das alles blieb bestehen trotz der sich im zweiten Jahrtausend deutlicher herausbildenden Unterschiede im Primatsverständnis, in der Frage des Filioque-Zusatzes im Credo, in den neueren Mariendogmen u.a. Trotz dieser und anderer Unterschiede wussten sich Ost und West als eine Kirche, sie sind es auch heute wenngleich nicht in voller Kirchengemeinschaft.

Diese Einheit in Verschiedenheit wird uns heute neu bewusst, sowohl politisch und kulturell wie auch theologisch und ökumenisch. Die Kirchen haben erkannt: Die Integration Europas ist auch eine ökumenische Herausforderung. Es kann sich freilich bei dem einen Europa nicht um ein Einheitseuropa und bei der einen Kirche nicht um eine Einheitskirche handeln. Wir können auch nicht einfach in die Zeit vor der Trennung, d.h. ins erste Jahrtausend zurück. Es ist uns im dritten Jahrtausend eine Einheit in der Verschiedenheit aufgetragen, die ein geschichtliches Novum darstellt. Weder kann der Westen den Osten noch der Osten den Westen aufsaugen oder sich angliedern. Eine solche europäische Integration kann nicht ohne die Kirchen gelingen, welche die Kultur hüben wie drüben über Jahrhunderte entscheidend bestimmt haben. Die europäische Integration kann nur gelingen wenn die Kirchen mit im Boot sind. 8 Die ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts hat gegenüber dem über 1000 Jahre dauernden Entfremdungsprozess einen Versöhnungsprozess eingeleitet. Es wächst nun wieder zusammen, was zusammen gehört. Wir können nur hoffen, dass die Versöhnung nicht ebenso lange dauert wie die vorhergehende Entfremdung. II. Wo stehen wir heute? Die Einheitsbemühungen haben nicht erst mit dem II. Vatikanischen Konzil begonnnen. Schon im Mittelalter, auf dem II. Konzil von Lyon (1274) und dem Konzil von Florenz (1439-45) gab es solche Bemühungen, wenngleich unter politischen Vorzeichen, die schon damals nicht hilfreich waren und die heute nicht mehr die unsrigen sind. Wir müssen freilich zugeben: Die moderne ökumenische Bewegung war im Osten schon ein halbes Jahrhundert früher lebendig als in der katholischen Kirche. Bereits 1902 und 1920 hat der ökumenische Patriarch Joachim III. je eine Enzyklika geschrieben und zu Versöhnung eingeladen.

Er hat dies zu einer Zeit getan, da diese Fragen in Rom noch tabu waren, und 1948 waren die Orthodoxen dabei als der Ökumenische Rat der Kirchen aus der Taufe gehoben wurde. Auch die Orthodoxie hatte und hat ihre großen ökumenischen Gestalten: der Philosoph Solovjev, der ökumenische Patriarch Athenagoras, der Metropolit Nikodim von St. Petersburg, Vater Alexander Menn u.a. In Rom geschah der offizielle Wandel durch Papst Johannes XXIII., der zuvor als Apostolischer Delegat viele Jahre im Osten, zuerst in Bulgarien, dann in Istanbul, zugebracht hatte und dabei die Orthodoxie schätzen lernte.

Als sich 1964 Papst Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras in Jerusalem begegnete war dies nach fünf Jahrhunderten die erste Begegnung zwischen einem Papst und einem ökumenischen Patriarchen. Solche Begegnungen und der Austausch von Briefen sind inzwischen die Regel geworden. Am Vorabend des Abschlusses des Konzils wurden in einem feierlichen Akt gleichzeitig in Rom und in Konstantinopel die Exkommunikationen von 1054 „aus dem Gedächtnis der Kirche getilgt“. Seither ist sehr vieles in Bewegung gekommen. Was schon heute möglich und wirklich ist, grenzt wenn man die Geschichte kennt fast schon an ein Wunder. Die gegenseitigen Besuche von Papst und Patriarchen und von hohen Delegationen wie der regelmäßige Austausch von Briefen zu den großen Festtagen sind die Regel geworden.

Das bedeutet, wir haben schon jetzt wesentliche Formen der Kirchengemeinschaft, wie sie im ersten Jahrtausend üblich waren, wieder aufgenommen. Nach diesem „Dialog der Liebe“ konnte 1980 durch eine gemeinsame theologische Kommission der „Dialog der Wahrheit“ aufgenommen werden. In der ersten Phase ging es darum, die gemeinsamen Grundlagen vor allem in der Eucharistie, den Sakramenten, dem Amtsverständnis festzuhalten. Wir haben festgestellt: Zwar sind die Wege hinüber und herüber schwer beschädigt worden und die Brücken teilweise zusammen-gebrochen, aber die Pfeiler haben standgehalten. Darauf kann man aufbauen. Leider hat die politische Wende von 1989/90 den Dialog nicht wie erwartet einfacher gemacht sondern in eine schwere Krise gestürzt. Die Kirchen sind mit dem Geschenk von 1989 schlecht umgegangen.

Die durch Stalin brutal verfolgten katholischen Ostkirchen in der Ukraine und in Rumänien konnten aus den Katakomben hervorkommen und ins öffentliche Leben zurückkehren. Das hat bei den Orthodoxen alte Ängste und Vorhalte neu wach gerufen. Seither gibt es den noch immer nicht ganz verstummten Vorwurf des Uniatismus und Proselytismus. So wurde das Treffen in Baltimore 2000 zu einem Fiasko. Es war die schlimmste ökumenische Versammlung, die ich je erlebt habe.

Dazu kamen erhebliche Verstimmungen mit Moskau nach der Errichtung von vier katholischen Diözesen (11. Februar 2002) in der Russischen Föderation. So herrschte zunächst einmal Eiszeit. Es bedurfte vieler geduldiger Gespräche um das Verhältnis wieder ins Lot und die Gespräche wieder in Gang zu bringen. Schließlich konnten wir 2006 in Belgrad und 2007 in Ravenna mit den Dialogen wieder beginnen.

Das ökumenische Patriarchat hat dankenswerter Weise entscheidend mitgeholfen. Auch der Pontifikatswechsel zu Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 hat sich positiv ausgewirkt. So war Ravenna ein großer Erfolg. Erstmals konnte die Frage der universalen Kirche und die entscheidende Differenz, die Frage des Primats Roms angegangen, wenngleich noch nicht gelöst werden. Es gelang aber, eine gute Grundlage für die weiteren Gespräche zu legen. Sie sollen im Oktober auf Zypern auf der Grundlage eines Textes, der im letzten Jahr auf Kreta vorbereitet wurde, fortgesetzt werden.

Dieses Mal wird auch Moskau wieder am Verhandlungstisch dabei sein. Man darf also hoffen. 10 Das Thema auf Zypern wird lauten: Die Rolle des Bischofs von Rom in der universalen Kirche im ersten Jahrtausend.“ Wir wollen fragen, ob und inwiefern das gemeinsame erste Jahrtausend mit seiner Einheit in der Vielfalt ein Modell sein kann für die dritte Jahrtausend. Beide Seiten sind davon überzeugt. Um aber die Frage endgültig zu beantworten müssen wir uns in den nächsten Jahren zuvor noch der schwierigen Frage zuwenden, ob wir über das zweite Jahrtausend mit dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil irgend eine Art von Konsens erzielen können.

Dieser Härtetest steht uns noch bevor. Es wäre ein Wunder, wenn er gelänge. Doch das, was wir in den letzten 50 Jahren schon erreicht haben ist schon fast ein Wunder. Was heute möglich und wirklich ist, war ein ganzes Jahrtausend lang undenkbar. Dabei handelt es sich nicht nur um kirchenpolitische und theologische Spitzenbegegnungen und Spitzengespräche von hochrangigen Delegationen bei den Dialogen oder bei besonderen Ereignissen (Tod und Amtseinführung eines Papstes oder eines Patriarchen). Die Beziehungen sind inzwischen längst in die Breite gegangen und an die Basis vorgedrungen.

Viele Diözesen haben Partnerschaften entwickelt, viele Freundschaften sind entstanden, unzählige Besuche finden statt. Renovabis und „Kirche in Not“ helfen sie gut sie nur können. Die orthodoxen Kirchen sind inzwischen auch bei uns in Westeuropa wie in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Australien präsent und unterhalten überall freundschaftliche und brüderliche Beziehungen mit der katholischen Kirche am Ort.

Der Päpstliche Einheitsrat hat seit Jahrzehnten ein Stipendienprogramm entwickelt, auf Grund dessen junge orthodoxe Priester in Rom oder an anderen Orten des Westens studieren und promovieren und dabei unsere Kirche aus der Nähe kennen lernen können. Die Kirche von Griechenland lädt katholische Geistliche und Studenten zu Sommerkursen nach Athen ein. Die orthodoxe theologische Fakultät in Belgrad hat ein Partnerschafts- und Austauschprogramm mit der Lateran-Universität in Rom abgeschlossen. Darüber hinaus unterstützen wir Übersetzungen von grundlegenden theologischen Büchern und kulturelle Events sowohl in Moskau wie in Minsk und in Kiew.

Ich könnte lange so weiterfahren um zu zeigen: Es ist eine neue Situation entstanden. Sie ist gewiss nicht vollkommen und alles andere als spannungsfrei, und sie kann es auch nicht sein. Aber es ist insgesamt die Situation eines geordneten und freundlichen Neben- und Miteinanders und einer sich anbahnenden Zusammenarbeit. Dafür können wir nicht genug dankbar sein. Daran gilt es nun konsequent weiterzuarbeiten. Natürlich kann diese Zusammenarbeit nicht über die Köpfe der zahlenmäßig meist sehr kleinen katholischen Kirchen in den Ländern mit orthodoxer Mehrheitsbevölkerung hinweggehen.

Es wird uns gelegentlich der Vorwurf gemacht, wir würden unsere katholischen Brüder und Schwestern auf dem Altar der Ökumene opfern. Das ist – auch wenn es immer wieder wiederholt wird – absoluter Unsinn. Das Gegenteil ist wahr. Es ist ein Ziel der ökumenischen Bemühungen, den katholischen Christen in diesen Ländern zu helfen. Das Verhältnis der orthodoxen Mehrheitskirchen zu den katholischen Minderheitenkirchen ist für uns der Lackmustest guter Beziehungen. Wir sagen unseren Partnern immer wieder: Wir im Westen helfen euch, wir stellen euch etwa Kirchen zur Verfügung, Renovabis und andere Einrichtungen unterstützen euch auch in euren Heimatländern; deshalb dürfen wir ähnliches auch von euch gegenüber den meist kleinen katholischen Kirchen im Osten erwarten. Und in der Tat, es ist in dieser Hinsicht in Russland inzwischen eine neue Situation entstanden, während in der Ukraine und leider neuerdings verstärkt wieder in Rumänien noch vieles zu tun ist.

III. Fragen wir also: Wie kann es weitergehen? Dazu zuerst eine Aussage, die manche enttäuschen mag, die man aber – wie ich meine – realistischer Weise machen muss: Man soll dem Geist Gottes gewiss keine Grenzen setzen; er ist immer wieder für Überraschungen gut. Menschlich betrachtet sollten wir uns aber in Bezug auf eine volle Kirchengemeinschaft zwischen Rom-Konstinopel-Moskau keiner Naherwartung hingeben. Das könnte nur zu Enttäuschung, Resignation und Frustration führen. Die Geschichte von tausend Jahren lässt sich nicht kurzfristig umkehren. Keine Kirche kann ihre verbindliche Tradition zur Disposition stellen, und im Osten begegnet die ökumenische Idee in vielen Fällen noch immer Vorbehalten um nicht zu sagen Widerständen; manchen dort ist Ökumenismus ein Schimpfwort und eine Superhäresie.

Da ist noch viel Arbeit nötig. Aber auch in Rom muss sich noch manches bewegen. Rom muss sich fragen, ob es das für den Osten grundlegende Verhältnis Primat und von Synodalität bzw. Kollegialität über das II. Vatikanum hinaus klären kann. Wer die darüber geführten Debatten während des Konzils kennt, weiß wie schwierig das auf unserer Seite sein dürfte. So werden wir aller menschlichen Voraussicht nach wohl noch einige Zeit nebeneinander leben, Gott sei Dank nicht mehr feindselig und auch nicht mehr sprach- und kommunikationslos sondern in brüderlicher Verbundenheit als Schwesterkirchen im theologischen und geistlichen Austausch, in dem wir von einander lernen und einander bereichern können.

Ein zweites muss freilich hinzugefügt werden. Über den wichtigen theologischen Dialog hinaus können und müssen sie ist auf der Grundlage des bisher Erreichten auf vielen Feldern praktisch zusammenarbeiten. Ost und West stehen gegenwärtig vor großen gemeinsamen Herausforderungen. Die moderne und postmoderne Säkularisierung hat das gemeinsame kulturelle Fundament Europas in Ost und West ausgehöhlt.

Dabei ist die Säkularisierung nicht nur ein Problem des Westens; 70 bzw. 40 Jahre atheistische Politik, Erziehung und Propaganda sind im Osten nicht folgenlos geblieben. Der damalige Metropolit Kyrill hat gesagt, dass der Kommunismus für alle eine Warnung sein muss, wohin es führt, wenn man eine Gesellschaft ohne Gott aufbauen will. So müssen wir uns heute gemeinsam darum bemühen, Europa seine christliche Seele zurückgeben.

Die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen haben in der Ethik und in der Soziallehre weithin die gleichen oder zumindest ähnliche Vorstellungen und können deshalb gut zusammenarbeiten. Das war das Thema eines interessanten gemeinsamen Kongresses im Mai 2006 in Wien. Themen waren: Die christlichen Grundlagen unserer Kultur, die Herausforderungen durch die Globalisierung, die Bedrohung durch neue Sekten und religiöse Indifferenz, was kann auf der Ebene der Familien, der Pfarreien, Klöster, Schulen, Universitäten und kulturellen Zentren geschehen, der Einfluss der 13 christlichen Ethik in der Politik, Wirtschaft und in den Medien, der Dialog der Kirchen mit den anderen Religionen und humanistischen Bewegungen. Das ist ein weites Feld und ein Programm für viele Jahre. Damit diese Zusammenarbeit effektiv gestaltet werden kann müssten die bereits vorhandenen institutionellen Instrumente weiter ausgebaut und gegebenenfalls neue geschaffen werden.

Es gibt auf katholischer Seite den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und auf Seiten der anderen Kirchen die Konferenz der Europäischen Kirchen (KEK). Beide arbeiten schon regelmäßig zusammen. Zu der Frage ob und wie diese Zusammenarbeit intensiviert werden kann liegen sowohl von Konstantinopel wie von Moskau Vorschläge auf dem Tisch, die wir in den nächsten Wochen und Monaten diskutieren müssen.

Zur Zusammenarbeit in Europa kommt hinzu die gemeinsame weltweite Verantwortung für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Bewahrung der Schöpfung sowie die Abwehr eines ideologisch radikalisierten gewaltbereiten Islamismus und Terrorismus. Zu nennen ist insbesondere die gemeinsame Sorge um die Situation und den Frieden im nahen und mittleren Osten. Wir sind besorgt über die starke Emigration besonders von jungen Christen, die in ihrer Heimat, die geistlich unser aller Heimat ist, keine Zukunft mehr sehen.

Einen dritten Punkt möchte ich noch andeuten. Es ist mehr eine Frage als eine These. Man hat schon gesagt, dass mit 1989 das kurze 20. durch Ideologien und Diktaturen bestimmte Jahrhundert zu Ende gegangen sei nach dem langen 19. Jahrhundert, das von 1789, dem Jahr der französischen Revolution bis zum ersten Weltkrieg und dem Ende des bürgerlichen Zeitalters dauerte. Die Frage ist: Was kommt jetzt im 21. Jahrhundert? Was wird Europa in der entgrenzten globalisierten Welt des neuen Jahrhunderts sein? Das Motto „Europa seine Seele zurückgeben“ ist zweifellos goldrichtig. Aber um ein bloßes Zurück zur vorrevolutionären und vortotalitären Welt kann es sich dabei nicht handeln.

Die Weltkonstellation hat sich radikal geändert, und sie ist weiterhin in raschem Wandel begriffen. Niemand kann die Zukunft voraussehen und doch müssen wir sie nach Kräften gestalten. Ich frage mich manchmal, ob Europa, ob die Kirchen und d.h. ob wir alle das Novum der Situation und die neuen Herausforderungen nach dem November 1989 und dem 11. September 2001 schon angemessen begriffen haben.

Eines ist freilich gewiss: Es ist eine gemeinsame und damit eine ökumenische Herausforderung der Kirchen in Ost und West. Ich komme zum Schluss. Jesus betete in seinem Abschiedsgebet um die Einheit seiner Jünger. Er fügte der Bitte „dass alle eins seien“ hinzu: „damit die Welt glaube“. Die Einheit der Kirche ist kein Selbstzweck sondern Zeichen und Werkzeug der Einheit und des Friedens in der Welt. Der Dienst an der Einheit der Kirche ist auch ein Dienst am Frieden in der Welt, in Europa und im eignen Volk. Ökumene ist darum kein Luxus, der zur normalen kirchlichen und pastoralen Geschäft hinzukommt; sie ist eine wesentliche und zugleich höchst aktuelle Verpflichtung der Kirche und aller Christen, schon heute alles gemeinsam zu tun, was wir gemeinsam tun könne.