Kardinal Kasper: Im Alltag ein Fundament der Freundschaft legen

Interview über die Zukunftsperspektiven des jüdisch-christlichen Dialogs

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BUDAPEST, 20. November 2008 (ZENIT.org).- Die Formung der kommenden Generationen sei der Schlüssel zur Fortsetzung des 40 Jahre andauernden jüdisch-christlichen Dialogs, sagte ein Sprecher des Vatikans.

Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, welcher die Kommission für religiöse Kontakte zu den Juden leitet, sprach mit ZENIT über den jüdisch-christlichen Dialog und die Möglichkeiten der interreligiösen Zusammenarbeit, und zwar gleich anschließend an das zwanzigste Treffen der genannten christlich-jüdischen Gremien in Budapest.

Das Thema der Konferenz war die Rolle der Religion in der bürgerlichen Gesellschaft von heute und der derzeitige Stand der jüdisch-christlichen Beziehungen in Osteuropa.

ZENIT: Wo können Juden und Christen innerhalb der Gesellschaft und für die Gesellschaft zusammenarbeiten? Was können speziell die christlichen Laien für die Gesellschaft tun?

Kardinal Kasper: Juden, Katholiken, Christen haben mehr oder weniger dieselben Werte und es ist sehr wichtig, gemeinsam Zeugnis abzulegen, speziell bei Werten wie Leben, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Freiheit und Menschenrechte. Vergessen wir dabei nicht, dass wir auch die 10 Gebote teilen. Ein gemeinsames Zeugnis wird unserer Stimme mehr Nachdruck verleihen.

In Lateinamerika, in den USA, in Europa und an anderen Stätten haben wir die Zusammenarbeit bereits begonnen.

Wir haben soeben einen Bericht über die Lage in Mexikostadt und anderen Orten Lateinamerikas gehört. Zu unserer großen Freude gibt es bereits ein Netzwerk der Zusammenarbeit. Das ist fast schon ein Wunder, denn in der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen Juden und Christen sehr komplex und schwierig. Alles änderte sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Was Laien tun können? Zum Schutz der Menschenrechte beitragen, in Wohlfahrtseinrichtungen aushelfen, sich für die Gerechtigkeit einsetzen - das ist ihre Verantwortung und nicht nur jene der Bischöfe und Priester. Es kann viel getan werden. Christen und Juden begegnen einander in der Wirklichkeit des Alltags, wo sie die Gelegenheit dieser Begegnungen dazu nutzen können, ein Fundament der Freundschaft zu legen.

ZENIT: Was ist der Beitrag der Budapester Konferenz? Zielt sie darauf ab, eine neue Gesellschaft und eine neu gestaltete Zukunft zu gestalten?

Kardinal Kasper: Die ersten Schritte sind in Ost- und Mitteleuropa getan. In Ungarn war der Holocaust fürchterlich. Viele Juden verloren dort und in Polen, der Ukraine und Russland ihr Leben. Deshalb sind wir zusammengekommen, um den christlich-jüdischen Dialog auch in diese Länder hineinzutragen.

Das Thema der Konferenz war Religion in der bürgerlichen Gesellschaft von heute. Das ist außerordentlich wichtig. Denn heutzutage wird zumeist die Trennung von Religion und Staat vertreten. Dabei haben wir es vorwiegend nicht mit einem Staat zu tun, der die Religion unterdrückt, sondern mit den Massenmedien. Die Konferenz hat uns somit gelehrt, wie wir der neuen Intoleranz entgegentreten können. Wir wissen, was die Religion - sowohl die christliche und wie auch die jüdische - der Gesellschaft und dem Staat geben kann. Es ist so wichtig zu verstehen, wie wir die Religionsfreiheit erhalten können, nicht als reine Privatsache, sondern auch in der Öffentlichkeit.

ZENIT: Wie sehen die nahe liegenden Zukunftsperspektiven des Dialogs aus, der seit nunmehr 40 Jahren auf viele Früchte zurückblicken kann?

Kardinal Kasper: Die Bildung ist grundlegend. Wir müssen jeder neuen Generation das gleiche Engagement mit auf den Weg geben, indem wir neue Projekte in den Schulen entwickeln, die Toleranz, gegenseitigen Respekt und das freundliche Entgegenkommen fördern, auf dass der Holocaust und die Reichskristallnacht, derer wir derzeit gedenken, nicht in Vergessenheit geraten. Die Formung der nächsten Generation ist dabei von größter Wichtigkeit.

Von Lisztovszki Tünde; Übersetzung von Peter Hartig