Kardinal Kasper über die Beziehung mit der orthodoxen Kirche

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in "Radio Vatikan"

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ROM, 8. Juli 2005 (ZENIT.org).- Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, gibt im folgenden Interview mit "Radio Vatikan" Auskunft über seine Gespräche mit dem Patriarchat der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau. "Viele kleine Schritte" müssten noch getan, eine Reihe von Problemen gelöst werden. Das vor kurzem in Rom stattgefundene Treffen mit der Delegation des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel sei "besonders schön" gewesen.



Herr Kardinal, eine orthodoxe Delegation des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel war zum Peter- und Paulsfest in Rom. Wie war die Stimmung? War es eine brüderliche Begegnung?

Kardinal Kapser: Es war eine sehr brüderliche Begegnung. Das ist ja auch sehr eingeübt, wir tun das seit Jahrzehnten. Es war dieses Mal besonders schön; erstens sind sie zum ersten Mal dem neuen Papst begegnet - eine sehr schöne Begegnung; zweitens konnten sie jetzt offiziell mitteilen, dass wir den internationalen Dialog mit allen orthodoxen Kirchen im Herbst wieder aufnehmen können. Das war wirklich eine gute Botschaft.

Welche Themen werden denn bei dem internationalen ökumenischen Dialog auf dem Programm stehen?

Kardinal Kasper: Es geht um "Kirche - was heißt das überhaupt?", Kirchengemeinschaft, und in diesem Zusammenhang um die zentrale Frage mit der Orthodoxie, nämlich den Primat, das Petrusamt. In diesem Kontext kann man dann auch wieder die Frage der so genannten unierten Kirchen aufgreifen.

Ich denke, das sind die Fragen, die jetzt anstehen. Das wird keine leichte Diskussion sein, aber wir greifen jetzt endlich die Probleme auf, die zwischen uns stehen.

Ein Thema wie das der unierten Kirchen klingt ja doch sehr nach konkreten Schritten...

Kardinal Kasper: Die unierten Kirchen sind immer in diesen Dialog einbezogen gewesen. Das wird auch anerkannt. Aber da sind eben auch einfach historische Belastungen da, und es braucht Zeit, das aufzuarbeiten. Es ist jetzt eine Stimmung da, die es erlaubt, offen über die Dinge zu sprechen.

Der Papst hat in seiner Ansprache auch den Rückbesuch, den die römische Kurie in Konstantinopel zum Andreasfest machen wird, angesprochen. Wird er da vielleicht auch selbst dabei sein?

Kardinal Kasper: Das ist im Augenblick noch offen. Der Papst möchte gerne einen Besuch machen. Ob das jetzt dieses Jahr schon möglich ist, das wird man erst sehen müssen. Auf jeden Fall hat der Papst hier Interesse, vor allem in erster Linie mit Konstantinopel Beziehungen zu haben, das ja einen Ehrenvorrang hat unter den orthodoxen Kirchen.

Wie ist denn die Situation des Patriarchats von Konstantinopel an sich in der Türkei? Es hat ja eine doch nicht gerade einfache Stellung, oder?

Kardinal Kasper: Das ist sehr schwierig. Die Türkei ist mehrheitlich ein muslimisches Land, obwohl es ein säkularer Staat ist. Da hat der Patriarch durchaus seine Schwierigkeiten. Wir versuchen, ihn zu unterstützen, so gut wir das können.

Dann würde ich gerne auf Ihre Moskau-Reise kommen. Könnten Sie uns kurz erklären, worum es da eigentlich ging? Was war der Anlass, mit wem haben Sie sich getroffen?

Kardinal Kasper: Aus Anlass des Todes von Papst Johannes Paul II. und der Amtseinführung des gegenwärtigen Papstes war ja jeweils eine hohe Delegation der russisch-orthodoxen Kirche da, und bei der Amtseinführung war auch eine Begegnung mit dem neuen Papst. Dabei sind sehr interessante Fragen aufgetaucht, und ich dachte, diese Fragen gilt es nun zu vertiefen: Wie können wir weitermachen in diesem nicht ganz einfachen Verhältnis mit der russisch-orthodoxen Kirche? Das war der Grund meiner Reise nach Moskau – es ging also um eine Erkundigungsreise. Deshalb war gar nicht vorgesehen, den Patriarchen selber zu treffen, sondern den Metropoliten Kyrill, der den Vorsitz im Amt für die Außenbeziehungen innehat. Diesen habe ich in erster Linie getroffen und ein Gespräch mit ihm geführt über die Perspektiven der künftigen gemeinsamen Arbeit.

Wie war die Atmosphäre dieser Gespräche?

Kardinal Kasper: Die Atmosphäre war freundlich und höflich. Ich würde sie jetzt nicht als warm bezeichnen, aber durchaus als freundlich, höflich und brüderlich. Wir haben darüber gesprochen, wo wir zusammenarbeiten können, vor allem auf kulturellem und sozialem Gebiet, und auch, wie wir gemeinsam Zeugnis geben können gegen die moderne Säkularisation. Da sind Begegnungen möglich.

Wir haben auch darüber gesprochen, dass es wünschenswert wäre, dass Begegnungen zwischen Klöstern stattfinden, denn das Mönchtum spielt ja in der orthodoxen Kirche eine ganz besondere Rolle. In dieser Richtung wollen wir also weitermachen. Außerdem wird sich die russisch-orthodoxe Kirche am internationalen Dialog beteiligen. Insofern haben wir durchaus eine positive Perspektive.

Papst Benedikt XVI. hat in Bari, vorher und auch jetzt, beim Besuch des Patriarchats von Konstantinopel, von konkreten Gesten und neuen Schritten in der Ökumene gesprochen. Was wäre denn da vorstellbar?

Kardinal Kasper: Wir haben von russischer Seite in letzter Zeit öfter auf inoffizielle Weise von einer "Allianz" gehört Dieses Wort ist in Moskau nicht gefallen - weder von russisch-orthodoxer, noch von unserer Seite. Es ist auch ein schwieriger Begriff. Ich habe vor allem darauf aufmerksam gemacht: Wenn man gemeinsam zusammenarbeiten will, dann muss auch die öffentliche Polemik zwischen den Kirchen aufhören, vor allem dieser dauernde Vorwurf des Proselytismus. Wir halten das für ungerecht. Wir haben schon öfters der russisch-orthodoxen Kirche gesagt: Das ist nicht unsere pastorale Strategie, das ist nicht unsere Politik; es mag einzelne Fälle geben, darüber kann man dann sprechen, das kann man dann auch abstellen, aber das ist von uns nicht in dieser Weise intendiert.

Wir hoffen, dass wir jetzt zuerst einmal diese öffentliche Polemik, die niemandem nützt, die nur denen nützt, die generell gegen die Kirche sind, zu Ende kommt. Dann kann man weiterreden. Was die konkreten Zeichen angeht: Ich glaube nicht, dass es spektakuläre Dinge sind. Da sind viele kleine Schritte, vor allem Begegnungen untereinander, notwendig.

Es ging ja auch um katholisch-orthodoxe Beziehungen in der Ukraine. Was sagt man da in Moskau dazu?

Kardinal Kasper: Ich habe von vornherein gesagt: Ich bin nicht dazu da, über die Verhältnisse in der Ukraine zu verhandeln. Ich habe da geraten, dass die russisch-orthodoxe Kirche direkt mit Kardinal Husar spricht. Das ist eine Kirche eigenen Rechts, die kann und will für sich selber sprechen. Von russisch-orthodoxer Seite wurde dann die Frage des Umzugs des Kardinals von Lemberg nach Kiew angesprochen. Sie sehen das nicht sehr gerne, sie haben da große Probleme, vor allem politischer Art. Aber ich muss meinerseits das Recht einer Kirche anerkennen; dass sie ihren Sitz dort hat, wo sie ihn für richtig ansieht. Das ist gegen niemanden gerichtet, das ist vor allem nicht gegen den orthodoxen Metropoliten in Kiew gerichtet. Das ist eine interne Frage dieser Kirche. Wir müssen die russisch-orthodoxe Kirche bitten, das dann auch zu respektieren.

Ist es denn denkbar, dass sich Papst Benedikt XVI. und Patriarch Alexij II. einmal treffen werden? In Moskau oder in Rom?

Kardinal Kasper: Darüber wurde nicht gesprochen. Der Standpunkt der russisch-orthodoxen Kirche ist unverändert, und der ist ja auch bekannt: Sie wollen, dass man erst die Probleme löst – und dann ist eine Begegnung des Patriarchen mit dem Papst ihrer Meinung nach möglich.