Kardinal Kasper über die Person des heiligen Paulus

„Brennender Zeuge Christi und Mann des Dialogs“

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ROM, 3. Juli 2008 (ZENIT.org). „Paulus war ein brennender Zeuge Christi und zugleich ein Mann des Dialogs“, so Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in einem am 28. Juni veröffentlichten Artikel des „L’Osservatore Romano“.



Er war klein von Wuchs und keineswegs ein brillanter Redner. Er verbrachte viel Zeit im Gefängnis, wurde geschlagen und war oft in Lebensgefahr. Fünfmal verabreichte man ihm 39 Schläge, dreimal wurde er ausgepeitscht, einmal gesteinigt. Er überlebte drei Schiffsbrüche, erlitt Hunger, Durst, Kälte und Nacktheit, wurde verleumdet, verfolgt und schließlich mit dem Schwert hingerichtet.

Wie konnte ein Mensch das alles durchstehen? Die Antwort darauf, so Kardinal Kasper, gibt Paulus selbst, wenn er schreibt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10), oder auch: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13). Diese Aussage berührt den Kern seines Lebens und Glaubens.

„Nichts, was er war, schrieb er seinem eigenen Verdienst zu. Stets lebte er im Bewusstsein, alles Gott und seiner Gnade zu schulden. Gott war Kraft und Vermögen seines Lebens“, schrieb Kardinal Kasper. Daher sei die Botschaft des Apostels „die Botschaft der Gnade. Wert und Würde, Erlösung und Heiligkeit haben wir nur von Gott und seiner Gnade. Wir können uns nicht mit eigenen guten Werken erlösen, denn die Erlösung ist ein Geschenk, das uns aufgrund unseres Glaubens gegeben wird. Diese Gnade bietet sich jedem einzelnen von uns. Mit der Gnade Gottes kann immer ein Neubeginn gewagt werden.“

Der deutsche Kurienkardinal erinnerte die Gläubigen daran, dass im Leben des heiligen Paulus ein radikaler Wandel geschehen war, der alles verändert hatte: seine Begegnung mit Christus auf dem Weg nach Damaskus. „Diese Erfahrung beeindruckte ihn derart, dass er seine komplette Geschichte vergaß und sich mit Entschiedenheit an der Zukunft orientierte. Das Evangelium war für Paulus keine abstrakte Lehre, sondern eine Person: Jesus Christus. Gott ist nicht in weiter Ferne, sondern er ist Gott für uns und Gott mit uns – Gott in unserer Nähe. Er hat sich erniedrigt und ist in Jesus Christus auf die Welt gekommen. Wenn Gott ihn von den Toten auferweckt hat, dann wird er auch uns auferwecken. Damit gibt es in jedem Leid und Schmerz, in jeder Schwierigkeit im Leben Hoffnung, selbst über den Tod hinaus.“

Eine Freudenbotschaft, die uns jedoch auch herausfordere, so Kasper weiter. „Wir müssen uns immer auf Jesus Christus hin orientieren, auf sein Beispiel, sein Leben und seine Worte. Wir müssen uns immer wieder verwandeln, ihn uns annehmen lassen und ihm folgen. Jesus Christus ist die Grundlage des Christentums, gibt ihm Identität und Charakter. Der Glaube an Jesus Christus als Gottessohn unterscheidet uns von den Anhängern des Islams. Wir dürfen unseren Glauben nicht verstecken, sondern ohne Furcht Zeugnis von ihm ablegen, wie dies auch Paulus tat. Das geschieht nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch ein stimmiges Leben aus dem Glauben, das geprägt ist von Freundlichkeit, Bereitschaft, Wohlwollen, Güte und aktiver Nächstenliebe.“

Kardinal Kasper deutete noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt des heiligen Paulus hin, der auch im Hirtenbrief der katholischen Bischöfen der Türkei anlässlich des Paulinischen Jahres aufscheint. Darin wird bemerkt, dass Paulus „ein brennender Zeuge Christi und zugleich ein Mann des Dialogs“ war. Er war Vertrauter der jüdischen wie auch der hellenistischen Kultur, sprach Aramäisch wie auch Griechisch. Bei seiner Rede im Athener Aeropag sagte er über die anderen existierenden Religionen: „Gott ist keinem von uns fern. In ihm Leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 27-28).

Ganz in dieser Tradition, so Kasper, ermahne und bestätige das Zweite Vatikanische Konzil, „dass die katholische Kirche nichts von dem, was wahr und heilig ist, ablehnt“ (vgl. Nostra aetate, 2). Das Konzil sprach vom Respekt gegenüber den Muslimen und lud zur Zusammenarbeit mit ihnen ein, wenn es um die soziale Gerechtigkeit, die moralischen Werte, den Frieden und die Freiheit aller Menschen gehe (3). „In Dialog zu treten“, erklärte der Kardinal, „bedeutet weder, den eigenen Glauben auf der Seite liegen zu lassen, noch sich beliebig anzupassen. Es geht einzig darum, den eigenen Glauben mit aller notwendiger Freundlichkeit und Geduld darzulegen und zu erklären, was, wie und warum wir glauben. Es geht darum, aktiv Zeugen des Glaubens zu sein.“ Wie dies möglich sei, „können wir vom Apostel Paulus lernen. Dank ihm ist die Kirche zur Weltkirche geworden.“

Sich der Herkunft der Kirche bewusst zu sein, bedeute, die Not der türkischen Christen vor Augen zu haben, schloss der Kurienkardinal. „Die Christen der Türkei bilden eine kleine Herde, die oft ein schweres Leben haben, doch Teil der großen Gemeinschaft der Glaubenden bilden. Die gesamte Kirche hat ihre Wurzeln in Tarsus und in der Türkei. Daher kann die Weltkirche nie auf die Christen der Türkei vergessen.“

Von Nieves San Martín; Übertragung ins Deutsche von Johannes Pernsteiner