Kardinal Kasper über Ökumene, Judentum und die Pius-Bruderschaft

Pressekonferenz in Wien

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WIEN, 24. APRIL 2009 (ZENIT.org).- „Ökumene ist für uns keine Option, sondern eine heilige Pflicht": Die Erfolge in der Ökumene, der bevorstehende Papstbesuch im Heiligen Land und die Beziehung zum Judentum sowie die heikle Frage der Pius-Bruderschaft standen im Mittelpunkt eines Pressegesprächs mit Kurienkardinal Walter Kasper, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, das gestern, Donnerstag, in der Wiener Innenstadt stattfand.



Kardinal Kasper, der fast 20 Jahre lang in Tübingen unterrichtet hatte, ehe er Hirte in Rottenburg-Stuttgart war, leitet den Einheitsrat seit 1999. Gestern erklärte er rückblickend, dass der Dialog der katholischen Kirche mit den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen „reifer geworden" sei, was manchmal den Eindruck erwecke, es gehe nicht wirklich voran. Was nicht gesehen werde, sei aber eine Tatsache: „Die Fortschritte sind erheblich." Der Kardinal, der sich auf Einladung der Stiftung „Pro Oriente", den Wiener Theologischen Kursen, dem Forum Zeit und Glaube sowie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien in Österreich aufhielt, sprach gestern an der Universität Wien ausführlich über die Entwicklung des Dialogs zwischen Ost und West (Sein Vortrag findet sich in der heutigen ZENIT-Ausgabe in der Rubrik „Dokumente").

„Ich war selbst überrascht, wie viel wir erreicht haben", erklärte Kasper mit Blick auf eine Dokumentation über die bisherigen Etappen im ökumenischen Dialog, die der Päpstliche Rat seit einiger Zeit vorbereitet und die bereits im Herbst fertig sein könnte. Diese Zusammenschau soll die Grundlage für eine Art „ökumenischen Katechismus" bilden, der auf Wunsch der letzten Vollversammlung der Bischöfe im Oktober des vergangenen Jahres erarbeitet werden soll. Zunächst soll es aber einen Kongress geben, bei dem die erzielten Erfolge anhand der Dokumentation analysiert würden.

Zum so genannten „Dialog der Profile" sagte Kardinal Kasper, dass man nur mit jemandem vernünftig sprechen könne, der klare Positionen vertrete. Das bedeute aber nicht, sich abzugrenzen, wovon er gar nichts halte. „Ökumene ist für uns keine Option, sondern eine heilige Pflicht... Es gibt dazu keine sinnvolle Alternative." Der ökumenische Dialog sei vom Heiligen Geist losgetreten worden und könne nur nach weiter fortschreiten. Allerdings müsse auch in den Pfarrgemeinden und Diözesen viel getan werden.

Kardinal Kasper führte mehrere hoffnungsvolle Zeichen an wie etwa die Tatsache, dass der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel im vergangenen Jahr dreimal in Rom war - „das ist in der Kirchengeschichte noch nie passiert" - oder den Briefverkehr des Papstes mit den Patriarchen und Hirten der verschiedenen Kirchen und Konfessionen, um schließlich eines seiner ganz großen Anliegen zu bekräftigen: „Ein wichtiger Schritt wäre, dass wir einen gemeinsamen Ostertermin haben." Zu den vielen „Zeichen, die erfreulich sind", gehört nach Worten des Kardinals auch der Münchener Kirchentag im kommenden Jahr.

Zum bevorstehenden Papstbesuch im Heiligen Land kündigte der Kurienkardinal eine Friedensbotschaft Benedikts XVI. an, räumte aber ein, dass es für den Heiligen Vater nicht einfach sein werde, Formulierungen zu finden, die sowohl den Juden als auch den Palästinensern gerecht würden. Kasper wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Heilige Stuhl in der Nahost-Frage für die Zwei-Staaten-Lösung eintrete.

Die Beziehung zu den Juden, insbesondere zu denen in den USA, sei sehr innig, fuhr Kardinal Kasper fort. Schwierigkeiten gebe es aber in Italien, Deutschland und Österreich. Da die Juden „unsere älteren Brüder sind", sei der offizielle Dialog mit dem Judentum auch im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen angesiedelt und nicht im Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog. Christen und Juden hätten ein- und denselben Gott und „sehr vieles gemeinsam". Neben dieser breiten gemeinsamen Basis gebe es aber auch entscheidende Unterschiede, vor allem Jesus Christus. Kardinal Kasper betonte in diesem Zusammenhang, dass er die die Meinung von Bischof Gerhard Ludwig Müller teile, der am 14. April eine Erklärung über das „Christus-Bekenntnis der Kirche im christlich-jüdischen Dialog" (vgl. heutige ZENIT-Ausgabe) veröffentlicht hatte.

Mit Blick auf „Durban II", der Anti-Rassismus-Konferenz der Vereinten Nationen in Genf, betonte Kurienkardinal Kasper, dass Antisemitismus Sünde sei und dass er keinen Platz in der Kirche habe. Das sagte Kasper auch im Hinblick auf die Gespräche mit der Priesterbruderschaft des heiligen Pius X.

Bei der Williams-Affäre ortete der Kurienkardinal zwei „Versäumnisse" des Vatikans, nämlich zum einen die mangelhafte Recherche-Arbeit, und zum anderen, dass man nicht gleich erklärt habe, was mit der Aufhebung der Exkommunikation tatsächlich „gemeint und was nicht gemeint ist". Es habe sich um keine „Rehabilitierung" der vier betroffenen Bischöfe der Pius-Bruderschaft gehandelt, sondern um die Überwindung einer psychologischen Schwelle, um sie frei zu machen umzukehren, „um mit ihnen wenn möglich in ein Gespräch einzutreten... Das wird ganz schwierig."

Papst Benedikt XVI. habe eine sehr realistische Sicht, betonte der Kardinal. Wenn überhaupt, dann gelte es, eben jetzt die Einheit wiederherstellen, denn ansonsten bestehe die Gefahr, das Schisma einzuzementieren. Den Vorwurf wie im Fall Luther, man hätte nicht mit ihm gesprochen, wolle sich der Heilige Vater nicht anhören lassen müssen.

„Wenn man für die Einheit der Kirche ist, dann ist das eine unteilbare Sache." Das Angebot der Einheit müsse für alle Seiten gelten. „Versuchen wir's jetzt halt mal, darüber ins Gespräch zu kommen."

Von Dominik Hartig