Kardinal Kasper: „Wir Christen in Europa müssen endlich aufwachen“

Ansprache des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in Sibiu (Rumänien)

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SIBIU, 6. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, am Mittwoch in der diesjährigen Kulturhauptstadt Sibiu/Hermannstadt (Rumänien) gehalten hat.



Der Kurienkardinal sprach im Rahmen der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung vor mehr als 1.200 orthodoxen, evangelischen und katholischen Vertretern aus ganz Europa über „Das Licht Christi und die Kirche“. Unter anderem bekräftigte er: „Durch unsere Spaltungen haben wir für viele Menschen das Licht Jesu Christi verdunkelt und die Sache Jesu Christi unglaubwürdig gemacht.“

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Kardinal Walter Kasper
Das Licht Christi und die Kirche

Das Thema dieser dritten Europäischen ökumenischen Versammlung „Das Licht Christi scheint auf alle“ ist der Stadt Sibiu/Hermannstadt geradezu auf den Leib geschnitten. Seit Jahrhunderten leben hier in Siebenbürgen Ungarn und Rumänen, orthodoxe, katholische, griechisch-katholische und evangelische Christen zusammen. Fast alle europäischen und ökumenischen Probleme spiegeln sich in dieser Region. Nicht umsonst ist Sibiu Europäische Kulturhauptstadt 2007.

1. Die komplexe Geschichte dieser Region zeigt, dass das Thema „Das Licht Christi scheint auf alle“ keine leicht verdauliche Kost ist; im Gegenteil, es provoziert Fragen und die bei manchen vielleicht sogar Widerspruch. Das Licht Christi scheint es wirklich allen, auch den Nichtchristen, den Muslimen etwa?, scheint es auch denen, die nichts von Jesus Christus wissen und den nicht hat wenigen, die im heutigen Europa, obwohl sie von ihm wissen, seine Botschaft ablehnen, die – mit der Bibel zu sprechen – die Finsternis mehr lieben als das Licht (Joh 3,19)? Scheint es gar denen, welche die Jesus Christus und die an ihn glauben verfolgen?

Wahrlich, kein leichtes und schon gar kein harmloses Thema. Trotzdem ist es ein Thema, das sich nicht irgendeine kluge ökumenische Vorbereitungskommission ausgedacht hat; es handelt sich um ein etwas freies Zitat aus dem Prolog des Evangeliums nach Johannes. Dort ist vom wahren Licht die Rede, das jeden Menschen erleuchtet und das durch Jesus Christus endgültig in die Welt kam (Joh 1,9). Jesus Christus selbst bezeichnete sich als Licht der Welt (Joh 8,12). Wir müssen darum das uns gestellte Thema „Das Licht Christi und die Kirche“ von vorne herein in den weiteren Horizont stellen, der lautet „Das Licht Christi und die Welt“.

Damit stehen wir mit unserem Thema auf festem biblischem Boden, und ich füge hinzu: Wir stehen auf festem gemeinsamen Boden. Denn bei allem, was orthodoxe, evangelische und katholische Christen unterscheidet, das Bekenntnis zu Jesus Christus verbindet uns. Als Christen bekennen wir gemeinsam, dass uns in Jesus Christus das Licht des Lebens geschenkt ist, dass uns dieses Licht aufgestrahlt ist in der uns gemeinsamen Taufe, welche die Kirchenväter als Erleuchtung (photismos) bezeichneten. Gemeinsam bekennen wir im Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott ist. Gemeinsam bekennen wir ihn als den einen Erlöser und Retter für alle Menschen und als das Heil der Welt.

Es scheint mir wichtig zu sein, dass wir uns zu Beginn unserer Versammlung nicht gleich in den Unterschieden, die zwischen uns sind, verhaken, sondern uns auf unser gemeinsames Fundament besinnen. Ökumene ist ja nicht bloß eine Sache von menschlichem Zusammengehörigkeitsgefühl. Ökumene will wahr machen mit dem gemeinsamen Bekenntnis zu dem einen Gott, dem einen Herrn Jesus Christus, der einen Taufe und der einen Kirche, zu der wir uns im gemeinsamen Credo bekennen. Die ökumenische Bewegung wird – so heißt es in der Basisformel des ökumenischen Rates der Kirchen – von Menschen getragen, die den dreifaltigen Gott anrufen und Jesus als Erlöser und Herrn bekennen. An diesem gemeinsamen Fundament müssen wir in den folgenden Tagen Maß nehmen und uns von ihm inspirieren lassen. Ohne dieses Fundament würden wir auf Sand bauen und Luftschlösser konstruieren.

Ecumenism’s gift to us is the fact that we have recognised this basic closeness and that we have rediscovered that we are not alien to each other or in competition, but brothers and sisters in Christ. We cannot be sufficiently grateful for this gift. We should never let our joy about this go sour, if differences and problems crop up. We should also never let ourselves be talked out of it by those for whom ecumenism is a fiasco. For us, ecumenism is a task we have from Jesus Christ, who prayed “that all might be one” (Jn 17,21); it is an urge of the Holy Spirit (Unitatis Redintegratio 1; 4) and an answer to the call of time. Thus we have stretched out our hands to each other and do not want to let them go again.

2. Wir tragen diesen Reichtum in irdenen Gefäßen (2 Kor 4,7). Denn obwohl auf dem einen gemeinsamen Fundament Jesus Christus leben wir in getrennten Kirchen. Wir tun das gegen den Willen und gegen den Auftrag Jesu Wir dürfen deshalb die Spaltungen zwischen uns nicht als selbstverständlich hinnehmen, uns nicht an sie gewöhnen oder sie gar beschönigen. Sie sind Widerspruch zum Willen Jesu und damit Ausdruck von Sünde; sie sind Versagen vor unserer geschichtlichen Aufgabe, das Licht Jesu allen Menschen zu bezeugen und gemeinsam einzutreten für die Einheit und den Frieden unter allen Menschen.

Durch unsere Spaltungen haben wir für viele Menschen das Licht Jesu Christi verdunkelt und die Sache Jesu Christi unglaubwürdig gemacht. Unsere Spaltungen sind – das lässt sich historisch zeigen – mitschuldig an den Spaltungen in Europa und an der Säkularisierung Europas. Unsre Spaltungen sind mitschuldig daran, dass viele an der Kirche verzweifeln und sie in Frage stellen. So können wir nicht selbstzufrieden sein mit dem Zustand, in dem sich unsere Kirchen befinden; wir können nicht weitermachen mit business as usual. Es gibt zur Ökumene keine verantwortliche Alternative. Alles andere würde unserer Verantwortung vor Gott und vor der Welt widersprechen. Die Frage der Einheit muss uns unruhig machen; sie muss in uns brennen.

3. Was können wir tun? Vor jeder Therapie muss die Analyse kommen. Meine Kirche, die katholische Kirche, hat jüngst in einem Dokument der Glaubenskongregation die Unterschiede, die leider bestehen, herausgestellt und sie hat damit an die Aufgabe erinnert, die noch vor uns liegt. Ich weiß, dass viele, vor allem viele evangelische Brüder und Schwestern, sich dadurch verletzt fühlen. Das lässt auch mich nicht kalt; das macht auch mir Beschwer. Denn das Leid und der Schmerz meiner Freunde sind auch mein Schmerz. Es war nicht unsere Absicht irgendjemand zu verletzen oder herabzusetzen. Wir wollten Zeugnis geben von der Wahrheit, so wie wir dies auch von den anderen Kirchen erwarten, und so wie es ja auch die anderen Kirchen tun. Auch uns gefallen nicht alle Erklärungen anderer Kirchen, und schon gar nicht, was sie gelegentlich über uns sagen. Aber was soll’s. Eine Kuschel- und eine Schummelökumene, die bloß nett miteinander zu sein will, helfen nicht weiter; weiter hilft nur der Dialog in der Wahrheit und in der Klarheit.

Wichtig ist freilich, dass wir über den Unterschieden und den so genannten Profilen nicht das größere und wichtigere Gemeinsame aus dem Auge verlieren. Es kommt auch in dem genannten Dokument klar zum Ausdruck. Ausdrücklich ist dort gesagt: Jesus Christus ist auch in den von uns getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften heilswirksam gegenwärtig. Das ist wahrlich nicht wenig. Vor wenigen Jahrzehnten wäre diese Aussage noch völlig undenkbar gewesen, und ich bin mir nicht sicher, ob alle unsere ökumenischen Partner sie auch über uns machen. Die Unterschiede betreffen also nicht das Christsein, sie betreffen nicht die Frage des Heils; die Unterschiede beziehen sich auf die Frage der konkreten Heilsvermittlung und auf die sichtbare Gestalt der Kirche. Das sind für Katholiken wie für Orthodoxe keine nebensächlichen Fragen. Denn die Kirche ist nach der Analogie des Geheimnisses der Menschwerdung gestaltet (LG 8). Sie ist sichtbare Kirche, sichtbar auch in ihrer amtlichen Gestalt. Und wer wollte leugnen, dass es über diese Frage zwischen uns leider noch immer keinen Konsens gibt.

An dieser Stelle berühren wir den eigentlichen bisher leider nicht gelösten gordischen Knoten. Weil wir uns nicht einig sind über das Verständnis der Kirche und in großen Teilen auch nicht über das Verständnis der Eucharistie, können wir uns nicht gemeinsam an dem einen Tisch des Herrn versammeln und gemeinsam von dem einen eucharistischen Brot und dem einen eucharistischen Kelch trinken. Das ist ein Ärgernis und für viele eine schwere Last. Aber es hilft nicht die Wunde zu verdecken; man muss sie, auch wenn es schmerzt offen legen; nur dann kann man sie behandeln und mit Gottes Hilfe heilen.

4. Lassen Sie mich deshalb nach der Analyse ein Wort zur Therapie sagen. Wir dürfen die Schuld an dem unsäglichen Leid, das aus unseren Spaltungen schon entstanden ist, nicht immer nur bei den anderen suchen. Alle Kommissionen von Historikern, die in den letzten Jahren getagt haben, haben gezeigt, dass einseitige Schuldzuweisungen in den allermeisten Fällen geschichtlicher Nachprüfung nicht standhalten; meist ist die Schuld auf beide Seiten verteilt. Dies sollten wir ehrlich eingestehen und dann Gott und unsere Brüder um Vergebung bitten. Nur durch die Reinigung des Gedächtnisses ist ein neuer Anfang möglich. Es gibt kein ökumenisches Weiterkommen ohne Umkehr und Buße. Daraus muss dann die Bereitschaft zu Erneuerung und Reform kommen, die in jeder Kirche nötig ist und bei der jede Kirche bei sich selber anfangen muss.

Bei dem Versuch, über die Gräben hinweg zu einem Konsens zu kommen hat sich die bisherige Methode Konvergenzen aufzuzeigen als fruchtbar erwiesen und in vielen bislang kontroversen Fragen weitergeführt. Ich erinnere etwa an den Fundamentalkonsens in der Rechtfertigungslehre. Aber inzwischen hat sich diese Methode offensichtlich erschöpft; wir kommen auf diesem Weg im Augenblick nicht mehr viel weiter. Das ist für mich kein Grund zur Resignation. Wir können unsere jeweilige Position in ehrlicher und in einladender Weise einander bezeugen. Wir können dies in einer nicht polemischen, nicht abgrenzenden positiven Weise tun. Wir können dies tun in der Hoffnung, dass so ein Austausch der Gaben – wie Papst Johannes Paul II. das genannt hat – möglich wird. Das heißt: Wir können voneinander lernen. Statt uns auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu treffen können wir uns mit den uns geschenkten Reichtümern gegenseitig bereichern.

Auch auf diesem Weg ist in den letzten Jahrzehnten viel Positives geschehen. Wir Katholiken haben von den Evangelischen gelernt über die Bedeutung des Wortes Gottes; sie lernen gegenwärtig von uns über Bedeutung und die Gestalt der Liturgie. Katholiken und Evangelische verdanken den orthodoxen Schwesterkirchen einen wacheren Sinn für das Geheimnis; so ist im Westen u.a. die Liebe zu den Ikonen gewachsenen. Das sind Beispiele, die sich leicht vermehren ließen. Wir kennen uns noch viel zu wenig, und deshalb lieben wir uns noch zu wenig.

Wir müssen uns freilich bewusst sein: Letztlich können wir die Einheit nicht „machen“; sie kann nicht unser Werk sein. Sie ist ein Geschenk des Geistes Gottes; er allein kann die Herzen versöhnen. Um diesen Geist der Einheit müssen wir beten. Die geistliche Ökumene ist darum die Mitte und der Herz der Ökumene (UR 8).

5. Die Einheit der Kirche ist kein Selbstzweck. Keiner, auch nicht die Kirche, lebt für sich. Jesus betete darum, dass alle ein sind, damit die Welt glaube (Joh 17,21). Die Einheit der Christen ist hingeordnet auf die Einheit der Welt, in unserer Situation besonders auf das Einswerden Europas. Es war das Licht Christi, das Europa geeint und groß gemacht hat. Große Heiligengestalten stehen am Anfang der europäischen Geschichte und in ihrem gesamten Verlauf: Martin und Benedikt, Kyrill und Methodius, Ulrich, Adalbert, Frauen wie Elisabeth von Ungarn und Thüringen, Hedwig von Polen, Schlesien und Deutschland, Birgitta von Schweden und viele andere. Man kann Europa nicht denken ohne die Reformatoren, nicht ohne Johann Sebastian Bach, nicht ohne Zeugen wie Dietrich Bonhoeffer.

Diejenigen, welche die christlichen Wurzeln Europas leugnen, kann man nur einladen, einmal von Gibraltar über Spanien, Frankreich, Deutschland, Skandinavien und Polen bis Estland oder von Rom über das alte Konstantinopel und über Kiew bis Moskau zu reisen. Er wird den unterschiedlichsten Völkerschaften begegnen und die unterschiedlichsten Sprachen hören, aber er wird überall das Kreuz und im Zentrum aller alten Städte Kathedralen finden. Man kann die christlichen Wurzeln Europas nur gegen den Augenschein bestreiten. Die christlichen Wurzeln sind auch in der Neuzeit nicht unfruchtbar geblieben. Die moderne Idee der Würde der menschlichen Person und der allgemeinen Menschenrechte haben ihren Ursprung in der jüdisch-christlichen Tradition. Wir brauchen die Moderne also nicht pauschal verwerfen, wir müssen sie jedoch vor der Zerstörung durch sich selbst bewahren.

Leider hat Europa seine Sendung oft verraten: in vielen Kriegen zwischen christlichen Völkern, in der kolonialen und Ausbeutung und Unterdrückung anderer Völker, im letzten Jahrhundert mit zwei fürchterlichen Weltkriegen, zwei gott- und menschenfeindlichen Diktaturen, durch den Holocaust von 6 Millionen Juden mitten in Europa. Heute steht Europa in der Gefahr, seine Ideale nicht nur zu verraten sondern sie ganz banal einfach zu vergessen. Nicht der atheistische Widerspruch ist die primäre Gefahr sondern die Gottvergessenheit, die über Gottes Gebot einfach hinweggeht, die Gleichgültigkeit, die Oberflächlichkeit, der Individualismus und der Mangel an Bereitschaft sich für das gemeinsame Wohl einsetzen und dafür Opfer zu bringen. Doch tanzen wir damit nicht wie auf einem Vulkan und wie auf einem Pulverfass? Allen aufmerksamen Zeitgenossen sind die neuen Herausforderungen längst klar. Ich nenne nur wenige: Der Schrei nach Gerechtigkeit in der globalisierten Welt, wo das Unrecht oft zum Himmel schreit, die Bedrohung durch einen gnadenlosen Terrorismus, die hoffentlich friedliche aber auch notwendige ehrliche Auseinandersetzung mit dem Islam.

Eine vage und verwaschene Religiosität hilft da nicht weiter. Noch nie bestand das Heil des Christen in der Anpassung an die Welt. „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“, ruft uns der Apostel Paulus zu (Röm 12,2). Neue Evangelisierung ist angesagt. Das Schwarzbrot des überzeugten und gelebten Glaubens ist gefragt. Denn Europa kann nicht nur eine wirtschaftliche und eine politische Einheit sein; Europa braucht, wenn es Zukunft haben soll, eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Wertefundament. Europa, und das heißt: Wir Christen in Europa müssen endlich aufwachen; Europa muss zu sich, zu seiner Geschichte und zu den Werten stehen, die es einmal groß gemacht haben und die allein ihm neue Zukunft geben können. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Unser Ziel ist die Einheit, nicht die Einheitlichkeit Europas. Die verschiedenen Kulturen sind ein Reichtum. Aber uns verbindet die Idee von der von Gott gegebenen Würde jedes Menschen, von der Heiligkeit des Lebens, von einem Zusammenleben in Gerechtigkeit und Solidarität, von der Achtung vor der Schöpfung und von einer neuen Kultur des Erbarmens und der Liebe.

Für diese Alternative aus dem Geist des Evangeliums sollen wir gemeinsam Zeichen, Zeugen und Werkzeuge sein. Wir sollen dabei die Andersheit der anderen Religionen achten, aber wir sollen auch den Mut zu unserem eigenen Anderssein haben, den Mut zur Unterscheidung als Christen, den Mut uns zu dem Licht Jesu Christi, das allen scheint, zu bekennen und es hinauszutragen in die Welt, die seiner so dringend bedarf. Denn wer kann uns Besseres geben? Wo finden wir sonst solche Worte des Lebens?! (vgl. Joh 6,68).

[Vom Pressebüro der Ökumenischen Versammlung zur Verfügung gestelltes Original]