Kardinal Koch im Interview: Progressisten und Traditionalisten liegen im selben Spital

Konzil muss als Hermeneutik der Reform, Verbindung von Kontinuität und Erneuerung interpretiert werden

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 24. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Im Rahmen der 13. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan hatte ZENIT Gelegenheit, mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch, zu sprechen.

ZENIT: Haben Sie in der Vergangenheit bereits an Synoden teilgenommen? Wie sehen Sie den bisherigen Verlauf, gab es positive oder negative Überraschungen?

Kardinal Kurt Koch: Dies ist bereits die vierte Synode, an der ich teilnehme. An zwei Synoden habe ich als Bischof von Basel teilgenommen, nämlich an der außerordentlichen Synode über Europa und dann an der Synode über das Wort Gottes 2008. In meiner neuen Aufgabe habe ich an der Synode über den Mittleren Orient teilgenommen und jetzt an derjenigen über die Neuevangelisierung. Es ist eigentlich immer der gleiche Ablauf, aber bei einer Weltbischofssynode ist es außerordentlich interessant, die ganze Welt anwesend zu haben. Die Erfahrungen aller Bischöfe wahrnehmen zu können, ist schon etwas Besonderes, und dabei zu erfahren, wie verschieden die Kirche in der Welt ist und wie ähnlich dennoch die Problematiken sein können.

ZENIT: Sie sind Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Der Dialog mit den Protestanten ist gerade in Deutschland sehr wichtig. Was sind Ihrer Meinung nach die Fortschritte, die sich in der letzten Zeit in Deutschland erkennen lassen, und was können wir konkret von der Synode erwarten?

Kardinal Koch: Die gemeinsame Erklärung über die Grundfragen der Rechtfertigungslehre in Augsburg im Jahre 1999 war gewiss ein grosser Fortschritt im ökumenischen Dialog mit den Lutheranern. Nun steht die Aufgabe an, die ekklesiologischen Konsequenzen dieser gemeinsamen Erklärung zu besprechen. Es ist ja offensichtlich, dass die evangelischen ein anderes Kirchenverständnis haben als die katholischen Christen. Es kann nicht einfach genügen, sich gegenseitig als Kirchen zu anerkennen. Es muss vielmehr einen ernsten theologischen Dialog darüber geben, was das Wesen der Kirche ausmacht.

ZENIT: Könnte es für die evangelischen Christen eine ähnliche Lösung geben wie „Anglicanorum coetibus“ für die Anglikaner?

Kardinal Koch: „Anglicanorum coetibus“ war keine Initiative Roms, sondern ging von der Anglikanischen Kirche aus. Der Heilige Vater hat dann nach einer Lösung gesucht und meines Erachtens eine sehr weite Lösung gefunden, bei der die kirchlichen und liturgischen Traditionen der Anglikaner weitgehend berücksichtig worden sind. Wenn ähnliche Wünsche von den Lutheranern geäußert werden, dann wird man darüber nachdenken müssen. Die Initiative liegt aber bei den Lutheranern.

ZENIT: Wir haben bei der Synode auch Repräsentanten der Orthodoxen Kirchen gehört. Was steht für den Dialog mit den Orthodoxen in der nahen Zukunft an?

Kardinal Koch: Die Orthodoxen sind heute sehr intensiv mit der Vorbereitung der Panorthodoxen Synode beschäftigt. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass, wenn sie zustande kommen wird, sie dann auch ein großer Schritt für den ökumenischen Dialog sein wird. Deshalb müssen wir diese orthodoxen Bemühungen unterstützen und auch Geduld haben. In der ökumenischen Kommission setzen wir unseren theologischen Dialog über das Verhältnis von Synodalität und Primat fort.

ZENIT: Es wird von vielen Seiten behauptet, dass die Säkularisierung von der Kirche mit verursacht wurde, wenn auch unwillentlich. Ist es nicht nötig, genauer zu untersuchen, welche Strömungen und Haltungen zu einer Säkularisierung geführt haben und dann diese Haltungen zu ändern, um wirklich eine neue Richtung einzuschlagen?

Kardinal Koch: Historiker betonen in der Tat und mit Recht, dass die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts und die anschließenden blutigen Konfessionskriege, vor allem der Dreißigjährige Krieg, die Säkularisierung im Sinne der Privatisierung der Religion mit verursacht haben. Da das Christentum gar nicht mehr anders gegenwärtig war als in der Gestalt der einander bis auf Blut bekämpfenden Konfessionen, konnte es nicht mehr als Grund und Garant der Einheit und des gesellschaftlichen Friedens dienen. Die beginnende Neuzeit hat deshalb nach einem neuen Fundament der Einheit, und zwar abgesehen von der Religion, gesucht. Diese verhängnisvollen Prozesse muss man sich auch im Blick auf das Reformationsgedenken vergegenwärtigen. Natürlich sind in der späteren Geschichte der Neuzeit weitere Entwicklungen der Säkularisierung wie das Absehen von der Gottesfrage hinzu gekommen, die andere Gründe haben und beim Projekt der Neuen Evangelisierung mit bedacht werden müssen.

ZENIT: Die Diskussion über den Begriff der „Hermeneutik der Kontinuität“ im Hinblick auf das Zweite Vatikanische Konzil ist heute sehr aktuell. Wir als Gläubige sollten versuchen nachzuvollziehen, was der Heilige Vater uns damit sagen will. Gibt es nicht bei beiden extremen „politischen“ Lagern der Kirche im Grunde das gleiche Missverständnis, nämlich, dass das Zweite Vatikanische Konzil als Bruch angesehen wird? Für die einen war alles „vorher“ gut und rechtmäßig, für die anderen alles „danach“?

Kardinal Koch: Ja, aber deshalb nennt der Papst seine Interpretation des Konzils nicht „Hermeneutik der Kontinuität“ sondern „Hermeneutik der Reform“. Es geht um eine Erneuerung in Kontinuität. Das ist der Unterschied: Die Progressisten vertreten eine Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches. Die Traditionalisten vertreten  eine Hermeneutik der reinen Kontinuität: nur das, was bereits in der Tradition auffindbar ist, kann katholische Lehre sein, weshalb es eigentlich keine Erneuerung geben kann. Beide sehen das Konzil gleichermaßen als Bruch, wenn auch in ganz anderer Hinsicht. Dieses Verständnis  der Konzilshermeneutik des Bruches hat der Heilige Vater in Frage gestellt und die „Hermeneutik der Reform“ vorgetragen, die Kontinuität und Erneuerung miteinander verbindet. Diese Hermeneutik hat der Heilige Vater bereits in seiner ersten Weihnachtsansprache im Jahre 2005 vorgestellt und damit klare Hinweise gegeben, wie das Konzil ausgelegt und für die Zukunft fruchtbar gemacht werden kann.