Kardinal Koch: Was haben wir, was die anderen nicht haben?

Herausforderungen gegenüber pfingstlichen Bewegungen

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 561 klicks

Heute ist in Rom im „Domus Bonus Pastor“ die internationale Konferenz über die Pfingstkirchen und Neuen Religiösen Bewegungen [ZENIT berichtete] zu Ende gegangen. An der Pressekonferenz im Anschluss an das Schlussreferat des Präsidenten der Ökumene-Kommission, Kurt Kardinal Koch, nahmen neben Kardinal Koch Bischof Dr. Norbert Klemens Strotmann Hoppe M.S.C, Sozialethiker und Bischof von Chosica in Peru, und Professor Dr. Johannes Müller SJ, Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für weltkirchliche Aufgaben in München, teil.

Zu Beginn umriss Müller nochmals die Entstehungsgeschichte des Forschungsprojekts, das vor ca. 20 Jahren von Kardinal Kasper, dem damaligen Vorsitzenden des Projekts Weltkirche der DBK, ins Leben gerufen worden war. Die Grundfrage sei gewesen, wie man das Phänomen dieser neuen pfingstlichen Bewegungen methodologisch angehen, das bedeutet, die empirische Basis für eine Forschung legen könne. Man habe mit dem Studium der Literatur begonnen; daraufhin habe man vier Länderanalysen auf vier Kontinenten beschlossen. Die Ergebnisse der Forschungen sollten dann auf einer Konferenz zusammengestellt werden. Der Standort Rom sei gewählt worden, weil das Thema die gesamten Weltkirche betreffe.

Während der Konferenz habe man die pfingstlichen Bewegungen zuerst theologisch, dann soziologisch analysiert. Die Länderstudien habe man unter die Struktur von Leitfragen gruppiert; dadurch seien die Vielfalt, aber auch die Ähnlichkeiten der Probleme sehr klar herausgearbeitet worden. Der Kongress sei ein großer Erfolg geworden, wie das Feedback der Teilnehmer belege.

Kardinal Koch bedankte sich zunächst bei der DBK und allen Mitarbeitern für die Beiträge und die Organisation und würdigte die Konferenz als „ein wirkliches Geschenk der Kirche in Deutschland.“ Als Christ stehe man vor dieser großen Herausforderung der neuen Gruppierungen. Im Rückblick auf die letzten 50 Jahre könne man allem voran feststellen, dass die ökumenische Situation in der heutigen Zeit nicht mehr dieselbe sei wie in der Zeit des Zweiten Vatikanums. Die Kirche brauche eine Rückbesinnung auf das Ziel der Ökumene. Ein zweiter Aspekt bestehe darin, dass sich die „Partner“ der Ökumene verändert hätten. Es gehe nicht mehr nur um ein Gespräch mit den „historischen“ Kirchen wie der orthodoxen Kirche, sondern es gebe die neue „Gruppe“, die vielmehr ein Konglomerat von einer Vielzahl von Gruppen sei. Der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen könne sich dieser Herausforderung nicht allein stellen; es müsse eine Zusammenarbeit mit den nationalen Bischofskonferenzen und Kirchen vor Ort geben.

„Vielfach geht es nicht um ökumenische Dialoge, sondern eine pastorale Herausforderung: Wie begegnen wir in der Pfarrei diesen Gruppen?“, so Koch. Die katholische Kirche müsse sich die Frage stellen, was sie falsch gemacht habe und warum viele Menschen abwanderten. Gleichzeitig müsse es eine Unterscheidung der Geister geben ist. Darauf könne dann ein ökumenischer Dialog mit zwei Facetten folgen: „Was können wir von den anderen Gruppen lernen?“, und: „Was haben wir, was diese Gruppen nicht haben?“ Christen müssten sich fragen, was sie vergessen hätten, wie beispielsweise das Wirken des Heiligen Geistes. „Der Heilige Geist hat uns sicherlich nicht vergessen; kann es vielmehr sein, dass wir ihn vergessen haben?“

Bischof Strotmann erläuterte nochmals die besondere Situation der Kirche in Lateinamerika. Es handle sich um eine Kirche, die in ihrem Land 500 Jahre lang das „Monopol“ innegehabt habe. Dies habe zur Folge gehabt, dass die Bischöfe dem Phänomen der neuen Gruppen eher abwehrend gegenüber gestanden hätten, weswegen sich viele Menschen von der Kirche abgewendet hätten. Heute stelle sich die Situation anders dar. Die katholische Kirche habe ihr Monopol verloren, und die Tendenz gehe eher zu einem „Pluralismus“ der Religionen.

In diesem Zusammenhang sei der Zuzug in die großen Städte das Problem: „Das Phänomen hat im Großen und Ganzen mit zwei Faktoren zu tun: mit der Stadt-Einwanderung und dem Wohlstandswachstum.“ Die Verstädterung habe eine Entwurzelung zur Folge, die den Nährboden für die einen starken Halt versprechenden Gruppen bilde. Auch seien das Wachstum der Kirche und das Wachstum der Gesellschaft „auseinander gebrochen“. Früher seien beide überlappend gewesen; heute bedeute eine junge Generation nicht mehr unbedingt eine neue Generation von Katholiken.

Als eine weitere Begründung für den Erfolg der neuen Gruppierungen brachte Strotmann auch deren Medienwirksamkeit vor. Die neuen Bewegungen seien „genial“ im Umgang mit Medien und mit der Glaubensweitergabe. Hier fehle es an Impulsen von Seiten der katholischen Kirche. „Dazu ist gerade eine solche Konferenz gut, denn wir haben wirklich Vorteile, die wir wohl gar nicht mehr wahrnehmen.“

Die Christen müssten sich die Frage stellen: „Wie kommt der einfache Glaube heute noch an den Mann?“ Der einfache Glaube könne zwar auch durch Technik und „Publicity“ weitergegeben werden, spreche aber auch von sich aus den einfachen Menschen im Herzen an.