Kardinal Lozano Barragán: Das Recht auf Gesundheit schließt Lebensqualität mit ein

Von Marta Lago

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ROM, 6. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Lebensqualität ist Bestandteil des Rechts auf Gesundheit. Das betonte Kardinal Javier Lozano Barragán, Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, am Mittwoch im Rahmen des italienischen Kongress über „Seltene Krankheiten und Handicaps. Synergien, Gesundheit, Familie, Schule“ in Rom. Die Tagung war vom „Institut Giuseppe Dosetti i Valori“ im italienischen Abgeordnetenhaus organisiert worden.

„Haben wir nicht ein Recht auf Gesundheit?“ Diese Frage stellte der Kurienkardinal zu Beginn seines Vortrags in den Raum. Dass Gesundheit behütet gehört, ergebe sich aus der positiven Lesart des Gebots „Du sollst nicht töten“. Es laute dann: „Du sollst Deine Gesundheit schützen.“

Kardinal Lozano verwies auf vier Aspekte dieses Gebots. Es zeige zunächst einmal, dass das Leben von Gott komme. In weiterer Folge mache es deutlich: „Der Mensch sollte immer frei sein, um sein Leben auf Gott hin auszurichten“. An dritter Stelle werde klar: „Gott ist der Einzige, der das Leben schenkt und bis zu dessen Ende darüber verfügt.“ Und schließlich: „Wir müssen uns um die Gesundheit der anderen kümmern.“

Darüber hinaus zitierte der Purpurträger die UN-Menschenrechtserklärung, wo es in Artikel 35 heißt, dass „jede Person das Recht auf einen gewissen Lebensstandard hat, der die Gesundheit und das Wohlergehen seiner selbst und seiner Familie garantiert“.

Das Recht auf Gesundheit zu respektieren erfordere in erster Linie ein Bewusstsein für den Zweck der Natur. „Es gibt einen inhärenten Sinn in der Natur, insbesondere der menschlichen Natur, den wir alle respektieren sollten. Und weil wir ihn ernst nehmen, sorgen wir für die Gesundheit“, erklärte Kardinal Lozano Barragán.

Deshalb sollte überlegt werden, ob die medizinischen Technologien tatsächlich „mit diesem inhärenten Zweck der Natur“ im Einklang stünden oder nicht. Die Medizin müsse den Menschen immer als Ganzes betrachten; sie dürfe sich nicht nur auf seine Heilung konzentrieren, sondern müsse dabei immer auch die Personenwürde in den Blick nehmen.

Der Kardinal kritisierte die Tatsache, dass viele Menschen der Ansicht sind, dass es keine innere Zweckmäßigkeit mehr gäbe oder dass man diese sogar nach eigenem Gutdünken erfinden könne. Das sei ein Irrtum, warnte er. „Gott ist der Schöpfer, und er hat die Menschen in die ganze Schöpfung gestellt, und diese Ziele kann man nicht straflos aufgeben, vor allem dann nicht, wenn es um Fragen geht, die das Leben betreffen.“

Ein Beweis für dies Manko in Anwendung der Finislehre des Naturrechtsdenkens sei das undurchsichtige Schicksal unzähliger eingefrorener Föten, von denen niemand jetzt wisse, was aus ihnen werde.

Kardinal Lozano Barragán verwies außerdem auf einige Punkte der „Europäischen Charta der Rechte von Patienten“. Er erwähnte das Recht auf angemessene Krankenhausbehandlung, den respektvollen Umgang im Einklang mit der menschlichen Würde und die Freiheit, eine bestimmte Behandlung „anzunehmen oder abzulehnen“ beziehungsweise „über den Stand der Krankheit informiert zu werden“. Des Weiteren erinnerte daran, dass jeder das Recht auf „komplette Information über die Risiken“ habe, „die sich aus einer außergewöhnlichen Behandlung ergeben“; dass bei der Weitergabe von Informationen auf den Schutz der Privatsphäre zu achten sei; dass die die religiösen oder philosophischen Überzeugungen des Patienten geachtet und anerkannt gehörten und dass jeder auch über das Recht verfüge, sich zu beschweren.

„In der Tat könnte man statt ‚Recht auf Gesundheit‘ besser ‚Recht auf Gesundheitsschutz‘ sagen, ein Recht, das sich vor allem im Recht auf Gleichheit angesichts von Leben und Tod zeigt und das gleiche Recht auf medizinische Versorgung impliziert.“

Ein solches Recht beinhalte aber nicht nur das Recht zu überleben, sondern auch, Lebensqualität zu besitzen“, fuhr der Kardinal fort. Es gehe somit um eine ganzheitliche, harmonische Sicht des Lebens.

Daran habe bereits Papst Johannes Paul II. erinnert, als er dazu aufrief, den Begriff Gesundheit „nicht nur als bloße Abwesenheit von Krankheit“ zu definieren, sondern als „Streben nach voller Harmonie und einem gesunden physischen, psychischen, geistigen und sozialen Gleichgewicht“ (vgl. Botschaft zum 8. Welttag der Kranken).

„Aus dieser Perspektive heraus“, so heißt es in diesem Schreiben, „ist jeder aufgerufen, alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren, um seine eigene Berufung und das Wohl des anderen zu verwirklichen.“

Grenzen für das „Recht auf Gesundheit oder Gesundheitsschutz können nach Worten von Kardinal Lozano Barragán auf der einen Seite subjektiv sein, etwa wenn der Patient frei entscheidet, nicht behandelt werden zu wollen – „denn gegen seinen ausdrücklichen Willen darf nichts unternommen werden“.

Objektive Grenzen seien existentielle Grenzen: „Eine davon ist die Freiheit, eine andere ist die wahre und konkrete Möglichkeit der Erlangung von Gesundheit“, also die Wahl der Therapieform.

Hier sei geboten, dass sich jeder Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten um Gesundheit bemühe, wenn dies nicht „übermäßig belastend“ sei. „Unverhältnismäßige und unnötige Behandlungen angesichts eines bevorstehenden Todes, die nur eine schmerzliche Agonie verlängern“, seien genauso wenig verpflichtend wie übermäßig belastende Therapieformen.

Das Recht auf „Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr“ sei aber unanfechtbar, da es sich dabei um keine Therapie handle.