Kardinal Marx: Demut und Freiheit

Predigt bei der Frühjahrs-Vollversammlung

Trier, (ZENIT.orgDBK PM) | 977 klicks

Predigt von Kardinal Reinhard Marx in der Eucharistiefeier bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz:

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Wir leben in einer Zeit, in der alles gemessen, gezählt, berechnet werden will. Die Dominanz der empirischen Wissenschaften ist überall präsent. Es zählt, was gezählt und gemessen werden kann: Bilanzen und Umfrageergebnisse, Projektevaluierungen und empirisch belegte Zertifikate. Dieser Blick auf die Zahlen beherrscht nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die anderen Bereiche menschlicher Erkenntnis bis hin zu Pädagogik und Philosophie. Auch unser kirchliches Leben ist davon durchaus beeinflusst. Auch bei uns wird in Projekten und Maßnahmenkatalogen gedacht und die Erwartung geweckt, hier könnte ergebnisorientiert und damit messbar gearbeitet werden.

Ich möchte unterstreichen: Die empirischen Wissenschaften gehören auch in unsere pastoralen Überlegungen hinein. Wir sollten uns Erkenntnissen der modernen Sozialwissenschaften nicht verschließen. Auch hier gilt: Glaube und Vernunft gehören zusammen, wie es Benedikt XVI. immer wieder unterstreicht. Das konkrete Leben der Kirche sollte beide Aspekte – Glaube  und Vernunft – im Blick behalten.

Und dennoch muss immer wieder deutlich werden: Die Wirkung des Wortes Gottes lässt sich nicht einfach mit menschlichen Maßstäben und empirischen Instrumenten kurzfristig nach unseren Vorstellungen messen. Und deshalb gilt auch für das gesamte Wirken der Kirche: Es gibt einen geistlichen Vorbehalt! So heißt es in der heutigen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja über das Wort Gottes: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“. Diese Wirkung des Wortes Gottes ist nicht einfach nach menschlichen Maßstäben zu messen. Gottes Wort wirkt, wie er es will und bewirkt, was er will! Diese Wirkung ist manchmal unseren Augen verborgen und entfaltet sich erst langfristig, dann aber umso nachhaltiger. Unsere Möglichkeiten der empirischen Erfassung reichen nicht aus, um diese Wirkung ganz zu erkennen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Heilige, den wir in dieser Kirche verehren, der hier unten in der Krypta seit dem 4. Jahrhundert nach Christus ruht, der Heilige Paulinus von Trier. Auf der Synode von Arles im Jahre 353 war er der einzige Bischof, der dem Heiligen Athanasius im Kampf gegen den Arianismus treu zur Seite stand, eine Irrlehre, die damals von der Mehrheit der Bischöfe weltweit vertreten wurde. Athanasius war ja mehrfach hier in Trier im Exil. Überhaupt war das 4. Jahrhundert in Trier eine Zeit heftigster politischer und innerkirchlicher Auseinandersetzungen. Hier in dieser Kirche wird auch der Märtyrer der Stadt gedacht, die für Christus Zeugnis abgelegt haben. Nach der Tradition gehörte auch der Stadtrat von Trier dazu. Genauso ist Trier aber auch der Ort der ersten Häretikerprozesse, die mit Todesurteilen endeten. Zum Schrecken des Heiligen Martin, der sich daraufhin entschlossen hat, nie wieder eine Bischofssynode zu besuchen. Es war also eine Zeit der Gärung, wo viele den Anspruch erhoben, das Wort Gottes richtig zu verstehen und die Wirkung des Wortes Gottes klar zu erkennen. Aber das, was sich scheinbar an der Oberfläche durchsetzte entsprach nicht dem, was geistlich wirklich Frucht bringen konnte.

Was lernen wir als Kirche, als Bischöfe daraus? Vielleicht sind es besonders zwei Haltungen, die in unübersichtlichen Situationen wichtig sind. Die Haltung der Demut und der Freiheit. Zur Demut gehört die Kraft der Geduld, der Offenheit für andere Meinungen, die Bereitschaft, nach der Wahrheit zu suchen und sie nicht einfach selbstherrlich für sich selbst zu beanspruchen. Zur Freiheit gehört Mut, sich von Mehrheitsmeinungen zu unterscheiden, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, sich nicht anzupassen, sondern eigenen Überzeugungen zu folgen. Da können wir von einem Mann wie dem Heiligen Paulinus lernen. Wir können nachher an seinem Grab für die Kirche, für uns Bischöfe und besonders für Papst Benedikt XVI. und auch um einen guten Nachfolger beten.

Und ist nicht Benedikt XVI. selbst ein Beispiel für Demut und Freiheit? Zeigt er nicht durch die Art seiner Amtsführung und auch in der Art und Weise seines Rücktritts ein großes Gott-vertrauen, eine geistliche Gelassenheit, ein Vertrauen darauf, dass Gottes Wort wirkt wie Er, Gott, es will? Im Blick auf Benedikt XVI. geht mir oft das Gedicht zur geistlichen Gelassenheit von Angelus Silesius durch den Kopf, das diese Haltung auf den Punkt bringt: „Vom Werk nicht lassen, doch lassen von des Werkes Wirkung. Um Wirkung unbekümmert sein, das ist das große Lassen, der Gang der Freien.“