Kardinal Marx: "Ein Rückzug aus der Welt widerspräche dem Auftrag des Evangeliums"

Vortrag des Münchner Erzbischofs bei Tagung der LMU zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche

München, (Erzbistum Muenchen und Freising) | 227 klicks

Das bewährte Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Deutschland steht nach Einschätzung von Kardinal Reinhard Marx zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Zwar habe sich die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag zum geltenden Staatskirchenrecht und zum Kirchensteuersystem bekannt sowie die Leistungen kirchlicher Einrichtungen und das Engagement von Kirchenmitgliedern für das Gemeinwohl gewürdigt: „In Wirklichkeit aber ist die Beteuerung, am bestehenden Verhältnis festzuhalten, natürlich ein Hinweis darauf, dass es sehr wohl starke Bestrebungen gibt, an der Ausgestaltung der Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften und dem politischen Gemeinwesen Änderungen vorzunehmen“, sagte der Erzbischof von München und Freising am Montag, 3. Februar, in einem Vortrag mit dem Titel „Entweltlichung und/oder neue Evangelisierung – Zur Verhältnisbestimmung von Kirche und Staat“ in der Katholischen Akademie München.   

Marx plädierte dafür, grundsätzlich bei der bewährten Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche zu bleiben. Zugleich dürfe aber nicht vergessen werden, das System dort fortzuentwickeln, wo dies notwendig sei. Ausdrücklich betonte der Kardinal, dass die Kirche an der Kirchensteuer festhalte. Sie sei zwar „kein Dogma“, aber ein geeignetes System, die Kirchenmitglieder nach ihren finanziellen Möglichkeiten an der Finanzierung der kirchlichen Aufgaben zu beteiligen. Bei der Frage der Staatsleistungen, die politisch immer wieder umstritten sind, werde sich die Kirche indes nicht versperren, wenn es einen Willen der Politik zu einer Ablösung gebe. Der Ball liege aber im Feld der Politik. 

Besonders umstritten zwischen den politischen Parteien sei auch das kirchliche Arbeitsrecht. SPD, Grüne und die Linkspartei plädierten für eine Beschränkung des kirchlichen Selbstbestimmungsrechts, stellte der Kardinal fest: „In den Parteien hat die Kritik am bestehenden Staat-Kirche-Verhältnis zwar bei weitem nicht Überhand, aber doch zugenommen.“ Dafür spreche auch die Gründung von laizistischen Arbeitskreisen innerhalb von SPD und Grünen. Religionspolitisch sei „etwas in Bewegung geraten, und das Staatskirchenrecht muss sich heute mehr denn je rechtfertigen“. 

Zudem gebe es auch innerhalb der Kirche Kritiker an den bestehenden Gesetzen. „Sie glauben, dass die vielfältigen Beziehungen und Verflechtungen von Staat und Religionsgemeinschaften die Kirche dazu verleitet haben, sich in einer bequemen Nische der Staatsnähe einzurichten“, so Marx. Die Kritiker kämen zu dem Schluss, dass die tatsächliche oder vermeintliche Nähe der Kirche zum Staat die Kirche unfrei mache und sie an ihrer eigentlichen Sendung und damit an der Neuevangelisierung hindere. „Das Modell der Kirchensteuer steht im Mittelpunkt innerkirchlicher Kritik, ebenso die Bindung der Kirchenmitgliedschaft an die Bereitschaft zur Zahlung der Kirchensteuer“, sagte Marx. Kritiker von allen Seiten hätten sich das Stichwort von der „Entweltlichung“ zu eigen gemacht, das Papst Benedikt XVI. in seiner Rede im Freiburger Konzerthaus am 25. September 2011 in die Debatte eingebracht habe. 

Kardinal Marx erteilte einer missbräuchlichen Deutung dieses Begriffes eine klare Absage. Benedikt XVI. selbst hätte schon in seiner Freiburger Rede „unmissverständlich“ dargestellt, „dass Weltoffenheit eine Haltung ist, die sowohl von der Kirche als Ganzes als auch von jedem einzelnen Christen eingefordert werden kann“. Sich „zur Welt öffnen, sich den Sorgen der Welt zu öffnen“ gehöre zum Grundverständnis der Kirche, weil die Kirche selbst zur Welt gehöre. „Schon mit diesen Bemerkungen aus der Rede wird deutlich, eine Flucht aus der Welt, der Rückzug der Kirche in die Sakristei, entspricht nicht der Intention Benedikts“, erklärte der Erzbischof.

Benedikt XVI. weise darauf hin, dass „Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden ist, nicht nur, um die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein, der sie so lässt, wie sie ist, sondern um sie zu verwandeln“. Die Ambivalenz von Kirche und Welt sei also nicht das letzte Wort, sei nicht unveränderlich, so Marx: „Das Gebot ist die Verwandlung der Welt.“ Dazu brauche man allerdings einen Maßstab, und dieser sei für die Kirche Jesus Christus. Das Bewusstsein, dass die Welt, wie sie konkret sei, Veränderungen bedürfe, sei „der zentrale Impuls von Christen für ihr vielfältiges Weltengagement, für ihre Liebe zur Welt, für ihre Liebe zum Nächsten“. Darin habe die Motivation vieler Ordensgründer oder von Männern wie Bischof von Ketteler oder Adolph Koping gelegen: „Sie alle sahen die Not und das Elend der Welt, und im Bewusstsein, dass dieser konkrete Zustand nicht dem Willen Gottes entsprach, zogen sie daraus für sich die Verpflichtung, die Welt zu verwandeln.“ Marx verwies darauf, dass auch das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus von diesem Geist getragen sei.

Das Engagement der Christen in der Welt komme aber nicht aus, ohne Institutionen zu schaffen und für Strukturen zu sorgen. Hierin liege „die Gefahr, dass solche Strukturen wichtiger werden als der dahinter stehende Grundauftrag“. Der Kern der Mahnung von Benedikts Freiburger Rede bestehe darin, das Tun der Kirche „immer wieder“ auf den Prüfstand zu stellen, so Marx: „Praktisch bedeutet dies, auch mal einen Schritt zurückgehen und aus der Distanz das Engagement der Kirche zu betrachten, um auf diese Weise den Blick zu schärfen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist – oder ob eine Korrektur des bisherigen Handelns vonnöten ist.“  

Insgesamt werde deutlich, dass es nicht die Absicht von Papst Benedikt gewesen sei, das Engagement der Kirche in der Welt in Frage zu stellen: „Das wäre gar nicht möglich, denn damit würde man sich gegen den Auftrag Christi stellen.“ Mit dem dauerhaften Spannungsverhältnis zwischen diesem Auftrag und dessen fortlaufender Überprüfung müsse die Kirche leben, zeigte sich Marx überzeugt: „Kirche muss von der Welt ausgehen und in der Welt wirken. Dafür darf sie sich nicht zu sehr mit weltlichen Dingen belasten. Aber wenn im Gegenteil ein Rückzug aus der Welt zum Programm würde, dann widerspräche das dem Auftrag des Evangeliums.“

Den Vortrag hielt Kardinal Reinhard Marx bei der Kirchenrechtlichen Tagung 2014 „Säkularisierung und Neuevangelisierung als Herausforderung für das Kirchenrecht“ des Klaus-Mörsdorf-Studiums für Kanonistik der Ludwig-Maximilians-Universität München.  (kel)

(Quelle: Webseite des Erzbistums München und Freising)