Kardinal Meisner: „Christen müssen zündende Leute sein, von denen etwas ausgeht, von denen etwas überspringt“

Interview von „Kirche in Not“ zum Pfingstfest 2007

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MÜNCHEN, 28. Mai 2007 (ZENIT.org).- Als Christ gehe man „energiegeladen, dynamisch, mit graden Rücken und erhobenen Hauptes durch die Welt“, bekräftigt Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, aus Anlass des Pfingstfests.



„Bei der Firmung, bei dem Geist-Sakrament, werden Sie nicht auf den Rücken gesalbt, sondern auf die Stirn. Damit Sie den anderen die Stirn zeigen. Das ist gleichsam unser Schaufenster. Wir haben etwas zu bieten“, erläutert der Kardinal in einem Interview, das Michael Ragg von Kirche in Not führte.

Wer die „pfingstliche Grammatik“ beherzige, der setze Gott in seinem Leben an die erste und die Brüder und Schwestern an die zweite Stelle. „Wer so spricht, denkt und handelt, wird von allen Menschen verstanden.“

Herr Kardinal, unter Gottvater oder Jesus Christus kann sich ja jeder irgendetwas vorstellen, sei es mehr oder weniger richtig. Aber der Heilige Geist ist so etwas wie ein „unbekannter Gott“ geblieben. Wer oder was ist denn der Heilige Geist?

-- Kardinal Meisner: Der Heilige Geist ist ganz sicher kein „Was“, sondern ein „Wer“. Tatsächlich ist es schwierig, den Heiligen Geist den Menschen nahe zu bringen. Ich erlebe das bei jeder Firmung, dass mir die Firmlinge sagen: Herr Kardinal, Sie sprechen von der hohen Wichtigkeit des Geistes Gottes. Nun legen Sie ihn mal auf den Tisch, damit wir wissen, mit wem wir es ab heute zu tun bekommen. Da bringen mich die Firmlinge in große Verlegenheit. Ich kann den Geist Gottes nicht auf den Tisch legen.

Die Bibel versucht die Realität des Geistes Gottes in Bildern nahe zu bringen. Der heilige Paulus verwendet drei Begriffe: Der Geist Gottes ist die Energie, die Dynamik Gottes und das Pneuma, also der Atem Gottes. Wer diese Metaphern ausschöpft, spürt, dass der Geist Gottes das Kostbarste ist, nämlich ein Stück von Gott, Gott selbst. Im Johannes-Evangelium fallen Ostern und Pfingsten zusammen. Der auferstandene Herr kam bei verschlossenen Türen zu den Jüngern und dann geschah Pfingsten. Jesus hauchte sie an und sagte: Empfangt den Heiligen Geist!

Man kann ja etwas, was man nicht sehen und greifen kann, auch an seinen Wirkungen erkennen. Wie war das denn damals an Pfingsten? Jesus ist ja nach dem Glauben der Christen gekreuzigt worden und drei Tage später, an Ostern, wieder auferstanden. Dann lebte er noch eine Zeit auf der Erde, bis er dann endgültig „in den Himmel“ ging, was ja an Christi Himmelfahrt gefeiert wird. Und das Letzte, was er vorher zu seinen Freunden gesagt hat, war ja: „Ich werde Euch den Heiligen Geist schicken. Die Kraft des Heiligen Geistes wird über Euch kommen.“ Das geschah dann an Pfingsten. Was genau ist damals eigentlich geschehen?

-- Kardinal Meisner: Nach meinem Verständnis ist Pfingsten das Anti-Babylon. Pfingsten lässt sich erst richtig erkennen, wenn es in Beziehung zu Babylon gesetzt wird. Als die Menschen einen Turm bis in den Himmel bauen wollten, verwirrte sich ihre Sprache. Es ist immer ein Zeichen für die Abwesenheit des Heiligen Geistes, wenn wir einander nicht verstehen. An Pfingsten kam der Geist Gottes auf die Apostel herab. In Jerusalem war die ganze Welt versammelt. Die Apostel sprachen in ihrer Muttersprache und jeder verstand sie, aus welchen Sprachenstämmen und Völkern er oder sie auch kam.

Ich versuche, die pfingstliche Grammatik zu lernen. Wer die einmal kann, braucht keine Fremdsprachen mehr sprechen. Dann verstehen wir uns in allen Sprachen. Die babylonische Konjugation liegt all unseren europäischen Konjugationen zu Grunde. Da heißt es: „Ich. Du. Er.“ Zuerst kommt immer das liebe eigene „Ich“. Dann folgt an zweiter Stelle das „Du“ des Menschen. Und dann folgt, wenn überhaupt, das „Du“ Gottes. Die pfingstliche Grammatik ist genau umgekehrt, sie heißt: „Er. Du. Ich.“ Hier hat der lebendige Gott die absolute Priorität. Dann nimmt das „Du“, die Schwester und der Bruder neben mir, die zweite Position ein. Und erst zuletzt folgt das eigene „Ich“. Wer so spricht, denkt und handelt, wird von allen Menschen verstanden.

Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von „Kirche in Not“, hat diese pfingstliche Sprache verstanden. Er hat ein pfingstliches Werk ins Leben gerufen, das Verstehen unter den Menschen und unter den Völkern geschaffen hat.

Nach der Kreuzigung Jesu haben sich seine Anhänger versteckt. Jeder, der den Film von Mel Gibson gesehen hat, hat ja gespürt, in welcher Gefahr die Freunde Jesu waren, wie stark die öffentliche Meinung gegen sie eingenommen war. Aber an Pfingsten sind sie auf einmal da, gehen offenbar furchtlos in die Öffentlichkeit und verkünden die Frohe Botschaft – als ob sie neue Menschen geworden wären...

-- Kardinal Meisner: Die Apostel hatten sich nach dem Heimgang des Herrn wirklich in ihre Mauselöcher zurückgezogen. Dann war zum Glück Maria da. Der Teufel ist ja der Diabolos, der Zerstreuer; Maria ist die Symbola, die die Verstreuten sammelt. Maria holt sie aus den Mauselöchern heraus, versammelt sie unter dem gleichen Dach des Abendmahlssaales, am gleichen Tisch, und leitet dort ein neuntägiges Gebet ein, die erste Pfingst-Novene. Alle waren ein Herz und eine Seele und öffneten sich dem Geiste Gottes. Da kam das Pfingstwunder. Der Geist Gottes kam ja nicht auf Filzpantoffeln, sondern in brennenden Feuerzungen. Und Feuer hat immer die Eigenschaft, dass es überspringt. Darum hat Gott im Heiligen Geist sein Licht entzündet in den Frauen und Männern, die dabei waren.

Der heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, schickte seinen ersten Missionar, den heiligen Franz Xaver, in die Welt mit den Worten: Geh und zünde die Welt an! Das heißt: Christen müssen zündende Leute sein, von denen etwas ausgeht, von denen etwas überspringt; Leute, die nicht dauernd den Kopf einziehen und nach dem Motto leben: Duck dich und muck nicht. Denken Sie mal: Bei der Firmung, bei dem Geist-Sakrament, werden Sie nicht auf den Rücken gesalbt, sondern auf die Stirn. Damit Sie den anderen die Stirn zeigen. Das ist gleichsam unser Schaufenster. Wir haben etwas zu bieten. Und deswegen geht man als Christ energiegeladen, dynamisch, mit graden Rücken und erhobenen Hauptes durch die Welt.

Das würde ja jeder gerne so tun können, aber es stellt sich doch die Frage: Diese gewaltige Kraft des Heiligen Geistes, von dem es ja auch heißt, er mache alles neu, gab es die nur damals für die Apostel oder ist das eine Kraft, die auch jeder Einzelne heute in seinem Leben erfahren kann?

-- Kardinal Meisner: Wer sich die Geschichte der Heiligen oder der großen Frauen und Männer der Kirche anschaut, der weiß, dass der Heilige Geist auch heute in uns wirkt. Pater Werenfried van Straaten etwa war ganz eindeutig vom Heiligen Geist erfüllt. Der Geist Gottes hat dieses gewaltige Leben inszeniert. Und der Mitspieler Werenfried hat buchstäblich bis zum letzten Atemzug durchgehalten. Wir müssen aber dem Heiligen Geist auch eine Chance geben, dass er bei uns landen kann, um aus unserem Leben etwas Großes zu machen.

An Pfingsten wird wieder der alte Hymnus „Veni creator spiritus“ gesungen, zu deutsch „Komm, Heiliger Geist“. Ist das so einfach? Müssen wir nur sagen: Komm, Heiliger Geist! und dann kommt er?

-- Kardinal Meisner: Es verhält sich hier wie mit jedem Gebet. Das Gebet braucht den Raum in uns, in dem es wirken kann. Ich will Ihnen mal einen Tipp geben: Viele ärgern sich ja, wenn sie vor einer roten Ampel stehen. Rot ist bekanntlich die liturgische Farbe des Pfingstfestes. Wer vor der Ampel steht, solle immerzu beten: „Komm, Heiliger Geist!“, bis es Gelb und schließlich Grün wird. Das sind drei Wunderworte, die die Welt verändern, auch heute noch: „Komm, Heiliger Geist!“ Wir müssen uns frühmorgens und abends fragen, von welchem Geist wir uns leiten lassen.

Wie wissen wir aber, wenn wir vor einer Entscheidung stehen, ob die Einflüsterung vom Heiligen Geist, vom Zeitgeist oder von irgendeinem unheiligen Geist stammt?

-- Kardinal Meisner: Es kann auch der eigene Vogel sein. Wer nämlich mehr redet als hört, kommt in die große Gefahr, den eigenen Vogel für den Heiligen Geist zu halten. Auch in der Kirche sehe ich diesbezüglich eine reale Gefahr. Jesus ist gleichsam der Dolmetscher des Heiligen Geistes. Bei jeder Entscheidung müssen wir uns fragen, was der Herr jetzt machen würde.

Mutter Teresa von Kalkutta warf den weltlichen Geistlichen vor, sie würden profan und sakral, weltlich und geistlich trennen. Ihrer Meinung nach müssten sie jedoch eine Einheit bilden. Ich fragte sie, wie das zu praktizieren sei, und sie gab mir einen guten Rat, den ich schon seit über einem Jahrzehnt befolge. Sie sagte: „Am frühen Morgen liegen auf meinem Betschemel in der Kapelle das Brevier und der Terminkalender. Ich bete früh in meiner Arbeit und jetzt arbeite ich nur mein Gebet“. Und dann kommt man so allmählich, ohne dass man vom Erdboden abhebt, in die Sphäre des Heiligen Geistes. Und man kriegt dann schon mit, was vom Heiligen Geist und vom unheiligen Geist ist.

Am Abend ist es sehr wichtig, dass ein Christ eine ehrliche Gewissenserforschung hält und zwar auf den Punkt hin, ob heute in meinem Tagewerk Christus die Priorität behalten hat oder ob mein Ich den Vorrang bekommen hat. Ist das der Fall, dann ist Christus nur noch sekundär – und das ist ein Skandal. Gott kann dann mit seinem Geist nicht mehr zum Zuge kommen. Der heilige Philipp Neri formulierte in einem Gebet: „Herr, misstraue dem Philipp.“ Wir müssen uns bei unserer Selbsteinschätzung auch misstrauen.

In der Firmung bittet der Bischof darum, dass die Firmlinge die sieben Gaben des Heiligen Geistes bekommen. Was für Gaben sind das eigentlich? Wie unterscheiden sie sich von den Begabungen, die jeder Mensch natürlicherweise bereits besitzt?

-- Kardinal Meisner: Der Geist Gottes wird uns gegeben, damit wir den Herausforderungen der Welt als Christen entsprechen können. Und das nicht nur gequält mit Ach und Krach, sondern mit Glanz und Gloria. Wir merken es durchaus, wenn der Heilige Geist in uns wirkt, wenn wir überrascht sind, dass wir das eine oder andere geschafft haben, wenn sich andere bei uns bedanken, weil wir etwas vermitteln konnten. Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind gleichsam typische Auswirkungen dieser übernatürlich geschenkten Gabe Gottes; wie der Bischof bei der Firmspendung sagt: „Empfange die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.“ Das sind natürlich nicht alle Gaben, aber diese werden überwiegend in der Bibel und in der Kirche genannt.

Die Geist-Sakramente Taufe und Firmung werden nur ein einziges Mal gespendet. Die Gabe Gottes reicht also fürs ganze Leben. Wir brauchen keinen Nachschub. Wenn wir eine Begabung haben, diese aber nicht nützen, trocknet und schläft sie ein. So verhält es sich auch mit dem Geschenk des Heiligen Geistes. Das Geheimnis liegt darin: Wir müssen mit dem Heiligen Geist arbeiten.

Dann schauen wir uns diese Gaben näher an. Da sind zunächst mal die Gaben der Weisheit und des Verstandes. Hat das etwas mit dem Intelligenzquotienten zu tun?

-- Kardinal Meisner: Nein, mit Sicherheit nicht. Ein Beispiel: Im Dritten Reich gab es einige katholische Theologieprofessoren, die Adolf Hitler und seinem Anhang zum Opfer gefallen sind. Meine Großmutter, ohne Hochschulstudium und ohne Abitur, hatte die „katholische Nase“. Die roch, was da in der Luft lag. Der Apostel Paulus sagt an einer Stelle, wir haben nicht nur gegen Fleisch und Blut, sondern auch gegen die Beherrscher des Luftreiches zu kämpfen. Ich habe das nie kapiert. Was sind denn die Beherrscher des Luftreiches? Das sind die, welche die Meinung machen. Sie brauen in ihren Küchen das zusammen, was dann die öffentliche Meinung prägt, der wir uns gar nicht entziehen können, weil wir sie mit einatmen müssen. Und darum ist es wichtig, dass wir diesen katholischen Riecher haben. Wir dürfen den gesellschaftlichen Rattenfängern nicht zum Opfer fallen. Mit dem richtigen Verständnis erkennen wir, wo das Gift liegt oder wo das Leben ist.

Die Gaben von Weisheit und Verstand sind nicht identisch. Im Lateinischen heißt Weisheit „sapientia“. Und hier steckt das schöne Wort Sabbern drin. Wenn ein Kind isst, dann sabbert es. Da fällt auch etwas zu Boden. Die Gabe der Weisheit schenkt uns den Geschmack an Gott, macht uns Appetit auf Gott. Die Gabe der Weisheit lässt uns Gott schmecken und dieser Gott schmeckt immer nach mehr. Wir werden nie davon satt. Und darum hilft die Gabe der Weisheit alle Appetitlosigkeit auf Gott zu vermeiden. Wir haben immer Hunger auf Gott. Von diesen fundamentalen Gaben des Heiligen Geistes können wir nie genug haben.

Eine weitere Gabe ist die des Rates. Ratgebersendungen im Fernsehen sind beliebt, unsere Welt ist voller Beratungsstellen für alles und jedes, Unternehmensberatungen gibt es wie Sand am Meer. Macht uns diese Gabe des Rates also fit für diesen boomenden Markt?

-- Kardinal Meisner: Auch in der Kirche haben wir zig Beratungsgremien, zum Beispiel Pfarrgemeinde-, Diözesan- und Priesterräte. Aber die Ratlosigkeit scheint gar nicht entsprechend abzunehmen. Wir verehren Maria auch als die „Mutter vom guten Rat“, weil sie bei der Hochzeit zu Kana den Tischdienern gesagt hat: „Was er, Jesus, Euch sagt, das tut“. Als der Engel Gabriel mit dem Ratschluss Gottes zu Maria kam, dass sie die Mutter Jesu werden sollte, da hat sie dem Rat entsprochen. Sie hat ihr „Fiat“, ihr „Ja“, gesprochen. Die Engel Gottes sind auch heute noch unterwegs, zu uns, zu den Geistträgern. Aber wir sind nicht wie Maria im Haus von Nazareth präsent. Die Engel Gottes werden unsere Ratschlüsse bei uns gar nicht los, weil wir dauernd unterwegs sind. Wir sind ständig auf den Beinen, wir sind dauernd am Agieren. Die Gabe des Rates bedeutet, ganz Ohr auf Gott zu werden, auf seine Einsprechungen. Und deshalb hat uns der Schöpfergott nur einen Mund und zwei Ohren gegeben, damit wir doppelt so viel hören als reden. Das ist die Gabe des Rates. Und wenn wir die befolgen würden, dann wären viele Beratungsgremien arbeitslos. Und der Geist Gottes käme mit den Engeln der Ratschlüsse bei uns wirklich an.

Weisheit, Verstand und Rat sind Fähigkeiten, die religiösen Menschen gewöhnlich zugesprochen werden. Anders verhält es sich mit der Gabe der Stärke. Christen sind heute in der Einschätzung Anderer oft jene, die für alles Verständnis haben, die alles geschehen lassen, die immer die andere Wange hinhalten. Sie gehen lasch durch die Welt. Ist das ein falscher Eindruck?

-- Kardinal Meisner: Das ist die Lahme-Enten-Existenz. Für Christen ist das nicht hinnehmbar. Die Gabe der Stärke vergleiche ich für Firmlinge mit einer Kaspar-Puppe. Wenn die Puppe an der Schulter gehalten wird, hängen Kopf, Arme, Beine und Hände herunter. Es ist zwar alles da, aber es ist kein Leben drin. Und wenn dann der Spieler den Zeigefinger in den Kopf und den Daumen und Mittelfinger in die Arme steckt, dann wird die Puppe lebendig. Dann kann das Spiel beginnen. Der Geist Gottes ist die Lebensenergie in uns. Augustinus betet: „Treibe mich, du, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue!“

Ich erinnere mich noch gut als ich ein halbwüchsiger Junge war. Wir mussten unsere schlesische Heimat verlassen und waren nach der Vertreibung als Katholiken eine absolute Minderheit. Ich glaube, wir waren in einer Schule von 150 Kindern nur fünf Katholiken. Selbst als Kind ist es nicht einfach, in vielen Dingen anders zu sein als die Mehrheit. Wir hatten aber einen sehr klugen Pastor, der hat gesagt: „Ihr braucht nicht auf der Stirn zu stehen haben, dass ihr katholisch seid. Ihr müsst bei allem mitmachen, was gut und schön und hilfreich ist, aber nie mitmachen, was böse ist, was anderen Menschen Unglück oder Trauer bringt.“ Und dadurch haben wir Profil gewonnen. Die anderen haben unseren Glauben kennen gelernt. Es braucht auch Mumm, nicht die Trampelpfade mitzugehen, wo alle herumlatschen, also gegen den Strom schwimmen. Das macht aber auch ungemein stark und so wachsen wir über uns heraus. Das ist die Gabe der Stärke. Sie ist uns in Taufe und Firmung gegeben, wir brauchen sie nur aufzuwecken. Wir müssen uns auch mal selbst an die Brust schlagen und sagen: „Nun, Energie Gottes, nun wach endlich auf, damit ich endlich eine gute Figur mache.“

Drei weitere Gaben gibt es noch, nämlich Wissenschaft, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Auf letztere wollen wir noch eingehen, auf die Gottesfurcht. Es scheint, als wäre der Begriff völlig aus der Mode gekommen. Überall heißt es, wir müssen Gott nicht fürchten. Er sei doch ein Freund des Menschen, immer barmherzig, immer der „liebe Gott“. Warum braucht es da Gottesfurcht?

-- Kardinal Meisner: Das ist eine große Irrlehre in unserer Zeit. Jesus hat uns gelehrt, seinen Vater auch unseren Vater zu nennen. Aber er ist auch ein erschütternder Gott. Und er muss Gott bleiben dürfen, wir dürfen ihn nicht auf unser Niveau herunterschustern. Wir dürfen Gott nicht als Götzen für die Bewältigung unseres Alltags verwenden. Die erste Pflicht eines jeden Christen ist es, Gott Gott sein zu lassen und ihn nicht einzuwalzen in die eigenen Lieblingsvorstellungen.

Es gibt einen schönen preußischen Ausspruch: „Fürchte Gott und scheue niemand!“ Die Erfahrung zeigt, wer Gott nicht fürchtet, der fürchtet sich vor allen Leuten. Das sind die Typen, die Menschenfurcht haben, die mit krummen Rücken durch die Welt gehen, die vor allen nicken. Das sind „Radfahrer“, die nach unten treten und nach oben dienen. Im Grunde machen sie sich selbst zu Gott. Die Gottesfurcht lässt Gott hingegen Gott sein. Wer Gott fürchtet, braucht vor niemand anderen Angst haben. Der Aufruf „Fürchte dich nicht!“ soll in der Bibel 365 mal vorkommen. Für jeden Tag gibt es ein eigenes, biblisches „Fürchte dich nicht!“ Das hat nur dann Sinn, wenn mein Leben auf die Gottesfurcht aufbaut. Sie macht mich unwahrscheinlich frei und froh. Der selige Clemens August Kardinal von Galen hatte in seinem Bischofswappen stehen: „Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll uns bewegen!“ Das ist die Gottesfurcht.

[Eine DVD oder Hör-CD mit dem gesamten Interview kann man beim weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ bestellen unter: Telefon 089 / 760 70 55, Fax 089 / 769 62 62]