Kardinal Meisner: Der „Weg der Kirche" ist die Heiligkeit

Predigt bei der Frühjahrs-Vollversammlung der deutschen Bischöfe

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HAMBURG/BONN, 4. März 2009 (ZENIT.org).- Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner beschrieb heute Morgen während der Eucharistiefeier im Rahmen der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Hamburg den Weg der Kirche durch die heutige Zeit mit einem einzigen Wort: Heiligkeit.

Der Mensch müsse Eigengewicht verlieren, um wirklich abheben zu können und sich Gott zu nähern, so Kardinal Meisner. „Wo Christus in unserem Denken und Wollen nicht mehr die absolute Priorität hat, dort wird er nur noch sekundär sein. Und das ist für christliche Heiligkeit unerträglich... Der Christ ist berufen, sich nicht dem Trend zum Relativismus zu beugen, sondern der Wahrheit die Ehre zu geben."

Die Fastenzeit diene dazu, „Eigengewicht zu verlieren, Übergewicht abzuwerfen, und zwar nicht nur vom körperlichen, sondern auch vom geistigen Ballast, also eine Entrümpelung des körperlichen und geistigen Daseins vorzunehmen. Es geht um ein Abspecken dessen, was den Menschen zu schwerfällig macht, um dem Schöpfer in seiner Schöpfung auf die Spur zu kommen, um das Gewissen wieder für die Einsprechungen des Heiligen Geistes hellhörig zu machen."

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Liebe Brüder, liebe Schwestern!

In seinem ersten Apostolischen Schreiben nach der Jahrtausendwende Novo millenio ineunte sagt Papst Johannes Paul II.: Der Weg der Kirche durch das neue Jahrtausend ist die Heiligkeit.

„Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit“, so wörtlich der Papst. Und er fährt weiter fort: „Dieser Auftrag betrifft nicht nur einige Christen: ‚Alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges sind zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen’“ (Novo millenio ineunte Nr. 30).

Seine Zeitgenossen fordern von Jesus Zeichen zur Legitimation seiner Sendung. Und er antwortet: Aber es wird euch kein anderes Zeichen gegeben als das des Jona (vgl. Lk 11,29), das ist seine Auferstehung. Das Zeichen des Jona ist heute für unsere Mitmenschen die Kirche und in ihr die Heiligkeit, die ihre Glieder prägt. Sie ist das einzige Zeichen, das den Menschen heute gegeben wird für die Anwesenheit Christi, des Erlösers, in der Welt. Dazu ruft uns Gott.

1. Der Mensch erlangt im Laufe seines Lebens zu viel Eigengewicht, das heißt er wird so schwergewichtig, dass sich die Nadel seines Lebenskompasses nur noch an sich selbst orientiert. Damit gerät er in die Desorientierung und damit sein ganzes Leben in eine verkehrte Richtung. Wir wollen uns erinnern lassen, dass uns die österliche Bußzeit zur Askese ruft, die ihren Sinn darin hat, Eigengewicht zu verlieren, Übergewicht abzuwerfen, und zwar nicht nur vom körperlichen, sondern auch vom geistigen Ballast, also eine Entrümpelung des körperlichen und geistigen Daseins vorzunehmen. Es geht um ein Abspecken dessen, was den Menschen zu schwerfällig macht, um dem Schöpfer in seiner Schöpfung auf die Spur zu kommen, um das Gewissen wieder für die Einsprechungen des Heiligen Geistes hellhörig zu machen.

Der Apostel Paulus sagt: „Ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2). Von vielen Menschen sagt man: Sie seien voll von Wissen, aber ohne Weisheit.

Wissen bläht auf, Weisheit baut auf. Hier gilt es, eine Reinigung des Gedächtnisses vorzunehmen. Wo Christus in unserem Denken und Wollen nicht mehr die absolute Priorität hat, dort wird er nur noch sekundär sein. Und das ist für christliche Heiligkeit unerträglich. Der Druck zur Anpassung zwingt manche in die Knie. Der Christ ist berufen, sich nicht dem Trend zum Relativismus zu beugen, sondern der Wahrheit die Ehre zu geben. Es ist eines Christen unwürdig, im Hinblick auf den herrschenden Libertinismus zu denken und zu sagen: „Wir aber auch!“ Dagegen sagt Christus: „Ich aber sage euch“, etwa: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,27-28).

Christliche Heiligkeit besteht darin, dass das „Ich aber sage euch“ an die Stelle des „Wir aber auch!“ tritt, dass wir dabei einander helfen und uns gegenseitig dazu ermutigen und nicht alle möglichen Löcher suchen, wie wir uns doch noch durch das „Ich aber sage euch“ zum „Wir aber auch!“ durchmogeln können.

2. Der Mensch muss Eigengewicht verlieren, um wirklich abheben zu können und um in die Nähe Gottes zu gelangen. Der Sportler kommt beim Hochsprung nur über die Messlatte, wenn er auf Höheres ansetzt als auf sich selbst. Hat er es dann geschafft, dann hört er am liebsten das Lob: „Da hast du dich aber selbst übertroffen!“. Der Mensch soll sich mit der Gnade Gottes selbst übertreffen. Wenn eine Frau Mutter wird, dann wiederholt sich der Mensch. Als Maria aber Mutter wird, da überholt sich der Mensch, denn ihr Kind war Gott und Mensch zugleich. Der Mensch ist fähig, sich durch die Gnade Gottes zu überholen. Solche Christen werden dann wirklich Vorbild für andere. Und gerade das ist heute der große Mangel, der mit Recht beklagt wird. Wir haben keine Vorbilder! Und wo welche aufleuchten, werden sie oft gnadenlos niedergemacht. Ein Vorbild kann auch den anderen ein schlechtes Gewissen verursachen. Ich frage mich oft: „Was werden denn die nachfolgenden Generationen von uns denken?“

Eine Verkündigung, die ihre Sendung nur noch darin sieht, die gesellschaftlichen Trends fromm zu kommentieren, ist leer und bedeutungslos geworden. Auf sie kann man getrost verzichten. Viele Menschen erwarten in all dem Drunter und Drüber nicht eine fromme Bestätigung, sondern prophetisches Feuer, das brennt, erleuchtet und erwärmt. Wir sollten daran denken: Wie es auf dem ökonomischen Feld eine schleichende Entwertung der Währung gibt, wenn hinter dem im Umlauf befindlichen Geld nicht mehr ein entsprechendes Gewicht sachlicher Leistung und Werte steht, so ist auch die Währung des Geistes, das Wort der Verkündigung, von innerer Entleerung bedroht, wenn die Kraft des Glaubens in Gesinnung und Haltung dem Überhang an leichtfertig ausgegebener Wortmünze nicht mehr die Waage zu halten vermag. Viele der größten Worte des menschlichen Geistes – Treue, Liebe, Verlässlichkeit – sind auf diese Weise der Abwertung verfallen.

3. Wir sind in diesen Tagen berufen, unser geistiges und körperliches Eigengewicht zu vermindern, damit wir fähig werden, die Lasten der anderen mitzutragen. „Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2), sagt der Apostel Paulus. Deine Lasten sollen meine Lasten werden, und deine Sorgen sollen meine Sorgen werden! Dafür muss aber in mir Raum vorhanden sein, sodass hier nicht nur geredet wird, sondern auch Konsequenzen möglich werden.

Der Herr möchte durch seine Jünger die Lasten der Menschen mittragen. Wir sind berufen, wie Simon von Cyrene unter das Kreuz der anderen zu treten und damit unter das Kreuz Christi. Paul Claudel sagte in seinem Kreuzweg: „Erst müssen wir das Kreuz selbst tragen, ehe es uns trägt“. Bei Todesfällen sprechen wir den Trauernden unsere Anteilnahme aus. Aber wir dürfen schon zu Lebzeiten an den Sorgen und Lasten der anderen teilnehmen, indem wir – wie das Wort Teilnahme sagt – ihnen die Erfahrung schenken: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, aber auch „Geteilte Freude ist doppelte Freude“.

„Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11), heißt es von der Ankunftsgeschichte des Herrn in unserer Welt. Das gibt es auch weithin heute noch. Wir nehmen ihn nicht auf, weil wir so voll von uns selbst sind, dass es keinen Raum für die Mühseligen und Beladenen gibt und damit für ihn selbst, mit denen er sich identifiziert. Das ist geradezu ein Kriterium christlicher Heiligkeit, dass sie den Hauslosen ein Dach über dem Kopf gibt, den Hoffnungslosen Hoffnung, den Lieblosen Liebe, den Freudlosen Freude. Hier steht die ansehnliche Ahnenreihe unserer Heiligen, vom hl. Martin über Hedwig, Elisabeth und Vinzenz bis zur seligen Mutter Teresa von Kalkutta. Sie waren die großen Helfer der Menschheit durch ihren Dienst an der Liebe und Wahrheit.

Die österliche Bußzeit möchte uns durch die Askese Eigengewicht nehmen zugunsten der Lasten anderer. „Eine größere Liebe hat niemand“ – so wird man sagen können – „als wer Eigengewicht verliert, um die Lasten des anderen zu übernehmen“. Es wird den Menschen kein anderes Zeichen des Heils gegeben als Jesus Christus, der den Menschen nahe sein will durch unsere Heiligkeit. Sie ist der Weg der Kirche durch das neue Jahrtausend. Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original-Manuskript]