Kardinal Meisner: „Die Kunst hat auch immer mit Gott zu tun“

Predigt des Kölner Erzbischofs anlässlich der Einweihung des Diözesanmuseums Kolumba

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KÖLN, 15. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Redemanuskript der Predigt, die Joachim Kardinal Meisner am Freitag zur Einweihung des Diözesanmuseums Kolumba im Hohen Dom zu Köln gehalten hat.



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Verehrte Gäste, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist eigentümlich, dass wir die Eröffnung eines Museums mit einem feierlichen Gottesdienst im Hohen Dom beginnen. Normalerweise rangieren Museen unter Profanbauten. Dort ist eine schlichte Haussegnung angebracht, aber keine Messfeier, in der es darum geht, den Tod des Herrn zu verkünden und seine Auferstehung zu preisen, bis er kommt in Herrlichkeit. Und doch tun wir das in Köln ganz bewusst, weil das Kunstmuseum unseres Erzbistums Köln, schlicht genannt KOLUMBA, gleichsam ein erweiterter sakraler Raum ist. Er erinnert mich an den Berg Tabor, den Berg der Verklärung: als plötzlich der schlichte Mann aus Nazareth in seiner göttlichen Fülle vor den Jüngern erschien und er von den Zeugen des Alten Bundes, von Mose und Elija, als der Messias proklamiert worden ist.

1. Die Kirche feiert heute das Fest Kreuzerhöhung. Es beruht auf der Überlieferung, dass die hl. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, am 14. September 320 das Kreuz in Jerusalem auf dem Grabhügel von Golgotha wiedergefunden hat. Das Kreuz ist das Schlüsselsymbol der Menschheit, mit dem man die Weltwirklichkeit entschlüsseln kann. In der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief schreibt Paulus: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen“ (Phil 2,5-7). Er hat sich entäußert, ist das Stichwort, und er ist innegeworden der Knechtsgestalt des Menschen.

Das gilt nicht nur für die Erlösungsordnung durch Jesus Christus, das ist auch – wenn auch abgeschwächt – in der Schöpfung passiert, dass der unendliche Gott sich in seine Schöpfung entäußert hat. Nicht in dem Sinne, dass die Schöpfung ein Ausfluss Gottes ist, aber sie trägt seine Spuren. „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1), und alles, was geworden ist, ist nicht ohne das Wort geworden. Also hat die Schöpfung auch Wortcharakter. Gott hat sich entäußert und hat sich eingebildet in die Werke seiner Schöpfung. Darum schreibt wiederum Paulus in seinem Brief an die Römer: „Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.“ (Röm 1,20).

In den Werken der Schöpfung dem Schöpfer auf die Spur zu kommen, ist Sache und Berufung der Künstler. Darum hat die Kunst auch immer mit Gott zu tun, und wenn es auch rein profane Kunst ist. Wenn sie den Namen „Kunst“ verdient, ist sie immer von der Wirklichkeit der Welt abgedeckt, und damit hat sie eine theologische Dimension. Darum sind Künstler so etwas Ähnliches wie Wünschelrutenläufer. Sie spüren die verborgenen Wasseradern dessen auf, der sich in der Schöpfung selbst entäußert und in seinen Werken verinnerlicht hat. Der Künstler zieht das Verborgene wieder ans Licht. Die Weltwirklichkeit wird gleichsam durch die horizontale Dimension des Kreuzes dargestellt.

Die Horizontale verläuft nach rechts und links ins Unendliche; wenn sie nicht durch die Vertikale durchkreuzt würde, wäre kein Überstieg des Menschen über sich selbst möglich. Die Vertikale macht aus dem Minus der Horizontalen das Plus der Gestalt des Kreuzes. Dem Menschen als Ebenbild Gottes ist es aufgegeben, in der Schöpfungswirklichkeit die Schöpfungsgedanken Gottes zu entbinden, ihnen Gestalt zu geben: in Literatur, Musik, Bild oder Plastik. Diese Schöpfungsgedanken Gottes in der Welt aufzuspüren und ihnen erneut Gestalt zu geben und die Mitmenschen daran zu erinnern, ist der Sinn von Kunst. Die Werke, in denen das in besonderer Weise gelungen ist, sind nicht alle kultfähig, also für den Gottesdienstraum geeignet, aber sie sind in unseren Museen ausgestellt, nicht um rein ästhetisch bewundert zu werden, sondern um die Betrachter und Besucher anzurühren, ihnen die Augen und die Herzen für eine neue Dimension des Daseins zu öffnen, die man in der Alltäglichkeit leicht übersieht.

2. In besonderer Weise ist das aber durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus mit dem Menschen geschehen. Wie der Philipperbrief der heutigen Lesung sagt: Er, Christus, der Sohn Gottes, hat sich vielmehr selbst entäußert, indem er Knechtsgestalt annahm und den Menschen gleich wurde. Im Menschen begegnen wir Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes selbst. Darum sagt Papst Johannes Paul II.: „Der Mensch ist der Weg der Kirche“ (Redemptor hominis 14). Derselbe Papst beschloss seine Einführungspredigt vor fast 30 Jahren mit den Worten: „Mit welcher Ehrfurcht muss ein Apostel Christi dieses Wort ‚Mensch’ aussprechen!“. Den Menschen umgibt ein letztlich nicht auflösbares Geheimnis. Wie oft hört man in der Umgangssprache: „Ich kann diesen Menschen nicht verstehen“, oder als Selbstbekenntnis: „Ich kenne mich selbst nicht mehr“. Das ist so, weil durch die Menschwerdung Gottes jeder Mensch vom Glanz Gottes berührt und geprägt ist. Und darum ist seine Pervertierung so groß, wenn er diese Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird, wie wir es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa in grausamster Weise erleben mussten.

Auf der anderen Seite hat uns die Kunst die schönsten Menschenbilder geschenkt. Die schönsten Menschenbilder Europas sind Christusbilder, sind Marienbilder, sind Heiligenbilder. Hier leuchtet etwas von dem innersten Wesen des Menschen auf. Der Mensch ist nie nur profan, er ist auch immer sakral. Deshalb gehört es zur Sachlichkeit des Künstlers, diese Menschenwirklichkeit in ihrer ganzen Breite und Tiefe zur Kenntnis zu nehmen. Wo das vergessen wird, wird man dem Menschen nie gerecht. Es bleibt mir unvergesslich, als Papst Benedikt XVI. vor einem Jahr in Birkenau angesichts dieses Ortes der Menschenverachtung sagte: „Die Machthaber des „Dritten Reiches“ wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; auf furchtbare Weise haben sich da die Psalmworte bestätigt: ‚wie Schafe werden wir behandelt, die zum Schlachten bestimmt sind.’ Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören – ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen.“ Der frühe Kirchenvater Irenäus von Lyon sagt deswegen: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch“. Und wir können es umgekehrt sagen: „Der lebendige Gott ist die Herrlichkeit des Menschen“.

3. Wir erwarten von unserem Museum, also von KOLUMBA, dass es gleichsam ein Areopag wird, auf dem sich Künstlerinnen und Künstler, Interessierte, Jugendliche und Ältere begegnen, um aus der Gegenüberstellung von moderner und alter Kunst, von profaner und sakraler Kunst, sich selbst besser zu erkennen und damit ihren Auftrag für den Weltdienst. Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte. Gerade an diesem Platz in der Kölner Innenstadt, im Schatten des Domes, dort wo Jahrhunderte lang eine der bedeutendsten und größten Kölner Pfarrkirchen existiert hat, haben wir nun fast 65 Jahre nach ihrer Zerstörung das Diözesanmuseum errichtet.

Und ich sehe darin keine Profanierung dieses heiligen Bodens, hier, inmitten des Heiligen Köln; und zwar nicht nur deswegen, weil die so genannte Kapelle der Trümmermadonna, die zu den meist besuchten Gotteshäusern im Kölner Alltag gehört, in das neue KOLUMBA-Haus wie eine heilige Reliquie mit eingezogen ist. Und auch nicht nur deswegen, weil über der Kapelle innerhalb des Museums, im so genannten Armarium, der gerettete Kirchenschatz von St. Kolumba mit all seinen Reliquien in Dauerausstellung präsentiert oder – besser gesagt – zur Bewunderung und Verehrung ausgestellt bleibt. Vielmehr ist KOLUMBA ein heiliger Ort, weil hier über 1000 Jahre lang das Wort Gottes verkündet und die hl. Eucharistie gefeiert wurde und weil sich hier Menschen begegnen, denen es gegeben ist, den Spuren Gottes in der Schöpfung und der Wirklichkeit Christi im Menschen auf die Spur zu kommen und sie nach ihren Möglichkeiten darzustellen. Es ist eine neue Möglichkeit, Menschen mit der Wirklichkeit Gottes in Berührung kommen zu lassen.

Ich glaube, dass der Inhalt auch immer einen adäquaten Raum braucht. Die Seele des Menschen wird in der „Philosophia perennis“ definiert als „forma Corporis“. Und ich bin zutiefst überzeugt, dass KOLUMBA ein Sakralbau in den Dimensionen eines Museums ist. Er ist „forma Kolumbae“. Schon der Bau selbst spricht etwas davon aus, dass unsere Weltwirklichkeit ein Kosmos ist, dass sie nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön gestaltet ist. Der Erbauer verdient wirklich den Ehrentitel „Baumeister“. Inhalt und Rahmen sollen in KOLUMBA eine Symbiose ergeben. Das ist ein hoher Anspruch für die, denen wir die Verantwortung für KOLUMBA übergeben werden. Darum ist es gut, dass KOLUMBA nicht an der Peripherie unserer Stadt steht, sondern im Zentrum, im Schatten des Domes und der Minoritenkirche, auf dem Grund und Boden der ehrwürdigen Pfarrkirche St. Kolumba.

Der Erzbischof beruft für das Museum keine Priester wie im Dom, wie in der Minoritenkirche oder wie in der Kolumba-Kapelle, sondern er beruft Fachleute, die ein Gespür für diese Art von Spuren Gottes in Welt und Schöpfung haben und die die Fähigkeit besitzen, dem Herrn selbst im Menschen zu begegnen. Bei der Einweihung des Hauses selbst werde ich dann auch das berühmte Elfenbeinkreuz segnen, das gleichsam das Firmenzeichen von KOLUMBA werden soll und das alle, die dort arbeiten und die KOLUMBA besuchen werden, daran erinnern möchte, dass durch die vertikale Linie, die auf die horizontale Weltlinie trifft, die Möglichkeit besteht, das zu enthüllen und zu erhellen, was der Schöpfer in seiner Welt verborgen hat. Darum ist das Kreuz zum Plus-gewordenen Minus in dieser Welt geworden durch die Gnade Gottes. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]