Kardinal Meisner: Erlösung von mir selbst für Gott und für die Welt

Predigt bei der Frühjahrs-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Würzburg

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WÜRZBURG, 12. Februar 2008 (ZENIT.org).- Joachim Kardinal Meisner, der seit dem 12. Februar 1989 Erzbischof von Köln ist, forderte heute, Dienstag, seine Mitbrüder im Bischofsamt dazu auf, darüber nachzudenken, ob sie die Vergebungsbitte gegenüber Gott, wie sie im Vaterunser gebetet wird, tatsächlich aufrichtig meinten.

„Von jemandem, den wir gekränkt haben, Verzeihung zu erhalten, heißt nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Das aber ist die Lösung, die wir eigentlich bevorzugen, und zwar Gott und den Mitmenschen gegenüber. Vielleicht gehen wir deshalb so selten beichten“, so Kardinal Meisner während der Eucharistiefeier im Rahmen der Frühjahrs-Vollversammlung der Hirten in Würzburg.

„Warum sind wir Gott gegenüber so engherzig und geben ihm so selten die Freude, uns an sein Herz zu drücken?..Wären wir nicht Sünder, die der Vergebung bedürfen, würden wir gar nicht die Tiefe der göttlichen Liebe kennen.“

Im Mittelpunkt der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die vom 11. bis 14. Februar in Würzburg stattfindet, stehen die Wahl eines neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, ein ganztägiger Studientag zum Thema „Ehe und Familie“ sowie die Planungen für das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Paulusjahr (28. Juni 2008 bis 29. Juni 2009). 

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Liebe Brüder, liebe Schwestern!

Wir sprechen im Vaterunser sicher täglich mehrere Male die Bitte aus: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Wie ernst meinen die Beter diese Bitte, wenn unsere Beichtstühle, die Orte der Vergebung, fast menschenleer geworden sind? Man sagt, unsere Zeit wäre von einem Unschuldswahn befallen. Sünde und Schuld kämen nur noch im Wörterbuch vor, und zwar als Begriffe einer überwundenen Epoche. Wo aber keine Schuld und Sünde, dort ist kein Erlöser und keine Erlösung gefragt und gebraucht. Deshalb ist Jesus Christus als Erlöser der Welt nicht mehr gefragt. Man ist nur noch an Jesus als dem Gesellschaftsreformer interessiert. Dann aber hat die Kirche nur noch als Institut des sozialen Fortschritts eine Chance. Aber ohne Erlösung kein Erlöser Jesus Christus, und ohne Christus kein Christentum. Erlösung dann für wen? – Nun für mich und für jeden einzelnen Menschen, und dann schließt Erlösung auch ein: Erlösung von mir selbst für Gott und für die Welt.

Unser Unschuldswahn ist begründet in dem falschen Selbstbewusstsein, als seien wir vor Gott gleichsam Erwachsene, d.h. gleichberechtigte Partner. Die Schuld macht uns erwachsen. Sie lässt uns Gott gegenüber unsere Gotteskindschaft aufkündigen. Wir wollen nicht mehr Sohn mit dem Sohn sein, nicht mehr Tochter mit dem Sohn. Wir emanzipieren uns vom Vater wie der verlorene Sohn, der auszieht und weggeht. Seelsorge wird dann gleichsam ohne Gott zur Psychotherapie, Mission zur Entwicklungshilfe, Caritas zur Sozialarbeit und Gottesdienst zur liturgischen Folklore. Der von Gott emanzipierte Mensch ist im verlorenen Sohn schon im Evangelium vermerkt. Er hat Gott und konsequent auch sich selbst verloren. Das ist seine und das ist wohl auch unsere Schuld. Wer sich von Gott, dem Vater, nicht mehr mit den kostbarsten Geschenken, die nur er als Vater zu vergeben hat, nämlich mit seiner Vergebung und Begnadigung beschenken lässt, kündigt ihm damit sein Kindsein und damit Gottes Vatersein auf. Das zeigt sich in vielen Dingen des täglichen Lebens.

Darum müssen wir uns ehrlich fragen: Ersehnen wir Vergebung überhaupt? Von jemandem, den wir gekränkt haben, Verzeihung zu erhalten, heißt nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Das aber ist die Lösung, die wir eigentlich bevorzugen, und zwar Gott und den Mitmenschen gegenüber. Vielleicht gehen wir deshalb so selten beichten. Haben wir aber noch nie die Freude erfahren, Schuld zu erkennen und den Beleidigten aufzusuchen: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15,18). Zu sehen, wie er die Arme ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15,20). Seine Freude darüber, dass er uns wiedergefunden hat, ist übergroß. Da fingen sie an ein Freudenmahl zu halten. Da immer dieses Fest gefeiert wird, wenn wir zurückkehren, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir Gott gegenüber so engherzig und geben ihm so selten die Freude, uns an sein Herz zu drücken?

Wir lieben die ausdrückliche Vergebung nicht. Das gehöre sich nicht für einen Erwachsenen und Mündigen, so meinen wir. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er uns verzeiht. Gott ist Liebe und darum Schenken. Am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis überwindet: die Sünde. Die Vollkommenheit des sich Schenkens ist die Verzeihung, die größte Gnade ist die Begnadigung, die größte Gabe Gottes ist die Vergebung, die Vergabung. Wären wir nicht Sünder, die der Vergebung bedürfen, würden wir gar nicht die Tiefe der göttlichen Liebe kennen. „Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren“ (Lk 15,7). Wie kommt es, dass ein Sakrament, das im Himmel so große Freude hervorruft, auf Erden so viel Abneigung erweckt? – Das liegt an unserem mündigen Unschuldswahn, uns selbst zu genügen, uns selbst zu bestimmen.

Was ziehen wir vor, Sünder zu sein, denen Gott vergibt, oder ohne Sünde zu sein, aber auch ohne die Erfahrung der Liebe Gottes, zufrieden sein mit sich selbst oder mit Gott? Wir werden Gott niemals besser erkennen, als wenn wir das Ausmaß unserer Sünde zu erfassen gelernt haben und damit das Übermaß der Liebe Gottes. „Wo die Sünde mächtig wurde, ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20), sagt Paulus. Warum praktizieren wir das kaum? Die Beichte macht uns doch nicht frei von unseren Sünden, damit wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken, sondern die Beichte schenkt uns dagegen den Zugang zu einem Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Er sagt in uns: „Glaubst du, dass ich dich genug liebe; dass mir genug an dir liegt; dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist; dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zuneigung bezeugt, um dir alles zu vergeben?“ Wenn wir um eine solche Vergebung wissen, dann werden wir von Freude überflutet, sodass wir den Geschmack an der Sünde verlieren. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher gestalten, anfangen zu glauben, dass Gott uns liebt, und sogleich entdecken, dass wir bisher nicht lebendig genug daran geglaubt haben und dass man hierfür um Vergebung bitten muss, nicht an eine Liebe geglaubt zu haben, die die mageren Freuden der Sünde derart überragt, dass sie uns genügt haben würde, wenn wir sie nur gekannt hätten. Wir wären dann nicht weggegangen, um unseren Hunger durch die Sünde und Torheiten zu betäuben wie der verlorene Sohn.

Er verlässt das Haus des Vaters, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr, die Liebe zum Vater ist erkaltet, und er meint nun, erwachsen genug zu sein, sodass er sein Erbteil verlangt, um seine Angelegenheiten ganz alleine zu ordnen. Als er sich entschloss, wieder zurückzukehren, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Wir nennen das die „unvollkommene Reue“. Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts anderes mehr als der Gedanke, der Sohn könnte doch wieder heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er hinaus und umarmt ihn. Weil er eine so große Liebe empfängt, beginnt der Sohn, sie in diesem Augenblick zu verspüren. Ein ungeahnte Reue überkommt ihn: die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seinen Unglauben und seine Unverschämtheit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, wird er wieder lebendig.

Eines beweist, dass wir keine Vergebung empfangen haben, dass wir also unwürdig gebeichtet haben, wenn wir nun unsererseits nicht vergeben. Eines beweist, dass wir die Liebe Gottes nicht empfangen haben: Wenn wir nicht schenken können: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Die Art, wie wir Verzeihung gewähren, ist oft kläglich. In manchen Familien ist man auf immer entzweit, sobald man sich verziehen hat. Die Überlegenheit und die Herablassung auf dem Gesicht derer, die vergaben, waren so erbitternd, dass jene, denen verziehen wurde, sie ihnen niemals mehr verzeihen konnten. Um recht verzeihen zu können, muss man Sohn, muss man Tochter des Vaters werden; muss man das falsche Erwachsensein aufgeben, um Kind Gottes werden zu können; muss man Gott, Gott sein lassen, indem wir uns als Geschöpfe Gottes, als Kinder Gottes akzeptieren. Wer wenig verzeiht, liebt wenig.

Wenn man den Beichtstuhl verlässt, sollte man den anderen sagen können, ja müssen: „Ich habe jetzt so viel Vergebung empfangen, dass ich mit dir teilen muss. Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich Überfluss habe. Verzeih mir, dass ich dir meine Verzeihung so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und die Nächstenliebe ein, in die Vereinigung mit Gott und die mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde exkommuniziert hatte. Wäre das nicht so, dann hätten wir falsch gebeichtet. Hüten wir uns hingegen davor, uns selbst aus dieser Vergebung auszuklammern. Wir sind oft so enttäuscht von uns selbst. Wir haben uns oft selbst so satt und sind von unserer eigenen Mittelmäßigkeit so angeekelt und unserer Überdrüssigkeit und Monotonie so müde, dass wir uns selbst verachten und missachten. Wir sollen doch unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Wir sollen auch uns lieben wie wir unsere Nächsten zu lieben suchen. Deshalb müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns auch selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschung unseres Ehrgeizes beschwichtigen. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir die Enttäuschung an uns selbst loswerden.

Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung und das Gefühl im Hinblick auf uns selbst zu ändern, ohne ihm selbst gegen unsere Erfahrung Recht zu geben, wenn er uns liebt und vergibt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns selbst, mit den Schwestern und Brüdern, mit der ganzen Welt. Erlösung für wen? – Für eine Zivilisation der Liebe und für die seelische Gesundheit und Lebensfreude unserer selbst! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Von der Deutschen Bischofskonferenzveröffentlichtes Originalmanuskript]