Kardinal Meisner: „Erziehung lebt vom Vorbild, und Erziehung lebt vom Vorleben“

Kölner Medienempfang unter dem Motto „Kinder und Medien - Herausforderungen für die Erzieher“

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KÖLN, 12. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Ansprache, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner beim Medienempfang seiner Diözese zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel am 6. September gehalten hat.



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Sehr verehrte Damen und Herren!

In diesem Jahr hat Papst Benedikt XVI. den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel unter ein Motto gestellt, dass es uns scheinbar leicht macht: „Kinder und soziale Kommunikationsmittel - eine Herausforderung für die Erziehung“.

Der Heilige Vater hebt in seiner Botschaft hervor, dass der große Einfluss der Medien in unserer Gesellschaft eine besondere Herausforderung für die Erziehung darstellt. Wenn sich junge Menschen in einer Welt frei entfalten sollen, die immer mehr von Medien bestimmt ist, müssen sie von Kindesbeinen an zu klugen und kritischen Lesern, Zuhörern und Zuschauern erzogen werden. Diese „Heranbildung zur Ausübung von Freiheit ist eine anspruchsvolle Aufgabe“, betont der Papst.

Viele Eltern sind verunsichert, weil sie mit der technischen Entwicklung selbst kaum Schritt halten können. Wie sollen sie dann ihre Kinder anleiten? Erziehung ist zuerst den Eltern aufgetragen, und sie ist eine langwierige und auch anstrengende Aufgabe. Worum geht es dabei im Kern?

Ein neuer Mensch will in die Welt hinein begleitet werden. Er will befähigt werden, sich die Welt zu erschließen und seinen Platz darin zu finden: mit wachem Blick, gesundem Urteilsvermögen und der Fähigkeit zu lieben. Die Herzlichkeit der Zuwendung, die ein Kind in seiner Familie erlebt, wird es ein Leben lang prägen und es befähigen, selbst Beziehungen aufzubauen. Dass diese Aufgabe ein ganz besonderes Privileg und eine einzigartige Chance ist und nicht zu allererst Last und Einschränkung, davon sind wir überzeugt und setzen uns für entsprechende Rahmenbedingungen ein! Trotz mancher Unzulänglichkeiten, die wir als begrenzte Menschen erleben, ist in der Familie Gottes Idee der Liebe im Kern verwirklicht. Wir wollen Mut machen, diese Liebe Gottes zu leben!

Das Motto des Weltmedientages trifft bei uns im Erzbistum Köln auf den Schwerpunkt, unter den wir dieses Jahr 2007 gestellt haben: Ehe und Familie. Damit wollen wir ganz bewusst auf die unverzichtbaren Leistungen von Ehe und Familie in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Und wir möchten Eheleute und Familien nach Kräften dabei unterstützen, damit das Zusammenleben gelingt. Auch die Domwallfahrt, zu der wir am Ende dieses Monats wieder einladen, steht unter dem Motto: „Und er stellte ein Kind in ihre Mitte“ (Mk 9,36).

Zu diesem Motto gab es einen Malwettbewerb. Gut 250 junge Menschen, von Vierjährigen bis zu Zwölftklässlern, haben ihre Kunstwerke eingesandt. In der vergangenen Woche konnte ich die Preisträger mit aussuchen. Als ich die Bilder betrachtete, habe ich wieder einmal gestaunt, mit welcher Treffsicherheit und geradezu Weisheit Kinder ihre Situation und ihre Umwelt ins Bild setzen. Viele der Bilder erzählen von liebevoller Geborgenheit und bergendem Angenommensein. In bunten Farben ist zu sehen, wie gut es Kinder haben, wenn sie in die Mitte genommen werden. Aber es gibt auch Bilder, die geprägt sind von der Erfahrung, allein zu sein.

Auf einem Bild steht das Kind zwar auch in der Mitte, auf einem großen roten Herz. Doch rechts und links davon halten Mutter und Vater jeweils die Hälfte eines zerrissenen Herzens in den Händen. Offenbar sind die Eltern auseinander gegangen. Leider müssen heute viele unserer Kinder solche herzzerreißende Erfahrungen machen.

In dieser Situation weist der Papst auf einen weiteren Aspekt des diesjährigen Themas hin: Er nennt ihn „die Erziehung der Medien“. Zu den klassischen Erziehungsinstanzen von Eltern und Schule treten heute immer mehr die Medien hinzu. Das Weltbild, das sie vermitteln, bleibt – gerade bei Kindern – nicht folgenlos.

Ich will hier gar nicht von den zahllosen Morden, Toten und Verstümmelten reden, die täglich im Fernsehen oder in Computerspielen zur Schau gestellt werden. Die Sache beginnt subtiler: Welches Bild von Ehe und Familie beispielsweise wird in unseren Unterhaltungsprogrammen vermittelt? Hat da eine lebenslange Beziehung in Treue noch Bestand, oder wird sie eher als Auslaufmodell belächelt? Werden Kinder dargestellt als Quelle der Freude und als Chance zu gemeinsamem Wachsen, oder sind sie eher Ursache von Problemen? Wie oft wird Trennung und Abkehr vom anderen als einziger Ausweg aus einer familiären Krise dargestellt? Und wird nicht häufig das „Geläufige“ als normal und damit gleichsam als Norm hingestellt? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht die Medien in Haftung nehmen für die negativen Entwicklungen unserer Gesellschaft.

Und es gibt durchaus auch die anderen Geschichten und Filme, die von Versöhnung und Neuanfang und von bewältigten Krisen erzählen. Da gibt es gedeihende Familien und auch geheilte Wunden. Damit meine ich nicht verklärende Darstellungen, sondern gelungene Vorschläge für zukunftsträchtige Lebenswege. Denn auch damit können die Medien prägen.

Wie also Familie in den Medien dargestellt wird, ist weithin mit prägend für das Familienbild der Gesellschaft. Daran erinnert uns der Papst, wenn er sagt: Die Medien müssen sich die grundlegenden Werte von Menschenwürde, von Ehe und Familie zu Eigen machen! Sie müssen „effektiver Bildung und ethischen Standards verpflichtet“ sein. Die so genannte „Unterhaltung“ junger Medienkonsumenten dagegen ist oft von Gewaltverherrlichung, antisozialem Verhalten und Banalisierung der Sexualität geprägt. „Wie kann man“ – so fragt der Papst – „diese ‚Unterhaltung‘ den zahllosen jungen Menschen erklären, die unter Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch leiden?“ Hier muss die „Erziehung der Medien“ ansetzen, von der Benedikt XVI. spricht.

Erziehung lebt vom Vorbild, und Erziehung lebt vom Vorleben. Lassen Sie mich mit den Worten des Heiligen Vaters aus seiner diesjährigen Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel schließen: „Schönheit, eine Art Spiegel des Göttlichen, inspiriert und belebt Herz und Geist junger Menschen, während Hässlichkeit und Vulgarität eine erniedrigende Wirkung auf Einstellungen und Verhalten haben.“ Erziehung ist eine schöne und zugleich anspruchsvolle Aufgabe – unterstützen Sie die Familien dabei!

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]