Kardinal Meisner: Gott nach dem Mund reden, nicht den Menschen

Ansprache beim Evangelischen Kirchentag 2007

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KÖLN, 23. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 8. Juni beim Evangelischen Kirchentag 2007 gehalten hat.



Anhand Jeremias 23,16-32 erläuterte der Kardinal, was es heißt, in der heutigen Zeit als Prophet aufzutreten. Zudem wies er darauf hin, was den wahren vom falschen Propheten unterscheidet, und gab eine Beispiele für moderne Lügenpropheten, wie sie häufig anzutreffen sind. „Lasst euch nicht um die Wahrheit betrügen!“, appellierte Kardinal Meisner in diesem Zusammenhang wiederholt an seine Zuhörer.

„Als Prophet muss man folgerichtig lernen, mit dem Unmut, der Verachtung oder sogar dem Hass der Umgebung zu leben. Aber als Getaufte haben wir nun einmal nicht den Menschen nach dem Mund zu reden, sondern einzig und allein dem lebendigen Gott. Versäumen wir dies, dann verfehlen wir nicht nur unseren Auftrag, sondern sind überdies ‚diesem Volk ganz unnütz – Spruch des Herrn‘.“

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1. Gott allein
„Gotteswort in Menschenwort“: So definieren wir die Heilige Schrift. Diese Formulierung hebt besonders hervor, dass sie auf göttliche Eingebung zurückgeht, die freilich die jeweiligen schriftstellerischen Eigenarten nicht aufheben. In ganz besonderer Weise trifft dieses auf prophetische Worte zu. Schon der 2. Petrusbrief weist darauf hin, dass „niemals … eine Weissagung ausgesprochen [wurde], weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet“ (1,21). Deutlich wird das spätestens dann, wenn wir in den Prophetenworten immer wieder auf Formeln wie „So spricht der Herr“ oder „Spruch des Herrn“ treffen. Aus Liebe zu uns Menschen ist Gott dieses große Wagnis eingegangen, indem er uns sein ewiges Wort im Menschenwort schenkte, was dann natürlich seinen Höhepunkt gefunden hat, indem das Ewige Wort Gottes, der Sohn, in Jesus Christus Mensch geworden ist.

In unserem Sprachgebrauch hat sich im Hinblick auf den Propheten das Missverständnis eingenistet, er sei so etwas wie ein Wahrsager. Entscheidend aber ist nicht die Vorhersage des Propheten, sondern sein Anspruch, in Gottes Auftrag dessen Wort authentisch zu verkünden. Die Initiative zu dieser Verkündigung in Vollmacht liegt ganz und gar bei Gott. Als der Priester Amazja dem Amos verbieten will, weiterhin als Prophet aufzutreten, antwortet ihm dieser: „Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: ‚Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!’“ (7,14-15). Der Prophet weiß sich so sehr in eine Pflicht genommen, von der ihn kein Mensch dispensieren darf oder nur dispensieren kann. Damit ergibt sich ein wichtiges Kriterium für die Echtheit des Propheten und seines Wortes, die im heutigen Jeremia-Text zur Sprache kommt: Der Prophet ist Diener des Gotteswortes und vermag folglich nicht darüber zu verfügen, als sei er dessen Herr. Das kann bittere Folgen haben für denjenigen, der gewissermaßen als „Mund Gottes“ auftritt.

Nicht zufällig klagt Jeremia Gott geradezu der Vergewaltigung an: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. … Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern“ (20,7-9). Prophet zu sein ist keine Auszeichnung oder Bevorzugung, sondern ist Dienst, harter Dienst am Heil des Menschen.

2. Wahre und falsche Propheten
Hier setzt die scharfe, beißende Kritik an den falschen Propheten an, die sich nur scheinbar in den Dienst des Gotteswortes und des Heils des Menschen stellen. Nicht Gottes Ratschluss verkünden sie, sondern ihre eigenen Einfälle und Gedanken. Wie ihr Anspruch, so sind ihre Worte Lug und Trug, nichtiges Geschwätz, das niemandem nützt und vielmehr allen schadet.

Wie aber unterscheidet man nun den wahren vom falschen Propheten? Wie erkennt man, ob derjenige, der da das Wort ergreift, auch seinerseits vom Wort ergriffen ist? Sofort sicher auszumachen ist das häufig gar nicht; eben darin besteht ja die Gefährdung des falschen Propheten. Aber es gibt ein Kriterium: Der falsche Prophet redet den Leuten immer nach dem Mund. Er verkündet, was die Menschen gerne hören wollen: „Das Heil ist euch sicher. Kein Unheil kommt über euch“. Und dabei scheuen sie sich auch nicht, mit dem Worte Gottes zu jonglieren.

Ein Prophet der Neuzeit, der französische Dichter Léon Bloy, der von 1846 bis 1917 lebte, hat uns Verkündern ins Stammbuch geschrieben: „Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken“.

Wirkliche prophetische Rede bewegt immer zur Endscheidung, zu einem Ja oder einem Nein, nicht zu einem „Sowohl als auch“. Darum sagt Jesus dann ausdrücklich: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,37). Das ist wahrlich kein bequemer Verkündigungsauftrag.

Jeremia lässt sich auf diese Legitimation ein. Er weist sich gerade dadurch als wahrer Prophet Gottes aus, dass er Unheil ankündigt: „Hört, der Sturm des Herrn bricht los. Ein Wirbelsturm braust hinweg über die Köpfe der Frevler. Der Zorn des Herrn hört nicht auf, bis er die Pläne seines Herzens ausgeführt und vollbracht hat“ (23,19-20). So etwas hört man nicht gerne, und genau deshalb verkündet man so etwas auch nicht gern. Aber das Wort, das der Herr spricht, ist eben nicht immer nur mild und angenehm, sondern bisweilen auch hart und schwer anzuhören. Die Lügenpropheten dagegen reden den Leuten, besonders den Einflussreichen, nach dem Mund, weil ihre Wort eben nicht von dem großen Gott stammen, sondern von kleinen, opportunistischen Menschen. Aber noch etwas fehlt der Botschaft des falschen Propheten: die Kraft des Lebendigen und des Ursprünglichen. Jeremia legt es schonungslos offen: Die Pseudopropheten erdenken ihre Prophetie selbst. Ja mehr noch: Sie „stehlen einander Gottes Worte“. Robert Musil hat in diesem Zusammenhang gesagt: „Wie wird man aufs einfachste Prophet? Wenn man eine Dummheit ausspricht und andere sie nachahmen…“.

Falsche Prophetie ist gewissermaßen inzestuös. Um es bildlich zu formulieren: Während Gottes Wort lebendiges, frisches Wasser ist, gleicht das erdachte Wort der Scheinpropheten einer schalen Brühe, die bald verdunstet und nichts zurücklässt als einen schalen Nachgeschmack. Das Wissen der selbsternannten Propheten greift zu kurz. Sie sind sich ihrer Lächerlichkeit nur nicht bewusst.

Tatsächlich aber machen sie ihre Rechnung ohne Gott – und vergessen damit das Entscheidende, ja den Entscheidenden. Die Lügenpropheten sitzen schlicht und einfach ihrem eigenen, falschen Gottesbild auf. Sie halten Gott für einen „Nahen“, d.h. für einen Götzen, denen konkrete Lebensbereiche wie Fruchtbarkeit, Gesundheit oder Kriegsführung zugeordnet wurden. Man bringt ihnen Opfer dar und glaubt, sie dadurch für sich verpflichten und vor den eigenen Karren spannen zu können. Der eine, wahre Gott aber ist der Heilige schlechthin. Was das heißt, kleidet Gott in eine rhetorische Frage: „Bin ich denn ein Gott aus der Nähe – Spruch des Herrn – und nicht vielmehr ein Gott aus der Ferne?“ (Jer 23,23). Gottes Ferne anzuerkennen verhindert jegliche Vereinnahmung Gottes für die eigenen, menschlichen Vorstellungen. Diese Haltung lässt Gott Gott sein und nach seinem Willen fragen. Sie bewahrt mich davor, die Souveränität seines Wortes zu relativieren. Dieser Haltung korrespondiert die Gottesfurcht als Gegenteil einer Grundeinstellung, die Gott zum lieben, alten Mann degradiert, dessen Geschäft es ist, zu allem „Ja“ und „Amen“ zu sagen. Die Aufhebung der Distanz des Menschen zu Gott ist zugleich auch die Aufhebung jeglichen Ernstes vor Gott und unserer Verantwortung für die Welt.

Das Problem der Lügenpropheten hat Jeremia ganz besonders beschäftigt; der Begriff findet sich im Alten Testament insbesondere bei ihm. Aber auch das Neue Testament kennt neben den Propheten die Pseudopropheten: von den sprichwörtlich gewordenen „Wölfen im Schafspelz“, vor denen Jesus in der Bergpredigt warnt, über den falschen Propheten Elymas, den Paulus auf Zypern durch eine Machttat zum Schweigen bringt, bis hin zu jenem Lügenpropheten der Apokalypse, der in der Endzeit viele Menschen verführt, dessen Los aber letztendlich das Verderben ist.

3. Prophetie heute
Auch heute noch treffen wir an allen Ecken und Enden auf selbsternannte Propheten, die ihre Träume und Wünsche an die Stelle des Gotteswortes setzen. Auf diese wollen wir nun in einem letzten Schritt unseren Blick richten. Denn gerade als Teilhaber am prophetischen Amt Jesu Christi müssen wir Gläubige zum einen darauf achten, nicht selbst zu Scheinpropheten zu werden, und zum anderen, solchen Scheinpropheten nicht auf den Leim zu gehen.

Das biblische Wort ist immer in eine konkrete Situation hinein gesprochen, birgt aber auch – so möchte ich es sagen – einen Bedeutungsüberschuss, einen Verheißungsüberschuss in sich, der die Zeiten bis zum Jüngsten Tag überdauert. Schon der 2. Petrusbrief aktualisiert Klagen wie die des Jeremia, wenn er warnt: „Es gab aber auch falsche Propheten im Volk; so wird es auch bei euch falsche Lehrer geben“ (2,1). Und es hat mich geradezu erschreckt, als mir bewusst wurde, wie leicht der Abschnitt aus dem Prophetenbuch Jeremia in die heutige Zeit einzupassen ist.

Wo treffen wir auf Menschen, die zu Unrecht prophetische Rede für sich in Anspruch nehmen? Im übertragenen Sinn beispielsweise da, wo eine ganze Industrie sich bemüht, menschliche Sexualität zu vermarkten, und zwar auf Kosten der Menschenwürde, namentlich der weiblichen. Wo das Geschlecht nicht mehr die Liebe zwischen Mann und Frau zum Ausdruck bringt, sondern zum Mittel der Umsatzsteigerung degradiert wird, muss der christliche Prophet laut und deutlich Einspruch erheben: Lasst euch nicht um die Wahrheit betrügen!

Dann sind da die Propheten der Naturwissenschaften, der Forschung und insbesondere die der Industrie, die uns weismachen wollen, alles Machbare sei auch erlaubt. Die Natur wird hemmungslos manipuliert, sei es nun die um uns herum oder die in uns. Rohstoffressourcen werden ausgebeutet, Sicherheitsinteressen hintangestellt, ja sogar Embryonen, d.h. ungeborene Kinder, werden als Ersatzteillager und Stammzelllieferanten missbraucht. Gott selbst achtet die Gesetze, die er in seine Schöpfung hineingelegt hat; woher nehmen wir die Legitimation, diese zu missachten? Auch hier heißt es wieder: Lasst euch nicht um die Wahrheit betrügen!

Dann die Frage nach Liebe und Treue bei den ernstlich Verliebten und Verlobten, bei den Eheleuten und den Familien! Müssten wir nicht zusammenzucken, wenn Studien uns vor Augen stellen, dass sich die heutigen Jugendlichen durchaus nach Treue, Verlässlichkeit und Verantwortungsbereitschaft sehnen, ihre Eltern ihnen aber oft das entsprechende Lebenszeugnis verweigern? Die Lügenpropheten erklären uns, offene Beziehungen gehörten zu einer modernen Welt. Aber solange ein Mensch einen Menschen liebt, ihn ehrlich liebt, wird er danach trachten, dass diese Liebe fortdauert. „Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!“ hat Friedrich Nietzsche gesagt. Lasst euch nicht um die Wahrheit betrügen!

Und wenn dann die Liebe zweier Menschen selbst Mensch wird, wenn ein Kind entsteht? Dann flüstert uns der moderne Scheinprophet ein, in der heutigen Zeit müsse man dieses Kind erst gegen eventuell verpasste berufliche und soziale Chancen abwägen. Senkt sich die Waage zu Ungunsten des Kindes, dann bleibt ja immer noch – so heuchelt man uns vor – die Abtreibung. Nein: Die Tötung eines ungeborenen Kindes ist nie und nimmer eine Form der Familienplanung, die vor Gottes Augen bestehen kann! Im Übrigen stirbt mit dem Kind immer auch ein Stück der mütterlichen Seele. Denn die Mutter ist der Ort, wo Gott dem Menschen die Seele geschenkt hat. Lasst euch nicht um die Wahrheit betrügen!

Und wenn der Mensch alt und krank geworden ist und nach dem Verständnis der Gesellschaft nicht mehr sinnvoll menschlich leben kann, dann redet ihnen der Scheinprophet ein, die Souveränität über sein Leben in Anspruch zu nehmen und sein Leben in eigener Vollmacht zu beenden. Euthanasie nennt man fälschlicherweise diese Prophetie, die aus dem Arsenal des Antichristen kommt. Und man will dem Menschen einreden, das schon in der Blüte seiner Jahre schriftlich für den Fall von Alter und Krankheit festzulegen. Das Leben des Menschen kommt aus Gottes Hand, – und darum ist es heilig. Und Christus hat am Kreuz für jeden Menschen
sein Blut vergossen, – und darum ist es dreimal heilig; – und darum ist Euthanasie ein Attentat auf die Heiligkeit Gottes selbst. Lasst euch nicht um diese Wahrheit betrügen!

Wogegen würde Jeremia heute auftreten? Wir wissen es nicht, aber Missstände wie die genannten würde er ganz gewiss nicht schweigend hinnehmen. Der Prophet ist zwar nicht von Natur aus ein Quertreiber, aber er stellt sich quer, wenn Gottes Wort und Wille ihm dies vorgeben. Als Prophet muss man folgerichtig lernen, mit dem Unmut, der Verachtung oder sogar dem Hass der Umgebung zu leben. Aber als Getaufte haben wir nun einmal nicht den Menschen nach dem Mund zu reden, sondern einzig und allein dem lebendigen Gott.

Versäumen wir dies, dann verfehlen wir nicht nur unseren Auftrag, sondern sind überdies „diesem Volk ganz unnütz - Spruch des Herrn“ (23,32). Was einen wahren Propheten auszeichnet, hat schon vor vielen Jahren Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., treffend formuliert: „Der Prophet ist sich in einer doppelten Weise selbst enteignet. Er ist sich enteignet zugunsten dessen, den er vertritt, und er ist sich enteignet zugunsten derer, vor denen er ihn vertritt“ (Glaube und Leben 41, 1968, 357). Das wird sichtbar bei Jesus Christus selbst. Bei ihm hören wir prophetische Rede in Reinkultur, besonders in der Bergpredigt. Seine prophetischen Weisungen beginnen immer stereotyp: „Ihr habt gehört, dass gesagt wurde…“ und sie endet immer stereotyp: „Ich aber sage euch…!“

Als Beispiel sei Matthäus 5,27-28 zitiert: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“. Wir heute argumentieren unprophetisch oder manchmal antiprophetisch, indem wir sagen: „Alle machen es doch heute so! Die Statistiken belegen das, also auch wir wollen so sein und so handeln“. Prophetisch leben heißt für uns: das „Ich aber sage euch“ des Herrn zum Maßstab unseres Denken, Sprechens und Handeln zu machen! Danke!

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]