Kardinal Meisner: „Suchet sein Antlitz, damit ihr auch den Menschen findet!“

Predigt zum Aschermittwoch der Künstler (21. Februar 2007)

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KÖLN, 21. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am Aschermittwoch während der Heiligen Messe für die Künstler in Sankt Aposteln in Köln gehalten hat.



„Wer Gott nicht kennt, der kennt dann auch den Menschen nicht“, stellte der Kardinal fest, der in diesem Zusammenhang erklärte, dass sich falsche Gottesbilder in falschen Menschenbildern fortsetzten und dass diese die Welt ins Chaos führten. Deshalb appellierte er an die Kunstschaffenden und alle anderen Messteilnehmer, als Abbilder Gottes „am Urbild Maß zu nehmen“ und das eigene Gottesbild von der Offenbarung und Verkündigung der Kirche korrigieren zu lassen.

„Die Kirche wird nicht müde zu bekennen, dass unser Gott der ‚Deus semper maior‘ ist, ‚der je größere Gott‘, den wir uns gar nicht groß genug, hochherzig genug und großzügig genug denken können, dessen eigentlicher Name ‚Verschwendung‘ heißt“, fuhr Kardinal Meisner fort. „Indem wir unser Gottesbild auf den Prüfstand der kirchlichen Verkündigung legen, gewinnen wir auch ein neues Bild von uns selbst und von den Menschen.“


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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Du sollst dir kein Gottesbild machen“ (Ex 20,4), ist dem alttestamentlichen Gottesvolk ins Stammbuch geschrieben worden. Das gilt in gewissem Sinn auch für das neutestamentliche Gottesvolk. Da aber Gott durch seine Menschwerdung in Jesus Christus selbst menschliche Gestalt angenommen hat, lässt er sich im Gegensatz zum Alten Bund bildlich darstellen, wie wir das in der christlichen Kunst hundertfach und tausendfach erleben und erfahren können. Aber auch im Neuen Bund gilt in gewissem Sinn das Bilderverbot: „Du sollst dir kein Gottesbild machen.“ Vielmehr sollst du das Bild Gottes, das er von sich selbst hat, in die Welt deines Glaubens, Hoffens und Liebens übernehmen. Täuschen wir uns nicht! Gottesbilder sind keine Privatsache, sondern sie haben etwas Wesentliches mit der Welt und den Menschen zu tun.

Adam wollte werden wie Gott. Kann es denn einen schöneren Ehrgeiz geben als dieses Wollen, wie Gott zu werden? Lädt uns der Sohn Gottes nicht ausdrücklich dazu ein, indem er sagt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48)? Aber Adam, der erste Mensch, hat sich im Vorbild, im wahren Gottesbild, geirrt und getäuscht. Im Glauben, nun wie Gott werden zu können, wich er völlig von ihm ab, und er stürzte mit all seinen Nachkommen in die Gottesferne. Er glaubte, Gott sei ein autonomes, sich selbst genügendes, für sich allein existierendes, gleichsam ein einzelliges Lebewesen. Aber als Gott sich offenbarte, zeigte er sich als Gemeinschaft und als Liebe. Gott ist trinitarisch, d.h. Gott ist der eine und einzige Gott in drei Personen. Indem Adam, der erste Mensch, sich täuschte und sich ein Bild von Gott als Individualist, als Einzelwesen, als ein autonomes und sich selbst genügendes Gebilde machte, wich er völlig von ihm ab. Mit dem Verlust des richtigen Gottesbildes verlor er auch das rechte Menschenbild. Adam setzte gleichsam in der Ursünde ein negatives Vorzeichen vor die Geschichte Gottes mit dem Menschen und markierte das Leben des Menschen mit Gott durch ein großes Minuszeichen.

2. Der Mensch ist seit der Erbsünde götzendienerisch. Er macht sich unabänderlich Bilder von Gott, die dann in seinen Bildern vom Menschen ihr Echo finden. Guardini sagte das unvergessliche Wort: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Umgekehrt kann man sagen: „Wer Gott nicht kennt, der kennt dann auch den Menschen nicht.“ Falsche Gottesbilder setzen sich fort in falschen Menschenbildern, und falsche Menschenbilder führen die Welt ins Chaos. „Du sollt dir von Gott keine falschen Bilder machen“, sollen wir uns am Anfang der österlichen Bußzeit sagen lassen. Wir fügen hinzu: „Warum?“ Weil wir auch von Menschen und von uns selbst keine falschen Bilder haben wollen und haben dürfen, damit das Zusammenleben unter uns Menschen nicht im Chaos versinkt.

3. Papst Benedikt XVI. hat uns in seiner Enzyklika Deus caritas est in Erinnerung gerufen, dass Gott die Liebe ist. Darum vergeht alles in der Welt – außer der Liebe. Deshalb ist es gut, in den kommenden Tagen und Wochen eine Inventur unserer Lebensumstände zu veranstalten. Nur die Liebe bleibt! (vgl. 1 Kor 13,13). Findet das in unserem Dasein und Sosein seine Konsequenzen? Es ist, um es medizinisch zu sagen, ein Grundumsatz fällig, der uns über unser inneres Wertfühlen Aufschluss gibt. Was hat sich in unserem Leben zur Priorität hochstilisiert? Wenn es nicht Gott ist, sondern vielleicht das eigene Ich, also wenn Gott nicht primär ist, dann kann er nur noch sekundär in unserem Leben sein. Und dann gibt es ihn als Sekundargestalt in unserem Leben gar nicht mehr. Hier müssen wir wieder die Logarithmentafel unseres Daseins in Ordnung bringen, denn sonst verliert unser Leben an Niveau, an geistiger Substanz und an kulturellem Profil.

4. Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen, sich ähnlich schuf ihn Gott (vgl. Gen 1,26). Und Gott gibt dazu am Ende des Schöpfungsberichtes seine Wertung ab: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1,31). Mit dieser Qualitätsbezeichnung durch seinen Schöpfer hat der Mensch begonnen. Das musste eigentlich auch so sein, weil er als Abbild Gottes gar nicht schlecht sein konnte. Erst durch die Abwendung vom Urbild ist das Abbild verrutscht, aus den Fugen geraten und verkommen. Die Kirche lädt uns in diesen 40 Tagen ein, als Abbilder wieder am Urbild Maß zu nehmen, indem wir uns unser Gottesbild von der Offenbarung und Verkündigung der Kirche korrigieren lassen. Die Kirche wird nicht müde zu bekennen, dass unser Gott der „Deus semper maior“ ist, „der je größere Gott“, den wir uns gar nicht groß genug, hochherzig genug und großzügig genug denken können, dessen eigentlicher Name „Verschwendung“ heißt. Indem wir unser Gottesbild auf den Prüfstand der kirchlichen Verkündigung legen, gewinnen wir auch ein neues Bild von uns selbst und von den Menschen. Der Weltkatechismus kann uns dafür eine große Hilfe sein.

Keiner von uns hat jemals sein Gesicht im Original gesehen, immer nur im Spiegelbild. Das Originalbild muss täglich derjenige anschauen, mit dem wir zusammen arbeiten und zusammen leben. Damit ihn unser Anblick nicht depressiv macht, müssen wir mit unserem Gesicht über den Spiegel hinaus in das Angesicht Gottes schauen. Die Psalmen sind von dieser Bitte und der Sehnsucht des Menschen voll: „Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Ps 27,8). Damit gewinnt der Mensch ein Antlitz, das ist ein Gesicht, das Gott anschaut; es reflektiert dann das liebenswürdige Angesicht Gottes, das in den Spiegel seiner Seele hineinschaut. Eine Literat sagt: „Mit 40 Jahren wird man langsam für sein Gesicht verantwortlich!“

5. Es ist inzwischen gesellschaftlich schick geworden, über den Verlust der Werte in unserer Gesellschaft zu klagen. Aber Werte sind keine Fetische, die gleichsam im luftleeren Raum über den Menschen schweben, sondern sie sind Reflexe, die unsere Gottesschau auf unserem Gesicht und in unserem Herzen hinterlässt. Im Alten Bund galt: „Wer Gott sieht, der muss sterben.“ Das stimmt! Wer Gott sieht, der muss sich selbst absterben, seines Egoismus und seines Gottesbildes, um das wirkliche Gesicht Gottes, um die Großzügigkeit und Hochherzigkeit Gottes übernehmen zu können, der muss absterben seiner Enge und seiner Beschränktheit, um der Tiefe und Weite Gottes im Leben zu entsprechen, der muss absterben des permanenten Tanzes um das goldene Kalb seines Ichs, um täglich „Ehre sei Gott in der Höhe“ beten zu können und den Mühseligen und Beladenen ein treuer Helfer und Begleiter zu sein.

6. Die Erneuerung unserer alten Welt ist angesagt. Das ist schon so oft versucht worden, jedoch immer in einer verkehrten Weise. Man versuchte, die Lebensumstände des Menschen zu verändern, um den Menschen zu verändern. Das ging nicht gut, und das wird auch in Zukunft nicht gut gehen. Der Weg ist umgekehrt. Man muss zuerst den Menschen verändert, und dann verändern sich die Lebensumstände von ganz allein. Wenn der Mensch dabei Maß an Gott nimmt, dann verändert er sich und seine Lebensumstände absolut zum Positiven. „Bin ich denn der Hüter meines Bruders oder meiner Schwester?“ (vgl. Gen 4,9), ist uns nicht mehr möglich zu sagen, weil der Herr sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Gott, der uns zum Hüter unserer Brüder und Schwestern gemacht hat, ist selbst der Schöpfer und Hüter seiner Welt. Uns hat er sein gutes Gesicht eingeprägt, damit seine gute Welt bei uns in guten Händen sei.

Suchet sein Antlitz, damit ihr auch den Menschen findet! Suchen wir uns keine selbst erfundenen Bilder von Gott, sondern orientieren wir uns am Bild Gottes, damit wir den Menschen nicht verzeichnen. Beten wir täglich den „Deus semper maior“, den „je größeren Gott“ an, dann werden wir den kleinen Menschen nicht übersehen. Unsere Welt braucht Seher und Propheten. Das sind Menschen, die ganz unter den Augen Gottes leben und deshalb nahe bei den Menschen sind. Sie sind die echten Hellseher im Dunkel menschlichen Daseins, um das helle Licht ihrer Gottähnlichkeit zu erkennen und dabei behilflich zu sein, es zu entbinden, es im Menschen aufleuchten zu lassen. Solche Hellseher, Propheten und Geburtshelfer sind Menschen, die man Künstler nennt. Es sind lebenswichtige Gaben, die Gott ihnen in seinem Erbarmen zugunsten ihrer Mitmenschen anvertraut hat.

Es ist die Freude Gottes, bei den Menschen zu sein, davon zeugt die Bibel. Ist es auch unsere Freude, bei Gott zu sein? Dass unsere menschlichen Bewegungen, Gefühle und Berechnungen dem Wollen, Denken und Fühlen Gottes wieder mehr entsprechen, ist die Chance, die uns in diesen 40 Tagen geschenkt wird. Fangen wir damit heute an! Der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Der soll heute getan werden! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Von der Erzdiözese Köln veröffentlichtes Original]