Kardinal Meisner: „Weil es um den ganzen Menschen geht“

Predigt bei der 140. Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

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FULDA, 26. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner heute, Mittwoch, bei der Herbst- Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehalten hat.



Im Mittelpunkt der Beratungen der 71 Mitglieder der Bischofskonferenz, die morgen, Donnerstag, zu Ende gehen wird, stehen die Umsetzung des Motu proprios „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. zum Gebrauch des Messbuchs von 1962, die Dritte Europäische Ökumenische Versammlungen, die Einheitsübersetzung der Bibel und die EU-Regierungskonferenz im zweiten Halbjahr 2007.

Kardinal Meisner betonte in seiner Predigt am Gedenktag der Ärztebrüder Cosmas und Damian, dass sich die Heilssorge der Kirche in der Sendung Jesu auf den ganzen Menschen richte, auf Leib und Seele. „Heilende Existenz“ – der Dienst als Arzt oder Krankenschwester etwa – bedeute immer auch „stellvertretende Existenz“, denn: „Ein wirklich guter Arzt leiht dem Kranken nicht nur sein medizinisches Können, sondern auch seinen Lebensmut und seine Willenskraft.

Wer dem Wort und der Tat Christi verpflichtet ist, der ist sich nach Worten von Kardinal Meisner auch dessen bewusst, „dass er sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen hat, soweit ihm das nur möglich ist. Nur so kann er die Lage des anderen mit seinen eigenen Augen sehen, um darin eventuell Möglichkeiten zu entdecken, die der Kranke in seiner geistigen Blockierung nicht mehr zu sehen vermag und die ihm helfen, die nächsten Schritte seines Weges zu gehen.“

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Liebe Brüder, liebe Schwestern!

Der heutige Gedenktag der heiligen Ärztebrüder Cosmas und Damian erinnert uns daran, dass sich Jesus selbst fast mit dieser Berufsgruppe identifiziert, indem er sagt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mk 2,17). Er fasst gleichsam sein erlösendes Tun in dem Wort vom Heilen zusammen, sodass die Kirche ihn immer als den großen Heiland der Menschheit verehrt hat.

1. Seitdem das Evangelium gepredigt und die heiligen Eucharistie gefeiert wird, werden von der Kirche Kranke gepflegt und geheilt. Dabei richtet sich die Heilssorge der Kirche in der Sendung Christi auf den ganzen Menschen, d.h. auf seinen Leib und seine Seele. Deshalb werden sowohl der Priester im Gotteshaus als auch der Arzt im Krankenhaus immer den ganzen Menschen im Blick behalten müssen. Gerade aber, weil es um den ganzen Menschen geht, geht es hier nicht um Seelsorge oder Leibsorge, sondern immer um Heilssorge. Bekanntlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein, in unserem Zusammenhang nicht von Medikamenten allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt (vgl. Mt 4,4).

Der heilige Vinzenz von Paul kann uns deshalb sagen: Willst du den Leib Christi ehren, dann beachte beide Wandlungsworte Christi. Im Gotteshaus steht der Altar, auf ihm liegen Brot und Wein. Über sie spricht der Herr bei der Feier der heilige Eucharistie das Wandlungswort: „Das ist mein Leib. Das ist mein Blut!“ Aber im Krankenhaus stehen die Betten mit den Kranken. Und hier hat der Herr ein zweites Wandlungswort gesprochen: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Mutter Teresa von Kalkutta, die gleichsam die heilige Elisabeth des 20. Jahrhunderts war, steht in dieser großen Glaubenstradition, indem sie sagt: „Der gebrochene Leib des Herrn im Brot auf dem Altar ist identisch mit dem Herrn im Leib des kranken Menschen. Nur wer den Herrn in den eucharistischen Gestalten in den Blick bekommt und im Blick behält, der wird auch unter der Hülle des Kranken das Herz des Herrn selbst entdecken“. Sie sagt weiter: „Krankendienst ohne Gottesdienst entspricht nicht der Wirklichkeit des Evangeliums, wie auch nicht der Gottesdienst ohne Krankendienst“. Von hier aus wird erkennbar, welches Profil unsere katholischen Krankenhäuser im Land haben müssen. Hier geht es nicht nur um die medizinischen Möglichkeiten, sondern um die Spiritualität evangeliumsgemäßer Krankenpflege. Hier fragen wir uns als Hirten der Kirche schon manchmal bangen Herzens: Entsprechen unsere Krankenhäuser diesen evangeliumsgemäßen Gegebenheiten?

2. Der Patient, der dem Arzt oder der Krankenschwester im Krankenhaus in die Hände gegeben wird, ist Ebenbild Gottes und erlöst durch das kostbare Blut Jesu Christi. Er besitzt eine Würde, die wir „Personalität“ nennen und die der Arzt wie auch alle anderen zu respektieren haben. In der Struktur des Menschen ist es begründet, dass er ein Innen und Außen hat, welches wir Geist und Leib nennen. Beide stehen nicht gegeneinander und nebeneinander, sondern sind miteinander auf das Engste verbunden. Beide machen den einen Menschen aus. Mit dem Patienten ist darum nicht ein kranker Körper dem Arzt und Pflegepersonal in die Obhut gegeben, sondern ein kranker Mensch.

Als man damals einen Gelähmten auf einer Tragbahre zu Christus brachte, sagte der Herr zu ihm: „Hab Vertrauen mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Da dachten einige Schriftgelehrte: Er lästert Gott. Jesus wusste, was sie dachten und sagte: Warum habt ihr so böse Gedanken im Herzen? Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Darauf sagte er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Und der Mann stand auf und ging heim“ (Mt 9,2-7). Jesus greift bei dieser Heilung auf die Innenseite des Menschen zurück und benutzt so die körperliche Heilung als Beweis seiner Kompetenz für die seelische Medizin, für die Innenseite.

Heute scheint es wohl gelegentlich in der ärztlichen Praxis eher umgekehrt zu sein, nämlich, dass man nur den kranken Körper in Augenschein nimmt, aber seine Innenseite, also das, was wir Personalität nennen, außer Acht lässt. Gewiss, der Arzt und seine Helfer sind keine Seelsorger. Sie sollen aber bei der Behandlung immer auch die Innenseite eines Patienten mit in Betracht ziehen. Es geht um den ganzen Menschen! Von hier aus gesehen wird deutlich, dass der Seelsorger mit ins Krankenhaus gehört und nicht einem entbehrlichen frommen Hobby in einem Krankenhaus nachgeht.

3. Der Mensch als Ebenbild Gottes ist auf Gemeinschaft verwiesen. Wir verehren den einen Gott in drei Personen, denn Gott ist die Liebe (vgl. 1 Joh 4,16b). Deshalb kann der Mensch als Ebenbild Gottes auch allein nicht menschenwürdig leben. Er braucht den Menschen zu seiner Existenz. In unserer modernen Zivilisation ist heute alles auf Ferne hin abgestimmt. So sprechen wir z.B. von Ferngesprächen, Fernsehen, Fernstudium, Fernheizung, etc. Der Mensch aber braucht Nähe, ganz besonders als Kranker. Die medizinische Apparatur kann die menschliche Nähe des Arztes und der Schwester am Krankenbett nicht ersetzen. Wir können den Menschen im Letzten nicht die Schmerzen abnehmen und auch nicht die Angst vor dem Sterben und dem Tod selbst. Wir können es aber wenigstens wagen, mit unter der Last des Dabeiseins zu bleiben, ohne vielleicht äußerlich helfen zu können. Instinktiv flüchten wir oftmals aus Angst in solchen Situationen.

Viele Krankenbesuche bei schwer Leidenden sind deshalb so anstrengend für den Kranken selbst, weil er die Gesunden noch schonen und ihnen ihre Angst und Hilflosigkeit vor seinem Leiden nehmen muss. Viel Trost am Krankenbett bleibt leer und kraftlos, weil sich die Besucher oft selbst trösten wollen mit den Worten wie: „Es ist nicht so schlimm. Es geht schon wieder aufwärts“. Wie trostlos ist das für einen Kranken, der es besser weiß oder auch fühlt, dass es eben nicht aufwärts geht, sondern eher abwärts. Viele Worte sind hier zumeist gar nicht nötig. Schon wenige können ihm zeigen, dass ein anderer sich in seine Lage versetzt hat. Solange wir jedoch einem anderen gegenüber denken: „Wie gut, dass ich nicht in seiner Lage bin!“, werden wir weder trösten oder raten noch helfen oder aufrichten können. Es ist ein Irrtum, zu meinen, man brauche nur eine eigene feste, gesicherte und unangefochtene Position, um anderen helfen zu können. Einer, der dem Wort und der Tat Christi verpflichtet ist, weiß, dass er sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen hat, soweit ihm das nur möglich ist. Nur so kann er die Lage des anderen mit seinen eigenen Augen sehen, um darin eventuell Möglichkeiten zu entdecken, die der Kranke in seiner geistigen Blockierung nicht mehr zu sehen vermag und die ihm helfen, die nächsten Schritte seines Weges zu gehen.

4. Heilende Existenz als Arzt oder Krankenschwester heißt: stellvertretende Existenz. Wenn ein kranker Mensch alle Widerstandskraft verliert, kämpft der Arzt für ihn. Ein wirklich guter Arzt leiht dem Kranken nicht nur sein medizinisches Können, sondern auch seinen Lebensmut und seine Willenskraft. Er tritt in einem umfassenden menschlichen Sinn für den Kranken gegen die Krankheit an. Er kämpft mit allem, was er ist und hat, um den freien Raum, um die Zeit und die Kraft, die der Kranke braucht, um wieder er selbst zu werden. Und für einen Menschen, der allen Mut und alle Liebe zu sich selbst verloren hat und der sich so nicht mehr selbst bejahen kann, gibt es keine andere Hilfe als die, dass jemand da ist, der dieses „Ja“ zu ihm findet und spricht, das er selber nicht mehr zu sprechen vermag. So ist Heilung möglich, weil da einer für ihn eintritt und in seiner eigenen Person den Raum freihält, den der kranke Mensch von selbst nicht mehr zu besetzen vermag, aber nicht, um dort zu bleiben, sondern um dem Vertretenen, dem Kranken, wieder hineinzuhelfen in diesen seinen eigenen Lebensraum.

5. Es wird gesagt: Wenn man früher bei der Kirche anklopfte und um ein Stück Brot bat, erhielt man als Antwort: „Ich werde für dich beten“. Wenn man heute anklopft und um ein Gebet bittet, dann erhält man ein Stück Brot. Ob das ganz so stimmt, weiß ich nicht. Der Mensch lebt jedenfalls nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Darum hat die heilige Elisabeth Recht, wenn sie sagt: „Man darf den Menschen nicht nur satt oder gesund machen, sondern man muss ihn froh machen“. Wenn die Legende der heiligen Elisabeth die Rosen in die Schürze legt und nicht das Brot, dann hat sie Christus, ihren Meister, ganz und gar verstanden.

Ein Dichter sagt dazu: „Man hat verstanden, dass es nicht der Beruf des Menschen ist, Lämmer zu schlachten und Steine zu zerschlagen, sondern dass er geboren wurde, um mit einer Rose in der Hand durch die Welt zu gehen“. Das heißt aus der Poesie in die Prosa unseres Lebens übersetzt: Wir leben in einer materialistischen Welt der reinen Mittel und Zwecke, ohne letztes Ziel und letzten Sinn. Unsere Mitmenschen, namentlich die Kranken, haben Hunger nach einer letzten Antwort. Die Menschen lösen zwar wie Rechenmaschinen eine Anzahl von Problemen und Aufgaben, das einzig wahre Problem jedoch kann oft nicht gelöst werden: der brennende Hunger nach dem Unendlichen, der Hunger und Durst nach Gott. Hier ist jeder am Krankenbett unserer Krankenhäuser gefragt.

Unsere Krankenhäuser stehen nicht an der Peripherie der Kirche, sondern sie gehören in ihr Zentrum. Das dürfen wir nicht vergessen! Würde es nur das Gotteshaus ohne das Krankenhaus geben oder das Krankenhaus ohne das Gotteshaus, dann hätten wir nur die Hälfte des Evangeliums verwirklicht. Indem wir den Menschen die Frohe Botschaft von der Erwählung durch Gott verkünden, indem wir ihnen in den Sakramenten das Leben Gottes vermitteln dürfen, machen wir im heilenden Dienst eines christlichen Krankenhauses den heilenden Jesus gegenwärtig. Für ihn gibt es keine Alternative! Er ist Heiland außer Konkurrenz. Seine Möglichkeiten sind noch lange nicht erschöpft, selbst wenn wir mit unserem medizinischen Latein am Ende sein sollten.

Allen gilt unser Dank, die täglich in unseren Krankenhäusern im Dienste der Kranken stehen. Der heilige Paulus schreibt uns ins Herz: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14). Sie möge auch die Herzen aller, die in unseren Krankenhäusern für die Patienten da sind, bewegen, damit sich ihre Hände im Krankendienst heilend öffnen und der medizinische Sachverstand die rechten Entscheidungen hervorbringt, zum Heile aller, die bei ihnen Heilung suchen. Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]