Kardinal Meisner: Wenn Gott nicht mehr in der Mitte steht

Gastkommentar in der „FAZ“

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FRANKFURT, 19. September 2007 (ZENIT.org).- Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat schriftlich auf die Kritik der letzten Tage geantwortet.



In einem Gastkommentar, der gestern, Dienstag, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde, bedauert er es ausdrücklich, dass der von ihm verwendete Begriff „entartet“ (vgl. Predigt zur Einweihung des neuen Kölner Diözesanmuseums) „in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben hat“.

Der Kardinal weist darauf hin, dass dieses Wort „ohne Substanzverlust für mein Anliegen und meine Aussage ersetzbar: Dort, wo die Kultur – im Sinne von Zivilisation – vom Kultus – im Sinne der Gottesverehrung – abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden. Sie verliert ihre Mitte.“

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In der Mitte unserer Städte, unserer kulturellen Zentren stehen die Kirchen. Mitten im Wohnen, im Arbeiten und Leben, das heißt mitten in der Kultur geben sie Zeugnis von der Ankunft Gottes unter uns. Und doch könnte man als Christ mit guten Gründen sagen: Kirchen sind letztlich zweitrangig, und schon gar Gott braucht sie nicht. Aber wir Menschen brauchen sie, um sichtbar davon Zeugnis zu nehmen und zu geben, was und vor allem wer unsere Mitte ist.

Denn Gott selbst ist in Jesus Christus Mensch geworden und als Mittler in die Mitte unserer Welt und unserer Kulturen hineingestiegen – nicht mit Glanz und Gloria, sondern bis in die dunkelsten Tiefen menschlicher Abgründe. „Er entäußerte sich selbst“, sagt der Apostel Paulus – Gott war außer sich vor Liebe für die Menschen, seine Ebenbilder, die ihm so wenig glichen.

„Das verkrümmte Menschenherz“

Das Christentum denkt hoch vom Menschen, weil es die Menschwerdung gibt. Ein Christ vertraut: Gott ist immer schon da, mitten unter uns, und deshalb kann er unbefangen umgehen mit den weltlichen Dingen, auch mit Bildern, Skulpturen und der Kultur im Sinne von Kunst. Deshalb auch kann sich das Christentum überall inkulturieren, wo Menschen zusammenleben.

Gesellschaften und ganze Kulturen, die Gott aus ihrer Mitte verbannen und an seine Stelle den Menschen als Maß von gut und böse setzen, von wahr und falsch, von gelungen und missraten, kehren sich letztlich gegen sich selbst und entlarven sich als das, was sie sind – unmenschlich. Das haben wir besonders an den beiden Diktaturen des letzten Jahrhunderts erlebt. Gleich, welcher politischen Richtung solche inhumanen Regime, Gesellschaften und Kulturen auch angehören – eines kennzeichnet sie alle: Sobald sie Gott abschaffen und den Menschen als Maß in ihre Mitte stellen, ist der Mensch in seiner Würde gefährdet und ein Menschenleben nicht mehr viel wert.

Der heilige Augustinus hat dafür den Begriff des „cor incurvatum in se“ parat: das „in sich zusammengekurvte, verdrehte, verkrümmte Menschenherz“. Das Bild ist eindrücklich: Ein Mensch, der sich selbst zur Mitte definiert, muss sich schon sehr verbiegen, um diese Mitte in den Blick nehmen zu können. Wer allerdings auf einen anderen blickt, zumal auf einen Höheren, kann aufrecht gehen. Es ist die Größe und die Versuchung des Menschen zugleich, dass er erst durch die Orientierung an einem Punkt jenseits seines begrenzten Horizonts, über seinem menschlich-endlichen Maß hinaus, Ziel und Weg erkennen kann.

„Ich bedaure ausdrücklich . . .“

Das ist der Zusammenhang, in dem ich in meiner Predigt zur Eröffnung unseres Diözesanmuseums Kolumba das ideologisch besetzte Wort „entartet“ verwandt habe. Ich habe zunächst dargelegt, dass „durch die Menschwerdung Gottes jeder Mensch vom Glanz Gottes berührt und geprägt ist“. Deshalb ist es eine große „Pervertierung“ des Menschen, „wenn er diese Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird, wie wir es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa in grausamster Weise erleben mussten“.

Anschließend habe ich Papst Benedikt XVI. zitiert, der bei seinem Besuch im KZ Birkenau die darin manifestierte Menschenverachtung der Nationalsozialisten angesprochen hatte. Den von der Nazi-Ideologie missbrauchten Begriff der Entartung habe ich in diesem Zusammenhang gegen diese und alle Formen totalitärer Kulturen verwendet, um sie mit ihrem eigenen Vokabular zu kennzeichnen und zu entlarven: Kultus und Kultur – im Sinne von Gottesverehrung und Gesellschaft – nehmen Schaden, wenn Gott nicht mehr in der Mitte steht.

Ich wiederhole: Ich bedaure ausdrücklich, dass diese Vokabel in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben hat. Das Wort ist ohne Substanzverlust für mein Anliegen und meine Aussage ersetzbar: Dort, wo die Kultur – im Sinne von Zivilisation – vom Kultus – im Sinne der Gottesverehrung – abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden. Sie verliert ihre Mitte.

Stein gewordener Zeuge des Dialogs

In Bezug auf Kolumba habe ich deshalb in meiner Predigt anschließend gesagt: „Gerade an diesem Platz in der Kölner Innenstadt, im Schatten des Domes, dort, wo Jahrhunderte lang eine der bedeutendsten und größten Kölner Pfarrkirchen existiert hat, haben wir nun fast 65 Jahre nach ihrer Zerstörung das Diözesanmuseum errichtet. (. . .) Darum ist es gut, dass Kolumba nicht an der Peripherie unserer Stadt steht, sondern im Zentrum, im Schatten des Domes und der Minoritenkirche, auf dem Grund und Boden der ehrwürdigen Pfarrkirche St. Kolumba.“

Das Museum, das mir sehr am Herzen liegt und dessen Vollendung ich mit Ungeduld erwartet habe, ist Stein gewordener Zeuge des Dialogs zwischen Kunst und Kirche, mitten in unserer Gesellschaft, unserer Kultur. Das Konzept von Kolumba sucht gerade die Auseinandersetzung, die Diskussion und den Austausch zwischen Glaube und säkularer Gesellschaft auf dem Gebiet der Kunst, mitten in der Stadt, als eine schon in ihrer Formsprache deutlich vernehmbare christliche Stimme.

[© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main]