Kardinal Meisner: Wir sind nicht die letzten Mohikaner

Kölner Erzbischof bei der Bischofssynode in Rom im Gespräch mit ZENIT über Glaubenswissen, Kirche in Deutschland und eucharistische Frömmigkeit

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 17. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Joachim Kardinal Meisner nimmt als Synodenvater, „Synodenveteran“, wie er sich genannt hat, an der Bischofssynode für die Neuevangelisierung teil. Er ist ein Vertreter der ersten Stunde und hat bereits an zehn Synoden teilgenommen. Die Glut Christi sei ansteckend durch Propaganda und Berührung, wie er es ausdrückte. ZENIT befragte den Kardinal zur aktuellen Lage der Kirche in Deutschland.

ZENIT: Eine vertiefte, an den Zeitgeist unangepasste Glaubensweitergabe stößt auf Widerstand. Wir als Christen müssen uns diesem Widerstand aussetzen. Sehen Sie das auch so? Worauf müssen sich die Christen in Deutschland einstellen?

Joachim Kardinal Meisner: Das war meistens so, dass bei der Verkündigung von Anfang an die Botschaft abgelehnt wurde, wie schon Simeon zu Maria sagt: „Zum Fall und zum Aufstehen für viele“. Da darf man sich nicht wundern, das muss man einfach akzeptieren. Trotzdem bringt der Glaube eine Befreiung des Menschen. Bei der Menschwerdung hat sich Gott in die Menschenwelt inkulturiert, der Mensch ist nun eingeladen, sich in die Welt Gottes zu inkulturieren, damit eine Zivilisation der Liebe entstehen kann. Wir kommen nämlich nicht als diejenigen, die nichts haben, sondern vielmehr als diejenigen, die etwas bringen. Das müssen wir uns bewusst machen. Wir sind nicht die letzten Mohikaner…wir sind die ersten Boten einer neuen Welt, von der die meisten Menschen noch gar nichts wissen. Bei der Firmung wird die Stirn gesalbt, nicht der Rücken. Wir sollen uns nicht beugen, sondern mutigen Hauptes schreiten.

ZENIT: Sie haben in Ihrem Redebeitrag geäußert: „Die Christen sind froh, wenn Ihnen keine Fragen gestellt werden“. Wurzelt die Unsicherheit der Gläubigen in der Unwissenheit? Ist es nicht Aufgabe der Hirten, den Glauben klarer zu lehren, damit den Menschen aus dieser Unwissenheit herausgeholfen wird?

Joachim Kardinal Meisner: Wissen Sie, ich habe vor 50 Jahren bei einer Bischofskonferenz in Fulda gepredigt und habe gesagt: „Die Glaubensweitergabe ist völlig zusammengebrochen. Das liegt nicht nur an den Gläubigen, sondern auch an den Katecheten und an uns, an den Zeugen“. Da ging ein Aufschrei durch unser ganzes Land, aber auch von meinen Kollegen, die haben gesagt, das wäre nicht richtig. Heute stimmen sie mir alle zu. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, schien das Motto zu sein.

Ein Ansatzpunkt wäre beispielsweise die Taufe als Einführung in das Glaubensleben. Die Kindertaufe ist nur gerechtfertigt, wenn ein Zeuge und die Eltern garantieren, dass sie dem Kind in Theorie und Praxis den Glauben nahebringen. Es gibt heute so viele Menschen, die gar nichts wissen. Es gibt bei uns in Köln den „Tag der offenen Moschee“. Von uns ist eine Vertreterin eines Pfarrgemeinderates mit dabei gewesen, die gefragt worden ist - nachdem die Muslime ihren Gottesbegriff erklärt hatten -was denn die Dreifaltigkeit sei. Sie konnte nicht darauf antworten, sie hatte keine Erklärung. Man muss einfach erkennen, dass es so nicht weiter gehen kann, man muss sich doch endlich einmal informieren! Wir haben den Weltkatechismus, wir haben den Jugendkatechismus, aber niemand scheint sie zu lesen!

ZENIT: Es scheint, dass die Menschen in Deutschland zu sehr auf die Ortskirche bezogen sind und dabei den Blick nach Rom verlieren. Halten Sie es für wichtig für die Deutschen, sich mehr der Weltkirche öffnen?

Joachim Kardinal Meisner: Wir Deutschen scheinen eine Tendenz zur Nationalkirche zu haben. Das fing ja schon bei der Reformation an, das geht heute auch weiter. Wir scheinen immer zu meinen, wir seien die Vorreiter der Weltkirche. Aber es geht nicht ohne Petrus. Indem wir uns in die ganze Kirche inkorporieren, werden viele Probleme in die richtige Perspektive gerückt und werden ganz klein. Andererseits bekommen wir auch viel Zuversicht und Mut. Ich habe bis 1989 in der DDR gelebt. Die innere Freiheit kam immer aus der Verbindung mit Rom. In der DDR wollte man eigene Diözesen einrichten. Da habe ich erklärt, dass das nicht geht. So etwas entscheidet nur der Heilige Vater. Umgekehrt haben die Menschen in politischen Gesprächen zu mir gesagt: „Sie sind unausstehlich! Aber, hinter Ihnen steht der berühmte kleine weiße Mann in Rom mit der Milliarde Katholiken und darum müssen wir Sie ernst nehmen.“ Obwohl wir ja nur vier Prozent waren…

ZENIT: Sehen Sie bei sich in der Diözese auch die Tendenz, dass sich gerade die Jugendlichen wieder „klassische“ Anbetungsformen wünschen? Gibt es einen neuen Aufbruch zur Transzendenz? Ist dies ein wesentlicher Aspekt der Neuevangelisierung?

Joachim Kardinal Meisner: Ja, natürlich. Das haben wir hier auch schon oft gehört: Dass nämlich die Schönheit ein wesentliches Merkmal der Transzendenz ist: Ens et verum et bonum et pulchrum convertuntur. Die Schönheit ist für den Christen in der Liturgie sichtbar. Wir müssen den Menschen wieder zu verstehen geben, dass wir es nicht sind, die Liturgie machen. Die Liturgie ist vor uns da, wir treten zu ihr hinzu. Es gibt die Anbetung der Heiligen, der Engel Gottes und wir nehmen an dieser Anbetung teil. Daher lädt uns ja die Kirche auch dazu ein, am Anfang der Liturgiefeier unsere Schuld zu bekennen, damit wir dann gereinigt zu diesen „Konzelebranten“ des Himmels passen. Es handelt sich um eine Lebensader unserer Kirche. Das zeichnet sich gewiss auch in der Jugendbewegung ab. Nach den Weltjugendtagen hat man mit mir darüber gesprochen, wie es denn nun weitergehen kann. Bei uns gibt es die Aktion „Nightfever“ [ZENIT berichtete], eine Bewegung der Jugend. Ich bin immer sehr ergriffen, wie viel Elan es da in Glaubensfragen gibt. Das geht viel einfacher als mit der älteren Generation. Die jungen Menschen entwickeln wieder ein Gespür für die Form und den Inhalt.

Ein Beispiel ist auch die Messdienerschaft im Dom zu Köln. Das sind hauptsächlich junge und ältere Männer, die sich gegenseitig rekrutieren. Sie kommunizieren auch immer auf die Zunge, was von ihnen selber ausging. Das ist sehr wichtig. Was mich am meisten bedrückt, das ist wirklich die Profanierung der Eucharistie. Ich habe einmal in einem großen Gottesdienst mehr als 4000 Kommunionen ausgeteilt. Daraufhin habe ich zum örtlichen Pfarrer gesagt, dass seine Gemeinde doch nun vor eucharistischer Energie „bersten“ müsse. Es war aber eher ein Abbau spürbar.

Wir haben so viel abgebaut, aber nichts an die Stelle des Abgebauten gesetzt. Beispielsweise gibt es kein eucharistisches Fasten mehr, die Kommunionbänke sind weg, die Kommuniontücher sind weg. Jeder kann kommen und sich die Kommunion in die Hand drücken lassen. Darum fehlt es den Menschen dann auch an Ehrfurcht. Darum fühlen sich die „wiederverheirateten“ Geschiedenen ausgeschlossen. Sehr viele von ihnen sind treu, dürfen aber keine Kommunion empfangen. Andere haben ein vernachlässigtes Glaubensleben, kommen aber und „machen das Händchen“ auf.

Es muss eine neue Kultur der Eucharistie geschaffen werden. Wir haben in Köln im nächsten Jahr den eucharistischen Kongress, davon erwarten wir uns viel.