Kardinal Miloslav Vlk: Kirche in Zeiten des Kommunismus

Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten

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FREISING, 4. April 2009 (ZENIT.org).- Auf der diesjährigen Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten am 3. April in Freising berichtete der Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen, Kardinal Miloslav Vlk, den rund 100 Teilnehmern von seinen Erfahrungen hinter dem Eisernen Vorhang und von der Zeit während und nach der Wende.



Schon als Kind wollte der 1937 geborene Vlk Priester werden, doch nach dem Abitur 1952 in Budweis hatten die tschechischen Bischöfe aufgrund der Ereignisse von 1948 mit Ausnahme des Seminars in Prag alle Priesterausbildungsstätten geschlossen. Sie sollten nach der, wie sie dachten, kurzen Episode des Kommunismus wiedereröffnet werden. So war es dem Abiturienten verwehrt, Katholische Theologie zu studieren, um Priester zu werden. Vlk musste sich seinen Lebensunterhalt als Monteur in einer Autofabrik verdienen. Nach dem Militärdienst nahm er, um „geistig beweglich zu bleiben", das Studium der Archivkunde an der Prager Karls-Universität auf.

1960 schloss er sein Studium mit der Promotion ab und arbeitete anschließend vier Jahre lang als Archivar an verschiedenen Archiven in Südböhmen. Seine Arbeit wurde sehr geschätzt, so dass seine Vorgesetzten meinten, sie müssten den „Genossen Vilk nur noch verheiraten“. Es sollte aber anders kommen: 1964 wurde der 27-jähringe Doktor der Archivwissenschaften Priesteramtskandidat und nahm an der Theologischen Hochschule in Leitmeritz das Theologiestudium auf. Mitten im „Prager Frühling" wurde er 1968 zum Priester geweiht. Seine erfolgreiche seelsorgliche Tätigkeit war den staatlichen Behörden zu politisch, so dass sie ihm diese von 1978 bis 1989 untersagten. Vlk ging wie viele seiner Amtsbrüder in den Untergrund und verdiente seinen Lebensunterhalt von 1978 an zunächst acht Jahre als Fensterputzer in Prag und dann als Archivar bei einer Bank.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde er am 14. Januar 1990 Bischof des Bistums Budweis. Papst Johannes Paul II . ernannte ihn nach dem Tod des Prager Erzbischofs František Tomášek am 1991 zu dessen Nachfolger. Im gleichen Jahr wählte ihn die Tschechische Bischofskonferenz zu ihrem Vorsitzenden. 1994 wurde er zum Kardinal kreiert. Als er im Jahr 2007 75 Jahre alt wurde und somit die Zeit für den alterbedingten Ruhestand gekommen war, bat Papst Benedikt XVI. ihn, noch zwei weitere Jahre lang im Amt zu bleiben.

Kardinal Vlk beschrieb die Kirche vor der Wende als Hort der intellektuellen Auseinandersetzung. Dankbar sei er Deutschland und namentlich dem Benno-Verlag in Leipzig dafür, mit theologischer Literatur versorgt worden zu sein.

Wie der Kardinal erklärte, sei das ursprüngliche Ansinnen des kommunistischen Staates, die Kirche in den Untergrund zu drängen, zugunsten der Strategie aufgegeben worden, mit der Kirche „zusammenzuarbeiten". Dies sei die Geburtsstunde der Friedenspriester und der vom Staat eingesetzten Bischöfe gewesen.

Gegenwärtig erlebe die Kirche von Tschechien, dass die alten kommunistischen Kräfte noch sehr aktiv seien. So habe der Kampf der Kirche um Restitution des enteigneten Kircheneigentums bis heute keine Früchte getragen. Der Kirchenbesitz belaufe sich auf einen Wert von rund 86 Milliarden Euro. Der Vorschlag, die Immobilien dem Staat zu überlassen und eine gewisse Entschädigungszahlung zu verlangen, sei erst letztens wieder zurückgewiesen worden. Unter dem Vorsitz eines kommunistischen Richters sei vor kurzen vom obersten Gericht festgelegt worden, dass die Regierung den Veiths-Dom verstaatliche müsse – aber ohne Zahlung einer Entschädigung.

Um ein Schlaglicht auf die Werteordnung in der tschechischen Gesellschaft zu werfen, berichtete der Prager Erzbischof anschließend vom Verhalten der Parlamentsabgeordneten, das ihn veranlasst habe, auf seiner Homepage die Forderung zu veröffentlichen, man solle doch die Fernsehübertragungen aus dem Parlament einstellen, da den jungen Menschen ein schlechtes Beispiel gegeben würde.

Angesprochen auf den Umgang mit den Priestern, die als Spitzel tätig waren, erklärte Kardinal Vlk, dass nach der Wende rund zehn Prozent seinem Aufruf gefolgt seien, um mit ihm über die Zusammenarbeit mit den Kommunisten zu sprechen.

Er schilderte ein bewegendes Beispiel, das zeigte, wie stark der Druck war, mit dem einzelne Priester zur Zusammenarbeit gezwungen worden waren. Man solle, so schloss der Kardinal, aber auch nicht vergessen, dass viele Priester in der Verfolgung standhaft geblieben waren.

Mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft steht das Erzbistum Prag gerade vor einer diözesanen Synode, auf der die Fragen der Verkündigung und des kirchlichen Lebens reflektiert werden sollen. Kardinal Vlk setzt darauf, dass sich im Dialog mit der Basis seines Bistums Wege öffnen werden, um auf die aktuellen Erfordernisse besser zu antworten. Dass dieser Weg der richtige sei, beweise unter anderem die steigende Zahl der Taufbewerber, fügte er hinzu.

Auch wenn die kirchliche Stimme in den Medien noch wenig präsent sei, nehme er immerhin mit Interesse wahr, dass in manchen Medien zumindest kritische Stimmen vor allem der jungen Generation zu kirchlichen Fragen veröffentlicht würden.

So mancher der anwesenden Publizisten staunte, als der Gast aus Prag schilderte, dass er solche kritischen Beitrage sorgfältig sammle und sie zusammen mit seiner Antwort auf seiner persönlichen Homepage zu veröffentlichen.

Angesichts eines solchen Engagements kann man kaum glauben, dass sich der 77-Jährige bald einen Nachfolger auf dem Bischofssitz des heiligen Veith wünscht, der kräftiger sei als er und die Auseinandersetzungen vor allem mit dem Staat weiterführen könne. Sollte es so kommen, so darf man sicher sein, dass sich Kardinal Vlk wie damals im Untergrund auch im Ruhestand nicht davon abbringen lassen wird, ein Zeitgenosse Gottes zu sein.

Von Angela Reddemann