Kardinal Montini, Rolf Hochhuth und das Konklave

Dass nicht die eigene Person, sondern stets die anderer im Fokus zu stehen hat, bewies ein Kardinal und späterer Papst an der Schwelle eines Konklave

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Ulrich Nersinger | 1314 klicks

Giovanni Battista Montini, der Erzbischof von Mailand, galt schon nach dem Tode Pius’ XII. (1958) als ein aussichtsreicher Kandidat für den Stuhl Petri. Doch der Oberhirte der norditalienischen Diözese besaß noch nicht den Kardinalspurpur. Zwar hätte er dennoch gewählt werden können, aber ein solcher Schritt war damals wie heute ein rein theoretischer. Von Papst Johannes XXIII. bereits am 15. Dezember 1958 in den Senat der Kirche berufen, standen für ihn im Konklave des Jahres 1963 die Chancen sehr gut, neues geistliches Oberhaupt der Katholiken in aller Welt zu werden. Die Tage vor dem Einzug in die Papstwahlversammlung verbrachte der „Papabile“ nicht im Kreisen um seine Person, sondern in der Verteidigung eines Mannes, dessen Andenken in dieser Zeit der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth in den Schmutz gezogen hatte.

1963 hatte Erwin Piscator in Berlin Rolf Hochhuths Stück „Der Stellverteter“ auf die Bühne gebracht. Die Uraufführung des Pius XII. verunglimpfenden Dramas führte international zu einer heftig geführten kontoversen Diskussion. Die in London erscheinende katholische Wochenzeitschrift „The Tablet“ verteidigte den Pontifex und erhielt unerwartet hohen Beistand. An der Schwelle zum Eintritt ins Konklave schrieb Kardinal Giovanni Battista Montini einen Brief an den Chefredakteur des Blattes. Dieser traf in der Redaktion des „Tablet“ am Freitag, den 21. Juni 1963, ein, eine Stunde nach der Wahl des Briefeschreibers zum Papst. Das Schreiben wurde am 29. Juni vom „Tablet“ in englischer Sprache abgedruckt um am gleichen Tag vom „Osservatore Romano“ im italienischen Original.

Gegenüber dem Chefredakteur der Zeitschrift erklärte der Erzbischof von Mailand: „Ich halte es für meine Pflicht, zur klaren und ehrenhaften Beurteilung der geschichtlichen Realität beizutragen, die von der Pseudo-Realität des Dramas so sehr entstellt wurde, indem ich betone, dass die Gestalt Pius’ XII. wie sie im Schauspiel ‚Der Stellvertreter’ erscheint, nicht seine wahre Größe trifft, sondern sie entstellt. Ich kann das sagen, denn ich hatte das große Glück, ihm während seines Pontifikates tagtäglich nahe zu sein und ihm zu dienen, ja schon vorher ab 1937, als er noch Kardinalsaatssekretär war, und bis zum Jahre 1954 – mithin also während der gesamten Dauer des Zweiten Weltkrieges.“

Kardinal Montini betonte, er habe die Gelegenheit gehabt, „das Denken, ja die große Seele dieses großen Papstes kennenzulernen“ und konstatierte: „Das Bild, das Hochhuth von Pius XII. zeichnet, ist falsch. Es ist beispielsweise absolut nicht war, dass er furchtsam war. Das war er weder aus Veranlagung, noch aus dem Bewusstsein seiner Stellung und Sendung. Ich könnte dafür eine Reihe von Einzelheiten zitieren, die beweisen, dass sich unter der zarten und vornehmem Gestalt, hinter dem immer gewählten und gemäßigten Sprachgebrauch eine edle und mannhafte Art verbarg, besser gesagt: zum Durchschein kam, die zu Positionen großer Stärke und zu unerschrockenem Wagnis fähig war. Es ist nicht wahr, dass er unempfindlich und isoliert gewesen sei. Er hatte vielmehr einen sehr feinen und einen sehr empfindsamen Charakter.“

Kardinal Montini fuhr fort: „Ebenso entspricht die Behauptung nicht der Wahrheit, Pius XII. habe sich von einem opportunistischen Kalkül zeitlicher Politik leiten lassen. Und ferner ist es auch eine Verleumdung, ihm und seinem Pontifikat irgendein Motiv wirtschaftlichen Nutzens unterstellen zu wollen. Warum Pius XII. gegenüber Hitler nicht eine Position violenten Konfliktes eingenommen hat, um so Millionen von Juden vor der nazistischen Vernichtung zu retten, ist für jeden leicht verständlich, der nicht den Fehler Hochhuths begeht und die Möglichkeiten einer wirksamen und verantwortlichen Aktion während jener schrecklichen Zeit des Krieges und der nazistischen Vorherrschaft nach dem beurteilt, was in normalen Zeiten möglich ist oder besser gesagt: was unter den von der Fantasie eines jungen Theatermachers frei erfundenen und hypothetischen Umständen möglich wäre.

Er wirft dem Papst vor, nicht verurteilt und protestiert zu haben. Eine solche Haltung wäre nicht nur unnütz, sondern auch gefährlich gewesen. Das ist die Wahrheit! Die ‚Stellvertreter’-These geht auf der Suche nach darstellerischer Faszination von ungenügender psychologischer, politischer und historischer Durchdringung der Wirklichkeit aus. Hätte Pius XII. das getan, was ihm Hochhuth vorwirft nicht getan zu haben, wäre es zu solchen Repressalien und Ruinen gekommen, dass derselbe Hochhuth nach Kriegsende mit besserer historischer, politischer und moralischer Bewertung ein anderes Drama hätte schreiben können, ein viel realistischeres und interessanteres als jenes von ihm so brav und unglücklich in Szene gesetzte – nämlich das Drama des Stellvertreters, der aus politischen Exhibitionismus oder aus psychologischem Versehen die Schuld hätte, über die schon so sehr gequälte Welt noch größeres Unheil heraufbeschworen zu haben, nicht so sehr zu seinem eigenen als zum Schaden unzähliger unschuldiger Opfer.

Mit solchen Argumenten und mit historischen Persönlichkeiten, die wir kennen, scherzt man nicht mit der schöpferischen Fantasie des Theatermachers, der es an geschichtlichen Unterscheidungsvermögen und, Gott verhüte es, an menschlischer Ehrenhaftigkeit mangelt. Denn sonst wäre in diesem Fall das Drama ein anderes.“ Der Mailänder Erzbischof schloss seinen Brief mit den Worten: „Pius XII. kommt in jedem Fall der Verdienst zu, ein Stellvertreter Christi gewesen zu sein, der seine Sendung im Rahmen seiner Möglichkeiten mutig und vollkommen zu erfüllen suchte. Fragt sich nur, ob ein so ungerechtes Schauspiel der Kultur und der Kunst zum Verdienst gereicht?“