Kardinal Newman, der Gründer des Oratoriums in England

Von P. Paul Bernhard Wodrazka C.O.

| 2940 klicks

ROM, 20. August 2009 (ZENIT.org).- Was fällt dem Beobachter zunächst auf, wenn er das Zimmer John Henry Newmans (1801-1890) im Oratorium von Birmingham betritt? Wohl die ganz und gar neuzeitliche, nicht wirklich zum übrigen Stil des Raumes passende Gaslampe auf dem Schreibtisch. Niemand geringerer als der liberale britische Premierminister William Ewart Gladstone hatte sie seinem Freund, dem englischen Oratorianer Newman, der im kommenden Jahr zur Ehre der Altäre erhoben werden wird, geschenkt. Und dieser, wiewohl er bisher seine Schriften am Sekretär stehend unter Kerzenlicht abgefasst hatte, umgeben von seiner gewaltigen Bibliothek, in die Newmans Arbeitszimmer quasi hineingebaut worden war, machte fortan Gebrauch von der damals aufsehenerregenden technischen Neuerung.

In der anderen Hälfte seines Zimmers hatte er – nach seiner Ernennung zum Kardinal der Heiligen Römischen Kirche – hinter einer kleinen Trennwand einen Altar mit Baldachin errichten lassen. Dies ermöglichte ihm ein Leben, Schreiben und Beten in der Gegenwart Gottes. Das Altarbild des heiligen Oratorianers Franz von Sales (1567-1622), des Patrons der katholischen Schriftsteller, ist nicht zu übersehen; und überall finden sich Erinnerungen an Personen, die ihre Lebensreise schon beendet hatten und derer er während der heiligen Messe gedachte.

Bei all den großen philosophischen, theologischen, katechetischen, bildungspädagogischen und seelsorglichen Leistungen John Henry Newmans wird oft übersehen, dass dieser von ganzem Herzen und mit dem größten Teil seiner Tätigkeit Oratorianer (Gründer der englischen Oratorien, Präpositus des Oratoriums von Birmingham) war. Auch die vollständige Ausgabe seiner Briefe und Tagebuchaufzeichnungen (32 Bände) zeigt, in welch einem weiten Umfang seine Gedanken und Tätigkeiten sich auf sein geliebtes Oratorium beziehen. Im Folgenden soll daher Newmans Weg zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1515-1595) in groben Zügen nachgezeichnet werden.

Schon vor seiner Konversion (1845) führte der führende Kopf der Oxfordbewegung mit seinen Freunden von der Universität einige Jahre eine ordensähnliche Art der „vita communis“, die man auch nach der Konversion beibehalten wollte. Bei der Suche nach einer geeigneten Form erwies sich Nicholas Wiseman (1802-1862), der damalige Bischofskoadjutor in Birmingham und spätere Erzbischof von Westminster, als große Hilfe. Er brachte den Konvertiten großes Vertrauen entgegen, bestärkte Newman, sich zum römisch-katholischen Priester weihen zu lassen, und bot ihm und seinen Gefährten das ehemalige Haus des Priesterseminars in der Nähe von Birmingham an. Dankbar nahm Newman dieses Angebot an und übersiedelte im Februar 1846 mit seinen Gefährten nach Maryvale.

Nicholas Wiseman hatte die Bedeutung der Gemeinschaft rund um Newman erkannt, und er war auch der erste, der Newman den Vorschlag einer Oratoriumsgründung ans Herz legte. Wiseman hatte das Römische Oratorium kennengelernt, als er Regens des berühmten Englischen Kollegs in Rom war. Damals schloss er sich als Bruder dem Kleinen Oratorium an und versprach dem hl. Filippo Neri, „sein schönes Institut in England einzuführen“ (vgl. The Letters and Diaries of John Henry Newman, Band XII, London 1962, p. 20, Fußnote 1). Diese Idee war bereits in Littlemore ernsthaft erwogen worden, und Newman hatte sich auch schon mit den „Regeln des hl. Philipp“ vertraut gemacht. Dennoch gab es einige Bedenken gegen diese Wahl, so dass auch andere Konstitutionen (wie z. B. jene der Jesuiten, der Redemptoristen oder der Passionisten) geprüft und von einzelnen erprobt wurden.

1846 gingen John Henry Newman und sein bester Freund, Ambrose St. John (1815-1875), nach Rom, um dort mehr Klarheit über die Zukunft der Gemeinschaft zu erlangen. Beide begannen mit dem Studium der katholischen Theologie in der Ewigen Stadt, wo sie auf persönliche Einladung des gerade neugewählten Papstes Pius IX. im Collegio di Propaganda Fide ein Zimmer erhielten. Zum ersten Mal gelang es ihnen, in direkten Kontakt mit dem Römischen Oratorium des heiligen Philipp Neri zu treten und das Grab des zweiten Apostels von Rom zu besuchen.

Pater Augustin Theiner (1804-1874) om Römischen Oratorium , der bekannte Kirchenhistoriker und Präfekt der Bibliothek der Heiligen Römischen Kirche, feierte mit ihnen und für sie in dem kleinen Zimmer, in dem Filippo Neri selbst gelebt und sich eine kleine Kapelle eingerichtet hatte, die heilige Messe. Allmählich erschien eine oratorianische Berufung für ihre kleine Gemeinschaft immer geeigneter, nicht zuletzt auch wegen der freundschaftlichen Offenheit, die Theiner Newman entgegenbrachte.

Im Januar 1847 studierte Newman neuerlich die Regeln des Oratoriums und gewann dabei große Klarheit. Die entscheidende Frage war, ob Newman und seine Gefährten die Berufung zum Weltpriestertum in Gemeinschaft (ohne Gelübde, Versprechen etc.) mit „stabilitas loci“ verspürten. Newman schrieb diesbezüglich an alle Freunde und Gefährten, an die er in Bezug auf das Oratorium zu zählen glaubte, und begann gleichzeitig an der Abfassung eines Memorandums für den Präfekten der Propaganda Fide-Kongregation zu arbeiten. Er bat darin um die Errichtung eines Hauses in Birmingham, um die Erlaubnis, auch in anderen Städten der Insel Oratorien zu errichten, um die Privilegien, die die Päpste dem Römischen Oratorium gewährt hatten, sowie um eine Anpassung der Konstitutionen an die veränderten Verhältnisse in England. Pius IX. erlaubte im März nicht nur die Gründung der Kongregation, sondern regte auch an, dass Newman und seine Freunde nach Rom kommen sollten, wo sie alle gemeinsam eine Art Noviziat unter einem Oratorianerpater machen könnten, um danach nach England zurückzukehren.

Schon im April kamen John Dobrée Dalgairns, Robert Coffin, Frederick Bowles, Richard Stanton und William Penny nach Rom, um mit Newman und St. John ihr Noviziat in der Zisterzienserabtei Santa Croce in Gerusalemme zu beginnen. Am Dreifaltigkeitssonntag wurden Newman und St. John durch Kardinal Giacomo Filippo Fransoni (1775-1856) in der Kapelle des Collegio di Propaganda Fide zu Priestern der katholischen Kirche geweiht. Alle sieben Männer begannen Ende Juni das für vier Monate veranschlagte Noviziat, das nicht nur aufgrund der Dauer ein ungewöhnliches Noviziat war (das reguläre oratorianische Noviziat dauert bis heute drei Jahre). Pater Carlo Rossi (1802-1883) aus dem Römischen Oratorium führte nach der Einkleidung (5. Juli 1847) die eifrigen Novizen in die Regeln, Bräuche und Übungen der Kongregation des Oratoriums ein. Der Papst ließ es sich nicht nehmen, sie im August persönlich zu besuchen. Nach der Priesterweihe von Richard Stanton unternahmen Newman und St. John eine kleine Reise nach Neapel, wo sie ein blühendes Oratorium mit ungefähr vierzig Mitgliedern vorfanden und deren Bräuche und Übungen genau studieren konnten.

Als Newman im Dezember Rom verließ, nahm er das Breve des Papstes mit, durch das das Englische Oratorium offiziell errichtet wurde. Newman, der gleichzeitig auch zum ersten Präpositus (= Superior des Oratoriums, der alle drei Jahre von den Mitgliedern des Hauses neu gewählt wird) ernannt wurde, hatte man auch zugestanden, sich aus seinen Gefährten vier Deputierte auszuwählen. Diese vier Priester sollten ihm bei der Leitung der Kongregation zur Seite stehen, wie es in den Konstitutionen des Oratoriums vorgesehen ist. Weiters wurde bestimmt, dass die Kongregation ihren Sitz in Birmingham hat und von dort aus weitere Oratorien in ganz England gründen kann, was auch schon ein paar Tage nach der kanonischen Errichtung mit Hilfe von P. Frederick William Faber (1814-1863) und seinen Gefährten (den so genannten „Wilfridianern“) in London gelang. Bevor Newman die Rückreise antreten konnte, gab ihm der Heilige Vater den Reliquienschrein des hl. Valentin, einen vollkommenen Ablass für den Altar der Gemeinschaft in Maryvale und 600 Scudi von der Propaganda mit ins Gepäck.

St. John und Newman legten den weiten Weg über Loreto und Deutschland zurück, so dass sie am Christtag in London ankamen, wo Newman seine erste heilige Messe auf der Insel feierte. Schließlich konnte das Oratorium am Fest Mariä Lichtmess (2. Februar 1848) offiziell kanonisch errichtet werden. Die neue Kongregation wurde wie das Oratorium insgesamt unter den besonderen Schutz Mariens gestellt. Während der feierlichen Vesper am Abend des Festes erhielten weitere fünf Patres, ein Novize und drei Laienbrüder den „filippinischen Talar“.

Mit Newman verbindet man bis heute das Ideal des christlichen Gentlemen, das er sowohl in „the Idea of a University“ als auch in seinen „Remarks on the Oratorian vocation” grundgelegt hat. Newman definierte demnach das Ideal des Oratorianers in einem heiligmäßigen gentleman, weshalb bis heute eine erwünschte Eigenschaft des Oratorianers die so genannte „gentlemanlikeness“ ist. Newman versteht darunter ein zartes Taktgefühl, ein herzliches aber nicht aufdringliches Auftreten, ein feines Gespür für den Nächsten usw. (vgl. Newman, J. H.: Bemerkungen zur oratorianischen Berufung, in: Wodrazka, P. B. [Hrsg.]: Philipp Neri, ..., Bonn 2008, p. 236).

Die Entwicklung in der Idee des Oratoriums durch Newman liegt in seinem neu gesetzten Akzent in Hinblick auf die intellektuelle Beschäftigung und das intellektuelle Apostolat im Oratorium. Auch Papst Pius IX. hat das neugegründete Oratorium nachdrücklich zur Sorge für die Gebildeten („upper classes“) ermutigt, eine Tätigkeit, die nicht ohne Studium und Publikationen zu erfüllen ist. An dieser Stelle muss aber festgehalten werden, dass die wissenschaftliche Tätigkeit im Oratorium von Anfang an einen wichtigen Platz eingenommen hat, beginnend bei Pater Cesare Baronio über die Patres Tommaso Bozio, Antonio Gallonio, bis hin zu den Oratorianern Augustin Theiner, Generoso Calenzio, Carlo Gasbarri, Antonio Cistellini sowie viele andere mehr. So kann man sagen, dass John Henry Newman vor allem herausgestrichen hat, dass in der oratorianischen Berufung intellektuelle Beschäftigungen einen wichtigen Platz einnehmen und darum das Oratorium auch eine besondere Aufgabe an den Gebildeten erfüllen muss.

Der Gründer des Oratoriums in England erwies sich als wirklicher Sohn des heiligen Philipp, indem er seiner Kongregation bis zum Tod die Treue hielt. Im Mai 1879 wurde Newman von Papst Leo XIII., dem „Pontefice del Rosario“, zum Kardinal ernannt. Bezeichnend sind bis heute die Worte, mit denen der designierte Purpurträger den Papst um einen Gefallen bat: „Dreißig Jahre lang habe ich nun in nidulo meo gelebt, in meinem vielgeliebten Oratorium, geborgen und glücklich, und möchte darum Seine Heiligkeit bitten, mich nicht vom heiligen Philipp, meinem Vater und Schutzherrn, zu trennen. Bei der Liebe und Verehrung, mit der eine lange Reihe Päpste den heiligen Philipp gefeiert und ihm vertraut haben, bitte und ersuche ich Seine Heiligkeit, …, mich sterben zu lassen, wo ich so lange gelebt habe.“ (Briefe und Tagebuchaufzeichnungen aus der katholischen Zeit seines Lebens, Mainz 1957, pp. 668 f.). Der Heilige Vater gewährte gerne „il mio cardinale“ – wie er Newman einst liebevoll nannte – diese Bitte, und so konnte dieser im Kreis seiner Mitbrüder in seinem geliebten Oratorium sein Leben in die Hände Gottes zurücklegen.

Weiterführende Literatur:

Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), John Henry Newman, Oratorianer und Kardinal. Ein großer Lehrer der Kirche. Mit ausgewählten Quellen oratorianischen Lebens. Bonn, nova et vetera 2009, ISBN: 978-3-936741-18-6. Das Buch ist direkt über den Verlag bzw. in jeder Buchhandlung erhältlich.

[Teil 1 dieser Artikel-Reihe zur Vorbereitung auf die Seligsprechung von Kardinal Newman erschien am 18. August, Teil 3 wird ZENIT am Dienstag, dem 25. August, veröffentlichen]