Kardinal Newman, ein großer Freund der Wahrheit

Von Ulrike Wick-Alda und P. Paul Bernhard Wodrazka C.O.

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ROM, 1. September 2009 (ZENIT.org).- Der bekannte Konvertit, Theologe und Oratorianer John Henry Kardinal Newman (1801-1890), der im kommenden Jahr selig gesprochen werden wird, spricht nicht nur durch seine vielfältigen, brillanten Schriften zu uns, sondern auch durch den inneren Weg seiner Konversion. Newmans Theologie ist keine Schultheologie im herkömmlichen Sinn. Seine Originalität besteht in der Kunst genauester Beobachtung und Analyse. Seine Begriffsbildung beruht auf einer unvoreingenommenen Wahrnehmung der realen Phänomene. Bei der Vielseitigkeit und Differenziertheit seiner Beobachtungen kommt ihm seine für damalige Zeit beeindruckende Kenntnis der profanen und kirchlichen Schriftsteller der Antike und des Mittelalters zu Gute.



John Henry Newmans langes Leben war stets geprägt von einer bedingungslosen Suche nach Wahrheit: „Mein Verlangen ging dahin, die Wahrheit zu meinem festesten Freund zu haben und keinen anderen Feind als den Irrtum“ („The Via Media“, London 1911, Band 1, p. XII-XIII). Auch in Zeiten der Trübsal, der Schwierigkeiten und des Leidens blieb er zuversichtlich in dem Wissen, dass die Zeit immer für die Wahrheit arbeitet. „Führ‘, freundliches Licht, inmitten der umgebenden Düsternis, führ Du mich an“, schrieb Newman in „The Pillar of the Cloud“ („Verses on Various Occasions“, London 1903, p. 156). Für ihn war Christus das Licht, das das Herz des suchenden Menschen (ganz im Sinne des inneren Lehrers bei Augustinus) führt. Markant ist auch die Inschrift seiner Gedenkplatte, die er für seinen Heimgang wählte: „Ex umbris et imaginibus in veritatem“ („Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit“). Es war ihm daran gelegen, dass dieser Satz später nicht skeptizistisch oder resignativ missverstanden würde, bezeichnet er doch den Weg, den der Mensch unter kategorialen Bedingungen erkenntnistheoretisch zu gehen hat.

Wie kein anderer bezeugte er durch seine ganze Existenz, was es heißt, sich nicht mit Teilantworten zu begnügen, die intellektuelle Redlichkeit und den moralischen Mut zu besitzen, dem Licht der Wahrheit, das sich zeigt, zu folgen und das als wahr Erkannte anzunehmen. Dabei schreckte er weder vor persönlichen Opfern zurück, noch war er bereit, Kompromisse einzugehen. Newman war sich der Bedeutung des Gewissens auf diesem Weg in nachdrücklicher Weise bewusst.

Seine Lehre über das Gewissen ist wie seine Lehre im Ganzen subtil und ganzheitlich. Er geht von der Grundannahme aus, dass das Gewissen nicht einfach ein Sinn für Richtigkeit, Selbstachtung oder guten Geschmack ist, geformt durch die allgemeine Kultur, die Erziehung und das soziale Umfeld. Es ist vielmehr das Echo der Stimme Gottes im Herzen des Menschen, der Puls des göttlichen Gesetzes, der in jedem Menschen schlägt und den Maßstab für richtig und falsch angibt. Es ist nach Newman das innere Licht, das den Menschen in Kontakt mit der Realität des persönlichen Gottes bringt.

In einer Erzählung, in die er seinen geistlichen Weg literarisch verpackt hat, schrieb Newman: „Meine Natur empfindet die Stimme des Gewis¬sens als die einer Person - gehorche ich ihr, empfinde ich Befriedigung; gehorche ich nicht, empfinde ich Unbehagen - gleich dem, das ich empfinde, wenn ich einen verehrten Freund erfreue oder beleidige Zum Echo gehört eine Stimme, zu einer Stimme der Sprecher: und diesen Sprecher liebe und verehre ich“ („Callista, a Tale of the Third Century“, London 1910, pp. 314-315). Nach Kardinal Newman bringt der religiöse Gehorsam gegen¬über seiner inneren Stimme den Menschen sogar zum Ausschauen nach einer göttlichen Offenbarung, führt ihn von Licht zu Licht und schließlich zum Glauben an Christus: „Gehorsam gegenüber dem Gewissen führt zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium, das keineswegs etwas ganz anderes ist, sondern die Erfüllung und Vervollkommnung jener Reli¬gion, die schon das natürliche Gewissen lehrt“ („Parochial and Plain Sermons“, VIII, London 1908, p. 202).

Nach dem großen Lehrer der Kirche ist das Gewissen in seiner informativen und normierenden wie in seiner richterlichen und sanktionierenden Funktion das Organ des Glaubens. Im Gewissen erfasst die menschliche Person Gott als unbedingte, absolute, personale, den Menschen in Anspruch nehmende Realität. Das Gewissen fungiert ferner als „natürlicher“ Folgerungssinn in Sachen des Glaubens und der Religion. Es sam¬melt die verschiedenen Motive der Glaubwürdigkeit des Glaubens: aus dem Gewissen selbst, aus dem Lauf der Welt, aus der Erfahrung der Geschichte und der Menschheit, und führt sie zu einer Konver¬genz, die eine reale Zustimmung im Sinn des Glaubens und der ihm innewohnenden Gewissheit gewährt, die den Glauben verantwort¬bar macht. Ähnlich verfährt Newman bei der Begründung der christlichen Offenbarung. Ohne Gewissen bleiben nach Newman alle Argu¬mente religiös unfruchtbar: „Wäre es nicht diese Stimme, die so deutlich in meinem Herzen spricht, ich würde bei der Betrachtung der Welt zum Atheisten, Pantheisten oder Polytheisten. Ich rede hier nur von mir selbst; es liegt mir fern, die wirkliche Kraft der Beweisgründe für die Existenz Gottes zu leugnen..., aber sie erwärmen und erleuchten mich nicht“ („Apologia pro vita sua“, Mainz 1951, pp. 278-279).

Eines der bleibenden Verdienste Kardinal Newmans ist sein Ringen um die Klarstellung des Prinzips, dass die geoffenbarte Religion mit ihrem Gehalt an Lehre und Moral Träger objektiver Wahrheiten ist, die mit Si¬cherheit erkannt und leicht und mit Freude bejaht werden können (vgl. II. Vatikanisches Konzil, DV, 5). Nicht viele arbeiteten das volle Recht des Gewissens so heraus wie er; wenige Theologen argumentierten so überzeugend für seine Autorität und Freiheit. Doch gestatte er nicht, dass seine Lehre durch Subjektivismus oder Relativismus abgeschwächt wurde. Daher beharrte er darauf, dass das Gewissen, obwohl es vor jeder Ausbildung im Herzen des Menschen vorhanden ist, dem Christen doch die Pflicht auferlegt, es auf dem Boden moralischer und religiöser Dignität zu informieren und zu bilden, um es zur Reife und Vollkommenheit zu führen. Sich selbst überlassen, kann das Gewissen ein Gegenbild seiner eigenen heiligen Macht werden, wenn es unter subjektiver Überfrachtung, die die Verkümmerung des Urteils einer menschlichen Person nach sich zieht, leidet (oder durch autoritative Überlagerung gelähmt wird). Newman fasst dies in folgende Worte, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben: „Das Gewissen besitzt seine Rechte, weil es seine Pflichten hat“ („Certain Difficulties, felt by Anglicans in Catholic Teaching“, London 1910, Vol. II, p. 250).

Wenn Newman immer wieder mit dem bekannten Trinkspruch zitiert wird: „... zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst!“ („Polemische Schriften“, Mainz 1959, p. 171), so ist hier mitzuhören, dass das Gewissen selbst nicht ein einfaches Meinen, ein beliebiges Entscheiden bedeutet. Newman hat es unter eine strenge Selbstverpflichtung gestellt.

Newman bemühte sich bis zu seinem Lebensende seine eigenen „Lehren“ zu leben, das heißt die Wahrheit zu suchen, sowie auf sein Gewissen zu hören und es auch nicht zu vernachlässigen; es stets zu bilden. Dem Abschluss seines irdischen Lebens schon nahe, konnte der betagte Kardinal festhalten: „Seit dem Tag, an dem ich katholisch wurde, bis auf den heutigen Tag – das sind nunmehr fast 30 Jahre – hatte ich auch nicht für einen einzigen Augenblick einen Zweifel, dass die Gemeinschaft von Rom jene Kirche ist, welche die Apostel gegründet haben … Seit 1845 schwankte ich auch niemals in meiner Überzeugung, dass es meine Pflicht war, zur katholischen Kirche überzutreten, wie ich es tat, weil ich mir im Gewissen bewusst geworden war, dass sie von Gott ist.“ („The Letters and Diaries of John Henry Newman“, Band XXVII, London 1975, p. 334).

Kardinal Henry Edward Manning (1808-1892) würdigte Person und Werk John Henry Newmans (1801-1890) anlässlich der Gedächtnisfeier seines Todes am 11. August 1890 mit folgenden Worten: „John Henry Newman war Ungezählten ein Bringer des geistigen Lebens, ein geistlicher Führer, Vater und Freund. Er hat die ewigen Wahrheiten im Transparent der Schönheit dargestellt.“ Diese Worte sind umso bemerkenswerter, als zwischen beiden Purpurträgern ein sehr gespanntes Verhältnis bestand. John Henry Newman kann daher nicht nur zu Recht als „großer Freund der Wahrheit“, sondern viel mehr noch als „Lehrer zur Wahrheit“ bezeichnet werden.

Weiterführende Literatur:

Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), John Henry Newman, Oratorianer und Kardinal. Ein großer Lehrer der Kirche. Mit ausgewählten Quellen oratorianischen Lebens. Bonn, nova et vetera 2009, ISBN: 978-3-936741-18-6. Das Buch ist direkt über den Verlag bzw. in jeder Buchhandlung erhältlich.

[Teil 1 dieser Artikel-Reihe zur Vorbereitung auf die Seligsprechung von Kardinal Newman erschien am 18., Teil 2 am 20. und Teil 3 am 25. August].