Kardinal Newman, ein großer Rosenkranzbeter und Lehrer des Gebetes

Von P. Paul Bernhard Wodrazka C.O.

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ROM, 25. August 2009 (ZENIT.org).- Kardinal John Henry Newmans große Verehrung für die Gottesmutter Maria ist allgemein bekannt. Dies wird nicht nur in seinen einzigartigen Betrachtungen über die Lauretanische Litanei für den Monat Mai, deren Originalität und Tiefe bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben, sichtbar (vgl. Betrachtungen und Gebete, München 1952, pp. 241-304).



Jean Guitton hat Newman, der im kommenden Jahr selig gesprochen werden wird, den „Doctor marianus“ des 19. Jahrhunderts genannt. Schon als junger Anglikaner verehrte Newman die Mutter unseres Erlösers, und es war der Rosenkranz, der sein ganzes Leben umschlossen hat. Er selbst darf während seiner gemeinsamen Tage in Littlemore voll Erstaunen feststellen, dass dieses Symbol der katholischen Marienverehrung schon am Anfang seines Lebens gestanden hat. Bereits als zehnjähriger Bub zeichnete er in sein Heft den Rosenkranz.

Newman selbst schreibt darüber in der „Apologia pro vita sua“: „Als ich in Littlemore war, musterte ich einmal meine alten Schulhefte durch und entdeckte unter ihnen mein erstes lateinisches Versebuch. Auf der ersten Seite stieß ich auf eine Zeichnung, bei deren Anblick mir vor Überraschung fast der Atem stockte. Das Heft liegt vor mir, und ich habe es soeben auch anderen gezeigt. Auf dem ersten Blatt steht in meiner Schülerhandschrift: ‚John H. Newman, den 11. Februar 1811, Verse-Buch‘; dann kommen meine ersten Verse. Zwischen ‚Verse‘ und ‚Buch‘ habe ich ein großes, gerades Kreuz gezeichnet und daneben etwas, was man sehr wohl für eine Halskette halten könnte, doch kann ich es für nichts anderes als einen Rosenkranz mit einem kleinen Kreuz ansehen. Ich war damals noch nicht zehn Jahre alt. Wahrscheinlich hat mich ein Roman … auf diesen Gedanken gebracht; auch ein religiöses Gemälde kann es gewesen sein. Das Merkwürdige aber ist, wie unter den tausend Dingen, die einem Knaben vor Augen kommen, gerade dies so fest in meinem Gedächtnis blieb, dass ich weder in den Kirchen, die ich besuchte, noch aus meinen Gebetbüchern dazu angeregt wurde. Man muss berücksichtigen, dass die anglikanischen Kirchen und Gebetbücher damals keinerlei Schmuck hatten, wie es wohl heute der Fall ist.“ (Apologia pro vita sua, Mainz 1951, pp. 20 f.).

Natürlich konnte Newman vor seiner Konversion die römisch-katholische Lehre von der Anrufung der Heiligen nicht gutheißen, aber er anerkannte die Jungfrau Maria als mächtige Fürsprecherin und sah in ihr ein Vorbild des Glaubens. Er stimmt der Lehre des Glaubensbekenntnisses zu, in dem Maria „Jungfrau“ und „Mutter Gottes“ genannt wird: Die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit wurde Mensch und hat eine menschliche Mutter. Die Lehre von der Jungfrauschaft Mariens ist nicht nur eine unmittelbare Folge des Geheimnisses der Inkarnation, sondern sie führt auch immer zu diesem zurück. Aus diesem Grund hat Newman auch keine Schwierigkeiten, sie als die unbefleckt Empfangene zu betrachten. Die Lehre der Menschwerdung führt ihn notwendig zur Lehre über Maria, die aber nicht ohne Einfluss auf den konkreten Lebensvollzug bleibt.

Am 25. März 1831 hält er seine erste Predigt über „die der Jungfrau gebührende Verehrung“, und genau ein Jahr darauf spricht er in einer Weise über „die Maria geschuldete Ehre“, dass ihm vorgeworfen wird, er verteidige die katholische Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens (vgl. Govaert, L.: Kardinal Newmans Mariologie …, Salzburg 1975, pp. 23-38).

Von den vielen marianischen Frömmigkeitsformen liebte Newman am meisten den Rosenkranz. Er schien ihm die einfachste, schönste und wirksamste aller privaten Andachten zu sein, von einer „besänftigenden Süße“, die sonst nirgendwo zu finden sei (vgl. Sayings of Cardinal Newman, Dublin 1976, p. 44). Sogar den Konversionsbewerbern – denen er sonst keine Frömmigkeitsübungen aufzuerlegen pflegte – empfahl er zur Vorbereitung auf das große Geschenk des Glaubens, den Rosenkranz häufig mit Andacht betrachtend zu beten. (vgl. The Letters and Diaries of John Henry Newman, Band XII, London 1962, pp. 217-218 und 263). Newman notierte sich auch lange Listen von Menschen, für die er beten wollte, und schloss diese in seine Gebete ein.

Der tägliche Rosenkranz war für Newman eine unglaubliche Hilfe, die großen dogmatischen Glaubenswahrheiten auf einfache und vertraute Weise zu betrachten. Sein eigenes geistliches Leben gründete in der Glaubenslehre. Dogma und Lehre waren ihm persönliche und wirkliche Werte, die vor allem in der Person und in der Lehre Christi aufleuchteten. Der Rosenkranz half ihm, diese Wahrheiten lebendig zu machen. Den Buben im Oscott College erklärte er, dass „die große Kraft des Rosenkranzes darin liegt, dass er das Glaubensbekenntnis zu einem Gebet macht; natürlich ist das Credo als solches schon Gebet und eine große Ehrbezeugung Gott gegenüber. Aber der Rosenkranz stellt uns die großen Wahrheiten des Lebens und Sterbens Christi vor Augen und bringt sie unserem Herzen näher. Wir betrachten so all die großen Geheimnisse seines Lebens: von seiner Geburt in der Krippe bis zu seinem Leiden und zu seinem Leben in Herrlichkeit.“ (Sayings of Cardinal Newman, Dublin 1976, pp. 44-45). Darüber hinaus ermöglicht uns der Rosenkranz, diese Geheimnisse gleichsam mit den Augen der Mutter Gottes zu betrachten; so werden sie ins Licht ihrer Mütterlichkeit gestellt und prägen sich tiefer unseren Herzen ein.

Newman liebte das Rosenkranzgebet: „Es gibt nichts, was mir mehr Freude macht“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Band XII, London 1962, p. 217). Der Rosenkranz war für ihn nicht bloß mechanische Wiederholung, sondern ein Betrachten und Verkosten der Geheimnisse des Lebens Jesu an der Hand seiner Mutter Maria. Er hat uns bedauerlicherweise nicht hinterlassen, wie er den Rosenkranz täglich gebetet hat. Der folgende Ratschlag für einen Konvertiten, den er lange begleitet hat, gibt aber höchstwahrscheinlich seine eigene Art, den Rosenkranz zu beten, wider: „Versuche es folgendermaßen: Stelle dir bei jedem Geheimnis ein Bild vor Augen und richte deinen Geist auf dieses Bild (etwa auf die Verkündigung, das Leiden usw.). Während du das ‚Vater unser’ und die zehn ‚Gegrüßet seist du Maria’ betest, denke nicht an die einzelnen Worte, sprich sie nur deutlich aus. Mach das Gebet zu einer Betrachtung. Dies wird dir vielleicht helfen, die Müdigkeit zu überwinden“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Band XII, London 1962, p. 263). Es ist evident, dass die durch das „Pater noster“ und das „Ave Maria“ genährte Kontemplation den Betenden in die Gottesbeziehung hineinzieht.

Pater Neville, der Newman während seiner letzten Lebensjahre behilflich war, zeichnet in seinen Erinnerungen das Bild des betenden Kardinals, der wegen des schwindenden Gefühls in seinen Fingern immer wieder einen neuen Rosenkranz mit noch größeren Perlen braucht. Der Anblick dieses demütigen „Freundes der Wahrheit“, der immer wieder seinen Rosenkranz in die Hand nahm und dadurch Hilfe für sein Beten und die Vereinigung mit dem Herrn fand, erinnert uns daran, den verborgenen Wert der mancherorts vergessenen Schätze wieder zu heben und zu entdecken, bevor wir sie zugunsten zweifelhafter und trügerischer Wege der Erfahrung Gottes aufgeben.

Der große Lehrer der Kirche liebte das Schlichte. Der Liebhaber des Rosenkranzes zog wahre Worte und Empfindungen allen Übertreibungen einer scheinbar ergreifenden, aber gekünstelten und nicht wahrhaftigen Sprache vor. Gegenüber einer allzu gefühlsbetonten Frömmigkeit war er wie alle Kenner des geistlichen Lebens vorsichtig und wies jene zurück, die meinten, sie müssten beim Beten ihre Gefühle stimulieren und sich in einen besonderen sentimentalen Zustand versetzen, wovor aufgrund der bekannten Täuschungsgefahren im geistlichen Leben allgemein gewarnt wird.

Berühmt ist auch die Antwort Newmans auf die Frage, was man tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen (vgl. Lk 10, 25): „Wenn du mich fragst, was du tun musst, um vollkommen zu sein, so sage ich dir: Bleibe nicht im Bett liegen, wenn es Zeit ist aufzustehen; die ersten Gedanken weihe Gott, mache einen andächtigen Besuch beim allerheiligsten Sakrament, bete fromm den Angelus, iss und trink zu Gottes Ehre, bete mit Sammlung den Rosenkranz, sei gesammelt, halte böse Gedanken fern, mache deine abendliche Betrachtung gut, erforsche täglich dein Gewissen, geh‘ zur rechten Zeit zur Ruhe – und du bist bereits vollkommen.“ (Meditations and Devotions of the Late Cardinal Newman, Westminster 1975, p. 286).

Wie viele andere Freunde Gottes kann uns John Henry Kardinal Newman Vorbild und Stütze auf dem schlichten, aber fordernden Weg der Heiligung und des täglichen Rosenkranzgebetes sein.

Weiterführende Literatur:

Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), John Henry Newman, Oratorianer und Kardinal. Ein großer Lehrer der Kirche. Mit ausgewählten Quellen oratorianischen Lebens. Bonn, nova et vetera 2009, ISBN: 978-3-936741-18-6. Das Buch ist direkt über den Verlag bzw. in jeder Buchhandlung erhältlich.

[Teil 1 dieser Artikel-Reihe zur Vorbereitung auf die Seligsprechung von Kardinal Newman erschien am 18. August, Teil 2 am Dienstag, dem 25. August]