Kardinal Nichols: "Wir sind keine Polizisten; wir helfen, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen" (Erster Teil)

Erzbischof von Westminster spricht über seine Aufgaben

Rom, (ZENIT.org) Edward Pentin | 243 klicks

Kardinal Vincent Nichols ist einer von 19 neuen Kardinälen, die von Papst Franziskus auf dem Konsistorium Ende Februar ernannt wurden. Der Erzbischof von Westminster, der zugleich auch Vorsitzender der Bischofskonferenz von England und Wales ist, gab am 26. Februar ein Interview für ZENIT, um über seine neue Rolle, seine Gedanken zu den künftigen Bischofssynoden über die Familie und über die heikle Aufgabe der Disziplinierung heterodoxer Bischöfe und Priester zu sprechen.

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Wie wird Ihre Erhebung ins Kardinalskollegium Ihre Arbeit als Erzbischof verändern?

Kardinal Nichols: Nun, das muss ich selber noch herausfinden; genau weiß ich es auch nicht. Jedenfalls ist es als Kardinal leichter, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen; dass ist das Erste, was ich gelernt habe. Und selbstverständlich gibt es zusätzliche Aufgaben für mich in Rom. Ich bin ein Mitglied der Kongregation für die Bischöfe, die sich ziemlich regelmäßig in Rom trifft, und erst kürzlich bin ich auch in die Kongregation für die Orientalischen Kirchen ernannt worden. Ich bin nicht ganz sicher, was das alles mit sich bringen wird. Wahrscheinlich werden auch in England und Wales meine Aufgaben zunehmen. Wir müssen abwarten, es wird sich zeigen.

In England und Wales sind einige Bischofssitze vakant. Haben Sie vor, nun da Sie Mitglied der Kongregation für die Bischöfe sind, eine entscheidende Rolle bei der Vergebung dieser Posten zu spielen?

Kardinal Nichols: Ich habe bisher an einer einzigen Sitzung der Kongregation teilgenommen, und es ist eine große Sitzung gewesen. Es ist nicht so, dass eine einzelne Person die Sitzung lenken oder dominieren könnte. Persönlich hat mich die Vorgehensweise der Kongregation sehr beeindruckt. Ich werde meine Rolle erfüllen, und selbstverständlich habe ich einige Dinge im Sinn, die mir recht am Herzen liegen; doch die Kongregation ist für die gesamte Weltkirche da und jeder muss in dem ihm angemessenen Rahmen bleiben.

Haben sich Ihre Pläne und Prioritäten verändert, oder werden sie sich verändern, nun da Sie Kardinal sind?

Kardinal Nichols: Das glaube ich nicht. Ich habe im Laufe der letzten beiden Jahre meine Aufmerksamkeit zunehmend drei bestimmten Dingen gewidmet. Da ist einmal der Dienst an den Armen, dem sowohl Papst Benedikt als auch Papst Franziskus Priorität gegeben haben. Papst Benedikt erklärte, unser Dienst an den Armen sei das, was dem Evangelium Glaubwürdigkeit verleihe. Das ist eine starke Aussage. Daher ist dieser Dienst wirklich prioritär, und in der Diözese entwickeln wir zur Zeit die Caritas zu einem die Pfarreien überspannenden Schirm weiter, der dazu dienen soll, den Pfarrern zu helfen, ihre Ressourcen effizienter für die Armen einzusetzen.

Das Zweite, was mich sehr beschäftigt, hat damit zu tun, dass ich in London bin: Ich will meine Arbeit mit der Welt der Wirtschaft fortsetzen, denn London ist eine Stadt des Reichtums. Wer den Armen wirklich dienen will, muss sich auch mit der Welt der Finanz und Wirtschaft auseinandersetzen. In vielen Fällen habe ich ein wirklich positives Feedback bekommen, denn viele Wirtschaftsführer wissen, dass sich ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Bevölkerung in die Wirtschaft in einer tiefen Krise befinden; deshalb sind sie bereit, ihre Strategien und Grundsätze neu zu überdenken und zu bekennen, dass eine transparente, faire Wirtschaft das bessere Geschäft ist. Daher haben wir ein Programm entwickelt, das unter dem Namen „Blueprint for a Better Business“ (Entwurf für eine bessere Wirtschaft) läuft.

Mein drittes Hauptanliegen ist das Leben der Pfarreien. Die Pfarrei ist der Ort, an dem die meisten Menschen ihren Glauben praktizieren und sich spirituell bereichern. Daraus folgt, dass die Pfarrer gut auf ihre Aufgaben vorbereitet werden müssen und dass wir als Diözese die Pfarreien in ihren alltäglichen Herausforderungen unterstützen müssen. Nehmen wir als Beispiel das Thema der beiden nächsten Synoden: Familie und Ehe. Das sind Prioritäten für jede Pfarrei, und ich denke, dass diese Zeit eine gute Gelegenheit zur Gewissensprüfung darstellt: Wie gut kommen wir in unseren Pfarreien mit diesen Themen klar?

Wenn Sie von den Armen sprechen, rechnen Sie auch die ungeborenen Kinder und die gesundheitlich Schwachen dazu, oder meinen Sie eher nur die Menschen, die materielle Armut leiden?

Kardinal Nichols: In seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ sagt der Papst sehr deutlich, dass die tragischste Form der Armut die spirituelle Armut ist – ein Mangel an jener Art zu leben, in der die geistige Dimension das ist, was wir als Reichtum empfinden und was uns ein Gefühl von Sinn gibt, wenn wir am Morgen aufstehen. Wenn man das wegnimmt, ist das, was bleibt, eine ziemlich ausgedörrte Form von menschlichem Leben. Diese Art von Armut ist also wichtig. Und dann sind da noch die Schwachen, wie Sie sagten: die Ungeborenen und die sehr alten. Als Bischofskonferenz kämpfen immer schon gegen Sterbehilfe und Abtreibung.

Es gibt Spekulationen darüber, dass die Lehre der Kirche im Verlauf dieses Pontifikats Änderungen erfahren könnte; zum Beispiel, dass sich mit den beiden Synoden zum Thema Familie die Einstellung der Kirche zum Kommunionsempfang bei wiederverheirateten Geschiedenen ändern könnte. Sind solche Spekulationen gerechtfertigt?

Kardinal Nichols: Sicher ist, dass Papst Franziskus uns zu einer Art zweijähriger Überlegungszeit zum Thema der Ehe anhalten möchte, die sich auch in einer erneuerten Lehrtätigkeit zu Familie und Ehe und in einer erneuerten Pastoral niederschlagen wird, die verständnisvoll, mutig und liebevoll sein muss. Das ist das Programm, das er uns vorgegeben hat. Ich denke hingegen nicht einen Augenblick lang, dass wichtige Lehrsätze der katholischen Kirche sich ändern könnten. Was ich glaube ist, dass es an der Zeit ist, den kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Menschen eine Ehe eingehen, mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und somit auch der Frage, inwieweit sie sich wirklich der Tragweite ihrer Zustimmung zur Ehe bewusst sind. Zum Beispiel glaube ich, dass viele Menschen eine Ehe in der ehrlichen Hoffnung eingehen, dass sie von Dauer sei, ohne sich jedoch deshalb bedingungslos zu ihrer Unauflöslichkeit zu bekennen. Diese Art von Einstellung hat eine ganze Reihe von Folgen, zum Beispiel auf der Ebene der Vorbereitung auf die Ehe, auf der Ebene der Unterstützung zum Familienleben, auf der Ebene des Kirchenrechts. Die Menschen haben ein Recht darauf, dass jemand auf die Gültigkeit ihrer Ehen achte.

[Der zweite Teil des Interviews mit Kardinal Nichols folgt morgen, am Freitag, dem 7. März]