Kardinal Nichols: "Wir sind keine Polizisten; wir helfen, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen" (Zweiter Teil)

Erzbischof von Westminster spricht über seine Aufgaben

Rom, (ZENIT.org) Edward Pentin | 378 klicks

[Der erste Teil des Interviews mit Kardinal Nichols erschien gestern, am Donnerstag, dem 6. März]

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Kardinal Kasper erwähnte die Möglichkeit, das Bußsakrament dazu einzusetzen, dieses sensible Thema der geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken anzusprechen. Halten Sie das für eine konkrete Möglichkeit?

Kardinal Nichols: Ich habe Kardinal Kasper mit Aufmerksamkeit zugehört und auch der Debatte, die seinen Worten gefolgt ist. Diese Möglichkeit muss in der Tat erforscht werden. Doch wie Kardinal Kasper selber sagte, sollen seine Worte nur eine Anregung sein, eine Ouvertüre; und eine Ouvertüre greift nur die Schlüsselthemen auf, die dann in der Opera oder Symphonie weiterentwickelt werden. Deshalb ist es keine gute Idee, die Ergebnisse im Voraus erraten zu wollen.

Ist der Vatikan ein Risiko eingegangen, als er die Umfrage zu diesem Thema gemacht hat, weil, wie das Beispiel des Zweiten Vatikanischen Konzils lehrt, die Medien dadurch falsche Erwartungen wecken könnten, die wiederum die Beschlüsse der Synode beeinflussen könnten?

Kardinal Nichols: Das große Problem mit Umfragen ist, dass sie nur zu leicht als Meinungsumfragen im politischen Sinn verstanden werden und folglich von den Medien auf eine Weise behandelt werden, wie wir sie aus dem politischen Leben kennen. Meinungsumfragen in der Politik dienen dazu, die Entscheidungen der Politiker zu lenken, denn die Politik braucht Anerkennung durch die Bevölkerung. Nun sollte die jüngst veranstaltete Umfrage selbstverständlich nicht dazu dienen, die Lehre der Kirche an die Meinung der Mehrheit anzupassen.

Manche sagen aber, es habe so ausgesehen.

Kardinal Nichols: Nun, man könnte es so auffassen. Doch was die Umfrage bezweckte, und ich denke dass es richtig war, ist ein geordneter Versuch, auf die Erfahrungen der Kirche zu horchen. Jeder Priester sollte das tun. Jeder Priester hört auf die Erfahrungen der Menschen, wenn er Hausbesuche macht oder sich nach der Messe mit den Angehörigen seiner Pfarrei unterhält. Ich denke, die meisten Katholiken werden diesen Unterschied verstehen. Die Kirche macht keine Meinungsumfragen mit dem Ziel, ihren politischen Kurs zu verbessern, denn wir haben keinen politischen Kurs. Wir haben eine Lehre und eine pastorale Praxis, und eben auf die pastorale Praxis wollen wir wieder verstärkt unser Augenmerk lenken. Deshalb finde ich es schön, dass die Titelkirche, die mir vergeben wurde, die Kirche des heiligen Alfons von Liguori ist. Der heilige Alfons war ein großer Meister der kirchlichen Pastoral. Wir können aus einem immensen Erfahrungsschatz schöpfen, wenn es um die Familienpastoral geht.

War es gewissermaßen unvermeidlich, dass Länder wie die Schweiz oder Deutschland, wo manche Lehrsätze der Kirche auf viel Ablehnung stoßen, die Ergebnisse der Umfrage publik machen würden, und das daraufhin eine Debatte über die Möglichkeit einer Abänderung der kirchlichen Lehre entbrennen würde?

Kardinal Nichols: Nun, solche Dinge sind schwer vorauszusagen. Uns hat man sehr deutlich gebeten, die Ergebnisse der Umfrage, die wir dem Heiligen Stuhl zusenden, nicht zu veröffentlichen. Ich weiß nicht, ob diese Bitte auch an die Deutsche Bischofskonferenz gerichtet wurde. Ich bin mit dieser Entscheidung von Anfang an einverstanden gewesen, denn ich habe mir gedacht, wenn jede Bischofskonferenz die Ergebnisse der Umfrage in ihrem Land publik machen wollte, wäre die Handlungsfreiheit der Synode dadurch stark eingeschränkt. Wir werden jedenfalls über die Antworten, die wir erhalten haben, nachdenken, um zu entscheiden, wie und wo wir eingreifen müssen. Diese Umfrage dient meiner Meinung nach nicht nur der Bischofssynode. Sie dient uns allen, damit wir wissen, wie wir die Lehre der Kirche Sonntag für Sonntag besser vermitteln können.

Eine Aussage, die man in den vergangenen Jahren oft gehört hat, ist, dass jene Bischöfe und Priester, die sehr frei mit der Lehre der Kirche umgehen, seltener verwarnt werden als die, die eine mehr traditionelle Einstellung haben. Wie sehen Sie diese Sache? Würden Sie eine Disziplin befürworten, die etwas gleichmäßiger verteilt ist?

Kardinal Nichols: Die Beziehung zwischen einem Priester und seinem Bischof ist immer etwas sehr Persönliches. Mein Ziel ist es immer gewesen, jedem Priester dazu zu helfen, das Amt, zu dem er von Gott berufen und für das er geweiht wurde, auf die bestmögliche Art auszuüben. Ich denke, jeder Priester weiß, was die Lehre der Kirche ist. Manchmal weichen sie davon ab, auch willentlich und sogar hartnäckig, und in manchen Fällen – zum Glück nur in seltenen Fällen – habe sie verwarnen und sagen müssen: „Nein, so geht es nicht! Das können Sie nicht tun!“ Ich denke, dass sie mich immer verstanden und sich gefügt haben, wenn auch manchmal vielleicht etwas widerwillig. Doch sind wir keine Polizisten. Wir helfen, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen. Die Priester und die Gläubigen akzeptieren fast immer die Autorität ihres Bischofs. Es ist wie mit dem Staat; man hat nicht viel Einfluss auf die Gesetze des Landes, in dem man lebt, aber wenn alle sie beachten, dann wächst das Volk zu einer Gemeinschaft zusammen, die gemeinsame Ziele verwirklichen kann.

Aber gesetzt den Fall, ein Priester oder ein Bischof lehrt eindeutige Häresie, dann setzt er doch möglicherweise zahlreiche Menschen der Gefahr aus, ihr ewiges Heil zu verlieren. Ist das nicht schwerwiegend genug, um Sanktionen zu erfordern?

Kardinal Nichols: Doch, und wie ich bereits sagte, habe ich manchmal sagen müssen: „So geht es nicht!“ Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass oft, wenn ich einen Priester zu mir gerufen habe, von dem behauptet wurde, er weiche von der Lehre der Kirche ab, die Dinge etwas anders lagen und die, die ihn der Häresie anklagten, in Wirklichkeit nicht richtig hingehört hatten oder nur das gehört hatten, was sie hören wollten.