Kardinal Piacenza betet am Grab des hl. Philipp Neri in der Chiesa Nuova in Rom

Heilige wie Philipp sind die wahren Reformatoren der Kirche

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Von Jan Bentz

ROM, 1. Juni 2012 (ZENIT.org). - Jede Reform, die nicht vom Geist ausgehe, habe lediglich im menschlichen Willen ihren Ursprung und gehorche deshalb oft der eigenen Willkür, oder schlimmer noch, den Forderungen der Welt; wenn sie jedoch vom Geist ausgehe, dann werde sie schrittweise verwirklicht und breite sich langsam aus – nicht mit menschlichen Mitteln, die auf ideologisierende Weise Druck ausübten und Verwirrung im Herzen der Menschen stifteten, sondern mit dem strahlenden Beispiel der Heiligkeit, das von aller Welt angenommen und anerkannt werde. Besonders klar zeige es sich im Leben der Heiligen, den wahren Reformatoren der Kirche, dass der Geist von ihnen Besitz genommen hat.

So würdigte der Präfekt der Kongregation für den Klerus, Kardinal Mauro Piacenza, am 26. Mai 2012 in seiner Predigt bei der Eucharistiefeier am Vorabend des Pfingstfestes und gleichzeitig dem Fest des hl. Philipp Neri in der Pfarrei St. Marien in Vallicella den großen „Apostel von Rom“. Der Präfekt war zum liturgischen Gedenktag des Reformators zu Gast in der „Chiesa Nuova“ bei der Kongregation des Oratoriums vom hl. Philipp Neri.

Der hl. Philipp Neri sei deshalb ein großer Reformator seiner Zeit geworden, da er ein wahrhaft „pfingstlicher Mensch“ gewesen sei, ein Christ und Priester, der „den Geist besaß“, was in Wirklichkeit bedeute, dass der Heilige Geist den einzelnen besitze, die „Gabe“ gehe der „Frucht“ voraus.

„Der Heilige Geist stützt nämlich und ‚bewegt‘ die Kirche, und in dieser ‚Bewegung‘, welche geschichtlich betrachtet die fruchtbarste und langlebigste überhaupt ist, ergeht an die Menschen der Ruf, aus freien Stücken mit dem Werk des Geistes zusammenzuarbeiten und so auch heilig zu werden – sowohl aus Gnade als auch aufgrund von Verdiensten“, so der Kardinal.

„Wie es der Geist zur Zeit des hl. Philipp Neri verstand, im großen Buch der – stets heiligen – Geschichte der Kirche eine außergewöhnliche, strahlend helle Seite zu schreiben, so wird er es auch in unseren Tagen verstehen, für Erneuerung zu sorgen und einmal mehr Seiten echter Reform zu schreiben, was er durch das Leben und das Werk der Heiligen, die er erweckt, bewerkstelligen wird.“

Der Präfekt der Kleruskongregation stellte den hl. Philipp Neri in seiner tiefen Liebe und seinem unbedingten Gehorsam gegenüber dem Papst als Nachfolger Petri in eine Reihe mit dem hl. Karl Borromäus, der hl. Theresa von Avila und dem hl. Ignatius von Loyola. Alle diese grundverschiedenen Menschen seien „Besitztum des Geistes“ gewesen, dadurch hätten sie in einer „geheimnisvollen Zusammenarbeit“ ihren Beitrag zum übernatürlichen Plan Gottes geleistet. „Wir haben die Gewissheit, dass der Heilige Geist stets der gleiche ist“, versicherte Kardinal Piacenza.

Weiterhin betonte er die, da vom gleichen Geist inspirierte, nicht zu unterbrechende Kontinuität aller Konzile: der großen Konzile der Antike, des Konzils von Trient und der großen katholischen Reformbewegungen, die davon ausgegangen waren, und des Zweiten Vatikanischen Konzils und bekräftigte:

„Der gleiche Geist belebt und trägt ein und dieselbe Kirche: Die Subsistenz des einen Subjekts ‚Kirche‘ kann daher in keiner Weise jemals unterbrochen werden – sie, die seit zweitausend Jahren auf den Straßen der Welt unterwegs ist, um das Reich Gottes zu verkünden und den Menschen das Wort und die Heilswerke des Herrn zu bringen, indem sie die Sakramente feiert.“

Der einzige Weg, um in den „Besitz des Geistes“ zu kommen, sei aber das Gebet, was bedeutet, zur Quelle zu gehen, die Christus ist. Der notwendige Rahmen dafür sei die tiefe Stille, in der man die Stimme des Geistes Gottes vernehmen und vom Stimmengewirr der Welt unterscheiden könne. „Außerhalb des Gebets kann es keinerlei zur Reform führenden Impuls geben, der das wahre Wohl der Kirche und der Welt im Auge hat! Oft gibt es in den menschlichen – allzu menschlichen! –soziologischen und pastoralen Studien keinen Platz für den Geist und somit auch nicht für die wahre Reform der Kirche.“

„Die Heiligen – der hl. Philipp Neri – zeigen uns auf untrügliche Weise den Weg des Gebets und des Eintauchens in Gott als einzigen Weg zur Reform auf, damit man vor allem bei sich selbst beginnt und, ausgehend von dieser tiefen, sehr schwierigen und „ersten“ Reform geheimnisvoll ausstrahlt und für die Reform der Kirche wirkt!“, schloss der Kardinal.

Ganz in diesem Sinne wirkte auch der hl. Philipp. Die Anbetung war nicht eine von vielen Andachtsformen für ihn, sondern sie war das Zentrum seines geistlichen Lebens. So förderte er in Rom die „Quarant’ore“, das „Vierzigstündige Gebet“, das in der Kirche SS.ma Trinità dei Pelleg­rini in der Nähe der Ponte Sisto, eine der ersten öffentlichen Wir­kungs­­stätten des Heiligen, einmal pro Monat  abgehalten wurde. Philipp selbst war immer einer der eifrigsten Anbeter, der Stunden vor dem Herrn verbrachte. Pater Pompeo Pa­te­ri sagte beim Heiligsprechungsprozess aus, dass Philipp mehr durch sein Beispiel als durch Worte die Menschen zur Anbetung zog.

Der hl. Philipp Neri war ein eucharistischer Heiliger, der, was zu seiner Zeit nicht üblich war, schon als Laie täglich die hl. Kommunion empfing und die Priester zur täglichen Zelebration der hl. Messe ermahnte. Er soll zu Priestern, die nicht täglich zelebrieren wollten, gesagt haben: „Jene, die Trost außerhalb des wahren Ortes su­chen, suchen ihre Verurteilung. Wer weise sein will ohne die wahre Weis­heit, ohne den Heiland, ist nicht heil, sondern krank, nicht weise, sondern verrückt.“ Das Zeugnis der ersten Christen war für ihn Leitspruch: „Sine dominico non possumus!“ (Ohne Eucharistie können wir nicht leben). Nach dem Ende der heiligen Messe soll der heilige Philipp so tief mit Gott verbunden und in das danksagende Gebet versunken gewesen sein, dass er Menschen, die an ihm vorbeigingen, nicht wahrnahm. Es soll immer einige Zeit gedauert haben, bis er wieder den normalen täglichen Verrichtungen nachgehen konnte.

Aus der Eucharistie und dem Gebet schöpfte Philipp auch seine ganze Kraft, um den Armen und Kranken zu dienen und sie zu lieben. Er soll jungen Män­nern während der Anbetung eine Krankenschürze umgeworfen haben, um sie dadurch zum Dienst an den Kranken in den Spitälern zu ermu­tigten.

Als Gegengewicht zu manchen Orgien in Kneipen während der Karnevalszeit begann Philipp auch eine Art frühneuzeitliche Jugendarbeit. Er versammelte Jugendliche mit Gruppenstunden, Predigten und Wallfahrten mit Gesang, Picknick und Gebet und wiederbelebte ab 1552 die „Siebenkirchen-Wallfahrt“ aus der Spätantike, die noch heute existiert und gepflegt wird. Zunächst nur für eine kleinere Gruppe wurde dieses Pilgern im Frühling schließlich für ganz Rom ein religiöses Ereignis, das entweder nach Ostern oder noch in der Karnevalszeit stattfand. Die Wallfahrt beginnt im Petersdom und endet in der Basilika Santa Maria Maggiore.

1575 gründete der Heilige mit einigen Mitstreitern das erste Oratorium in Rom bei der Bruderschaftskirche „San Girolamo della Carità“, das von Papst Gregor XIII. als Kongregation vom Oratorium des Heiligen Philipp Neri anerkannt wurde. Die berühmtesten Oratorianer sind der sel. Henry Kardinal Newman, der hl. Franz von Sales und Kardinal Cesare Baronio, der Vater der neuzeitlichen Kirchengeschichtsschreibung.

Buchtipp: Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), Philipp Neri und das Oratorium. Die Attraktivität seiner Botschaft. Mit ausgewählten Quellen oratorianischen Lebens. Mit einem Vorwort von Kardinal Albert Malcolm Ranjith, Erzbischof von Colombo. nova & vetera Bonn 2012.