Kardinal Piacenza: Frauenpriestertum, Zölibat und die Macht Roms

Interview mit dem Präfekten der Kongregation für den Klerus

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Von Antonio Gaspari

ROM, 13. Oktober 2011 (ZENIT.org) .- Kardinal Mauro Piacenza, Präfekt der Kongregation für den Klerus, greift selten in öffentliche Debatten ein. In der Tat meidet er jeden Populismus und öffentliches Auftreten. Er ist als stiller und unermüdlich arbeitender Mann bekannt, aber auch als unbestechlicher Beobachter aller Phänomene der zeitgenössischen Kultur.

Die Gewährung dieses Interviews zu „heißen Themen“ ist außergewöhnlich. In einer Atmosphäre ungewöhnlicher Herzlichkeit zeigte er jene pastorale Kreativität, die immer von einem wahren und treuen Hirten der Kirche erwartet wird.

ZENIT: Eminenz, seit mehreren Jahrzehnten werden in auffallend exakten Abständen in der öffentlichen Diskussion die gleichen Fragen zu kirchlichen Themen gestellt. Worauf ist dieses Phänomen zurückzuführen?

Kardinal Piacenza: Es gab schon immer in der Geschichte der Kirche eine „zentrifugale Bewegung“ mit dem Ziel, die Außergewöhnlichkeit des Christusereignisses und seines lebendigen Leibes in der Geschichte, der die Kirche ist, zu „normalisieren“. Eine „normalisierte Kirche“ würde all ihre prophetische Kraft verlieren, sie hätte dem Menschen und der Welt nichts mehr zu sagen, und sie verriete ihren Herrn. Der große Unterschied in der heutigen Zeit ist doktrinaler und medialer Natur. Dogmatisch wird heute gefordert, die Sünde zu rechtfertigen, ohne sich der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen; aber man vertraut so auf eine gefährliche Autonomie, die nach praktischem Atheismus schmeckt. Mit Blick auf die Medien haben die physiologischen „Zentrifugalkräfte“ in den letzten Jahrzehnten eine verstärkte Aufmerksamkeit und eine unangemessene Erweiterung der Kommunikationsmittel erhalten, die in gewisser Weise konträr lebendig sind.

ZENIT: Ist die Weihe von Frauen eine „doktrinelle Frage“?

Kardinal Piacenza: Gewiss, und wie jeder weiß, ist die Frage sowohl von Papst Paul VI. als auch vom seligen Papst Johannes Paul II. klar angesprochen worden. Mit dem Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von 1994 ist diese Frage endgültig abgeschlossen. Dort heißt es: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ Einige haben von einer „relativen Endgültigkeit“ der Lehre in diesem Augenblick gesprochen, aber ehrlich gesagt, dieser Ausdruck ist auf diese Art unüblich und es mangelt ihm jegliches Fundament.

ZENIT: Es gibt also keinen Platz für Frauen in der Kirche?

Kardinal Piacenza: Im Gegenteil, die Frauen haben eine besonders wichtige Rolle in dem Leib der Kirche und können eine noch bedeutendere erhalten. Die Kirche ist von Christus gegründet, und wir Menschen können nicht ihr Profil festlegen. Daher ist die hierarchische Verfassung an das Priesteramt gebunden, das den Männern vorbehalten ist. Aber nichts hindert daran, den Genius der Frau hervorzuheben, bei Aufgaben, die sich nicht direkt auf die Ausübung der heiligen Weihe beziehen. Wer zum Beispiel hätte etwas dagegen, wenn eine fähige Ökonomin Leiterin der Administration des Apostolischen Stuhls würde? Oder wenn eine kompetente Journalistin Sprecherin des Pressebüros des Vatikans würde? Diese Beispiele ließen sich für alle Büros erweitern, die nicht mit den heiligen Weihen im Zusammenhang stehen. Es gibt Aufgaben, bei denen der weibliche Genius einen entscheidenden Beitrag leisten könnte! Eine andere Sache ist es, den priesterlichen Dienst als Macht anzusehen und eine „Quote“ zu fordern, wie es in der Welt geschieht. Ich glaube auch, dass die Abwertung des großen Geheimnisses der Mutterschaft, die von der herrschenden Kultur betrieben wird, eine wichtige Rolle bei der allgemeinen Verwirrung über die Frau spielt. Die Ideologie des Profits hat die Frauen herabgesetzt und instrumentalisiert, ohne wahrzunehmen, welchen bedeutenden Beitrag sie ohne Zweifel für die Gesellschaft und die Welt leisten. Die Kirche ist also keine Regierung im politischen Sinn, in der zu Recht eine angemessene Vertretung gefordert wird. Die Kirche ist anders, die Kirche ist der Leib Christi, und ihn ihr ist ein jeder Glied des einen Leibes, je nach dem Ruf Christi. Darüber hinaus stellt sich in der Kirche nicht die Frage nach männlichen oder weiblichen Rollen, sondern nach der Rolle, die nach göttlichem Willen die Weihe voraussetzt. Alles, was ein gläubiger männlicher Laie tun kann, kann auch ein gläubiger weiblicher Laie tun. Das Wichtigste für die einzelnen Aufgaben ist, eine spezifische Ausbildung und Fähigkeit zu besitzen; dann ist es nicht relevant, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

ZENIT: Aber kann es echte Teilhabe am Leben der Kirche geben ohne Vergabe von tatsächlicher Macht und Verantwortung?

Kardinal Piacenza: Wer hat gesagt, dass die Teilhabe am Leben der Kirche eine Frage der Macht ist? Wenn es so wäre, würde das Eigentliche in der Konzeption der Kirche verloren gehen, das Göttlich-Menschliche, und sie wäre einfach wie eine von vielen menschlichen Verbänden, vielleicht etwas größer und edler angesichts ihrer Geschichte; in ihr würde „verwaltet“, Macht ausgeübt. Nichts ist von der Realität weiter entfernt! Die Hierarchie in der Kirche, abgesehen davon, dass sie eine göttliche Einrichtung ist, versteht sich immer als Dienst an der Gemeinschaft. Nur ein Missverständnis, das historisch aus der Erfahrung der Diktatur stammt, kann die kirchliche Hierarchie als „absolute Macht“ deuten. Jeder einzelne ist gefragt, täglich verantwortlich den Dienst des Papstes für die Weltkirche zu unterstützen. Vielfältig sind die Vermittlungen, Beratungen, Ausdrücke einer wirklichen Kollegialität, so dass praktisch jede Handlung der Kirchenleitung nicht Ausdruck eines Willens ist, sondern immer Ergebnis eines langen Weges, ein Hören auf den Heiligen Geist und wertvolle Beiträge von vielen beinhaltet, vor allem der Bischöfe und der Bischofkonferenzen der ganzen Welt. Die Kollegialität ist kein sozio-politisches Konzept, sondern kommt aus der eucharistischen Gemeinschaft, dem Affekt, der durch den Genuss des einen Brotes und aus dem einen Glauben abgeleitet wird, der Vereinigung in Christus: dem Weg, der Wahrheit und dem Leben; Christus ist derselbe, gestern, heute und für immer.

ZENIT: Gibt es in Rom nicht zu viel Macht?

Kardinal Piacenza: „Rom“ bedeutet einfach „katholisch“ und „Kollegialität“. Rom ist die Stadt, die die Vorsehung als Ort des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus vorgesehen hat. Die Gemeinschaft mit dieser Kirche hat immer in der Geschichte Gemeinschaft mit der universalen Kirche bedeutet, Einheit, Mission und Sicherheit durch die Lehre. Rom steht im Dienst aller Kirchen, liebt alle Kirchen, und nicht selten schützt sie Kirchen in Schwierigkeiten vor der Macht der Welt und Regierungen, die nicht immer vollständig das unumgängliche menschliche und natürliche Recht der Religionsfreiheit respektieren. Die Kirche muss im Licht der dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils gesehen werden. Dort ist die Kirche vom Ursprung her beschrieben, die Kirche der Väter, die Kirche aller Zeiten, die unsere Kirche heute ist, in Kontinuität; das ist die Kirche Christi. Rom ist dazu berufen, in der Liebe und der Wahrheit zu leiten, als einzig wirkliche Quellen des authentisch christlichen Friedens. Die Einheit der Kirche besteht nicht im Kompromiss mit der Welt und ihrer Mentalität, sondern ist Ergebnis unserer Treue zur Wahrheit und der Liebe, die wir als Geschenk von Christus in der Lage sind zu leben. Mir scheint in dieser Hinsicht bezeichnend zu sein, dass heute niemand als allein der Kirche den Menschen und seine Vernunft, seine Fähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen und in Beziehung mit ihr zu treten, verteidigt, also den Menschen in seiner Gesamtheit. Rom steht im höchsten Dienst an der ganzen Kirche Gottes, die in der Welt und ein „offenes Fenster“ zur Welt ist. Ein Fenster, das all denen eine Stimme gibt, die keine haben, das alle zu beständiger Umkehr ruft und zu einer besseren Welt beiträgt, einer Zivilisation in Liebe; dies oft im Schweigen und im Leiden, sich selbst preisgebend, oft auch unpopulär.

ZENIT: Behindert die Rolle Roms nicht die Einheit und die Ökumene?

Kardinal Piacenza: Im Gegenteil ist dies die notwendige Voraussetzung. Die Ökumene ist eine Priorität des kirchlichen Lebens und eine absolute Notwendigkeit, die aus dem Gebet des Herrn selbst kommt: „Ut unum sint“, das für jeden Christen wahr ist und ein eigentliches „Gebot der Einheit“ bedeutet. Im aufrichtigen Gebet und im Geist der beständigen inneren Bekehrung, in der Treue zur eigenen Identität und in der gemeinsamen und vollkommenen von Gott geschenkten Liebe ist es notwendig, sich mit Überzeugung zu engagieren, damit wir keine Rückschläge auf dem Weg der ökumenischen Bewegung erleiden. Die Welt braucht unsere Einheit, also ist es dringend erforderlich, den Dialog des Glaubens mit allen christlichen Brüdern fortzuführen, weil Christus der Sauerteig der Gesellschaft ist. Es ist auch wichtig, zusammen mit den Nicht-Christen im interkulturellen Dialog gemeinsam zum Aufbau einer besseren Welt beizutragen; in der Zusammenarbeit in guten Werken, weil eine neue und humanere Gesellschaft möglich ist. Rom hat auch bei dieser Aufgabe eine einzigartige Antriebsfunktion. Es ist nicht die Zeit für Zertrennungen, Zeit und Energien müssen der Einheit dienen.

ZENIT: Wer sind in dieser Kirche die Priester, und welche Rolle haben sie dann?

Kardinal Piacenza: Sie sind weder Sozialarbeiter noch Funktionäre Gottes. Die Identitätskrise ist besonders im säkularen Kontext akut, in dem es keinen Raum für Gott zu geben scheint. Die Priester dagegen sind das, was sie immer waren; sie sind so, wie Christus gewollt hat, dass sie sein sollen! Die priesterliche Identität ist christozentrisch und daher eucharistisch. Christozentrisch, weil in dem Amt des Priesters, wie es der Heilige Vater immer wieder betont, „Christus uns in sich selbst zieht“, uns an seine eigene Existenz bindet. Diese „reale“ Angleichung geschieht sakramental, somit in objektiver und unüberwindbarer Weise in der Eucharistie, deren Minister die Priester sind, das heißt, Diener und wirksame Werkzeuge.

ZENIT: Aber ist das Gesetz des Zölibats so unüberwindlich? Kann es sich wirklich nicht ändern?

Kardinal Piacenza: Es handelt sich nicht um ein einfaches Gesetz! Das Gesetz ist die Folge einer viel größeren Realität, die allein aus der lebendigen Beziehung zu Christus kommt. Jesus sagt: „Wer es verstehen kann, der verstehe es.“ Der priesterliche Zölibat wird nie überwunden, im Gegenteil, er ist immer neu in dem Sinne, dass auch durch ihn sich das Leben des Priesters „erneuert“, weil diese Treue, die ihre Wurzeln in Gott hat, im Aufblühen der menschlichen Freiheit ihre eigenen Früchte bringt. Das eigentliche Drama ist die heutige Unfähigkeit, endgültige Entscheidungen zu treffen, die dramatische Reduktion der menschlichen Freiheit, die so zerbrechlich geworden ist, dass sie nicht das Gute verfolgen kann, auch wenn es erkannt und als Möglichkeit für die eigene Existenz erfasst wird. Der Zölibat ist nicht das Problem,  die Untreue und Schwäche einiger Priester können nicht das Urteilskriterium sein. Außerdem sprechen Statistiken von 40 Prozent gescheiterter Ehen. Unter den Priestern sind es weniger als 2 Prozent, daher kann die Lösung nicht unbedingt die Aufhebung des Zölibats sein. Könnte es nicht sein, dass wir aufhören müssen, die Freiheit als „Abwesenheit von Bindungen“ zu definieren und zu entdecken beginnen, dass gerade die Endgültigkeit des Schenkens an die anderen und an Gott menschliche Erfüllung und Glück darstellt?

ZENIT: Und die Berufungen? Würden sie sich nicht durch die Abschaffung des Zölibats vermehren?

Kardinal Piacenza: Nein! Christliche Konfessionen, in denen es kein geweihtes Priestertum und keine Lehre und Disziplin des Zölibats gibt, befinden sich in einem Zustand der tiefen Krise hinsichtlich der „Berufungen“ für die Führung der Gemeinde. Wie es eine Krise des einen und unteilbaren Sakraments der Ehe gibt.

Die Krise, aus der wir in der Tat langsam herauskommen, ist entscheidend mit der Krise des Glaubens im Westen verbunden. Es ist der Glaube, in dem wir verpflichtet sind zu wachsen. Das ist der Punkt. Im gleichen Kontext gibt es die Krise der Heiligung der Feiertage, die Krise der Beichte, die Krise der Ehe etc. Die Säkularisierung und der Verlust des Sinns für das Heilige, des Glaubens und seiner Praxis bestimmen auch die signifikante Abnahme der Zahl der Kandidaten für das Priesteramt. Zu diesen theologischen und kirchlichen Gründen kommen einige soziologische hinzu: erstens der markante Rückgang der Geburtenraten mit der Verminderung der Zahl der jungen Menschen und damit auch die Berufungen der Jungendlichen. Dies ist auch ein Faktor, der nicht ignoriert werden kann. Alles ist miteinander verbunden. Manchmal stellen sie sich den Voraussetzungen, können dann aber nicht die Konsequenzen akzeptieren, die aber unvermeidlich sind. Das erste und unersetzliche Mittel beim Rückgang der Berufungen hat Jesus selbst vorgeschlagen: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9,38). Das ist der Realismus der Berufungspastoral. Das Gebet für die Berufungen, ein intensives, universales, weites Netz des Gebets und der eucharistischen Anbetung, das die ganze Welt umschließt und die einzige wahre Antwort auf die Krise der Berufungen ist. Wo eine solche Haltung des Gebets wirklich gelebt wird, können wir sagen, gibt es eine wirkliche Neubelebung. Es ist außerdem wichtig, Sorge zu tragen für die Identität und das spezifische kirchliche Leben der Priester, der Ordensleute – und dies in der Eigenart der grundlegenden Charismen der Institute, denen sie angehören – der Laien, damit wirklich jeder in Freiheit seine Berufung, die Gott für ihn hat, verstehen und annehmen kann. Jeder muss er selbst sein und jeden Tag mehr zu dem werden, der er ist.

ZENIT: Eminenz, wenn Sie in diesem historischen Moment in einem Wort die allgemeine Situation zusammenfassen müssten, was würden Sie sagen?

Kardinal Piacenza: Unser Programm kann nicht von dem Wunsch beeinflusst sein, unter allen Umständen „mitzuschwimmen“, von dem Wunsch nach dem Applaus der öffentlichen Meinung: Wir dürfen nur der Liebe dienen und mit Liebe unserem Gott und unserem Nächsten, wer immer es auch ist, wohl wissend, dass der Retter allein Jesus ist. Wir müssen nur ihn gehen lassen, ihn reden lassen, ihn handeln lassen durch unsere arme Person und unsere täglichen Aufgaben. Wir müssen nicht das „Unsere“, sondern das „Seine“ aufnehmen. Wir dürfen uns nicht erschrecken, vor allem nicht in Situationen, die einem Schiffbruch gleichen. Der Herr im Boot des Petrus scheint zu schlafen, aber er ist da! Wir müssen mit Energie handeln, als ob alles von uns abhängen würde, aber in einem Frieden, der weiß, dass alles von Gott abhängt. Wir müssen uns immer daran erinnern, dass der Name der Liebe in dieser Zeit „Treue“ heißt. Der Gläubige weiß, dass der Herr der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, der „eine“ Weg, die „eine“ Wahrheit, das „einzige“ Leben. Daher liegt in dem Mut zur Wahrheit, auch auf die Gefahr von Beleidigung und Verachtung hin, der Schlüssel für die Mission in unserer Gesellschaft. Es ist dieser Mut, der uns eins macht in der Liebe, in einer pastoralen Liebe, die heute erneuert werden muss und die heute mehr denn je christliche Berufungen schenkt. Der Rat der Evangelischen Kirche formulierte 1945 in Stuttgart kurz gefasst folgendes Programm: „Mit mehr Mut verkündigen, mit mehr Vertrauen beten, mit mehr Freude glauben, mit mehr Leidenschaft lieben.“

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]