Kardinal Poli: "Mit Papst Franziskus ist die Kirche den Menschen näher"

Interview mit dem Nachfolger Bergoglios im Amt des Erzbischofs von Buenos Aires

Vatikanstadt, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 315 klicks

Unter den neuen Kardinälen, die Papst Franziskus auf dem Konsistorium vom 22. Februar ernannte, befindet sich auch sein Nachfolger als Erzbischof von Buenos Aires, Mario Poli. Der neuernannte Kardinal machte sich am vergangenen Samstagnachmittag, nach Ende der Höflichkeitsbesuch, auf den Weg in seine römische Wohnung, wenige Kilometer vom Vatikan entfernt. Drei Ordensschwestern boten sich an, ihn im Auto zu begleiten, doch er lehnte ab und zog es vor, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle traf er unseren Journalisten, der ihn um ein kurzes Interview für ZENIT bat. Im folgenden veröffentlichen wir eben dieses Interview.

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Wer Kardinal Bergoglio gut kannte, sagt heute, er habe sich sehr verändert. Warum? Wie war er früher?

Kardinal Poli: Ich halte eine solche Aussage für übertrieben. Es stimmt zwar, dass er seit 1992, als er zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt wurde, und früher schon, als Weihbischof, Generalvikar unter Kardinal Quarracino; dann als Bischof, Kardinal, Präsident der argentinischen Bischofskonferenz usw., immer viel Verantwortung zu tragen hatte und oft sehr müde war. Doch war er auch damals immer guter Laune und hat seine Spiritualität immer beibehalten; er ist auch immer schon sehr kreativ mit dem Evangelium umgegangen, genau wie jetzt, denn unser Papst ist ein großer Kenner der Heiligen Schrift. Das alles verwendet er jetzt für sein Lehramt als Hirte der Weltkirche. Und er erfüllt diese Aufgabe gut! Genau das kennzeichnet ihn: ein großes pastorales Talent, verbunden mit ethischem und doktrinärem Format. Ich denke, das ist der Schlüssel, um den Heiligen Vater zu verstehen.

Sie kennen ihn ja schon seit vielen Jahren und sehr gut. Was sind Ihrer Meinung nach seine Haupteigenschaften?

Kardinal Poli: Er hat ein großes inneres Gleichgewicht. Und eine große Fähigkeit zum Zuhören, immer; das haben wir auch am Donnerstag und Freitag (in den Tagen der Sitzungen der Kardinäle im Konsistorium) wieder feststellen können: Der Papst hat die ganze Zeit über aufmerksam zugehört. Das haben übrigens alle Päpste der letzten Jahrzehnte gut gekonnt. Hier in Rom finden die Synoden statt, hier sind die Bischöfe, die verschiedenen Experten und so weiter; und durch sie alle lauscht der Papst auf die Stimme der Kirche. Heute verfügt das kirchliche Lehramt über die Möglichkeit, erst zu sammeln, dann aufzubewahren und schließlich auszuarbeiten; zuletzt verleiht das Wort des Papstes dem Lehramt Form und Autorität. Papst Franziskus zeichnet sich durch eine große Fähigkeit zum Zuhören aus. Das habe ich schon festgestellt, als ich noch als Weihbischof in Buenos Aires für ihn gearbeitet habe.

Welchen Einfluss hat die Gnade der Papstwahl auf den Menschen Bergoglio gehabt?

Kardinal Poli: Papst Franziskus pflegt zu sagen, dass es der Heilige Geist sei, der ihm Kraft und Fröhlichkeit gebe. Er steht weiterhin sehr zeitig am Morgen auf. Gesundheitlich geht es ihm sehr gut; man muss anerkennen, dass hier in Rom alle sich vom ersten Augenblick an sehr um ihn gekümmert haben. In Argentinien haben wir ihn, wie ich schon sagte, oft sehr müde gesehen; wegen eines Problems mit seinen Beinen hatte er Schwierigkeiten, lange zu stehen. Heute legt er eine überraschende Energie an den Tag; es scheint mir wirklich, dass Gott seinen Apostel auf besondere Weise pflegt.

Kann man in Argentinien Früchte der Umkehr sehen, die auf Papst Franziskus zurückzuführen sind?

Kardinal Poli: Für Argentinien war die Papstwahl von Kardinal Bergoglio das Beste, was uns passieren konnte; das sieht man auf fast jeder Ebene: angefangen bei den Menschen, die ein Bild von ihm mit sich führen, bis hin zu den zahlreichen Menschen, die sich dank ihm wieder der Kirche genähert haben. Alle bestätigen das: die Pfarrer, die Oberen der Klöster, die Kapläne der Krankenhäuser und Gefängnisse… Es hat eine große Annäherung an die Kirche gegeben, dank der Nähe des Papstes zu den Menschen. Er hat eine große Ausstrahlung, ein großes Charisma, das die Menschen anzieht. Und das spürt man nicht nur in Argentinien, sondern wirklich auf der ganzen Welt, auf den Philippinen genauso wie in Burundi, wie uns die Kardinäle aus diesen Ländern während des Konsistoriums bestätigt haben.

Spürt man diesen „Franziskus-Effekt“ auch unter den Armen Argentiniens?

Kardinal Poli: Wenn ich gemeinsam mit den Priestern, die unter den Ärmsten arbeiten, die Slums besuche, sehe ich, dass der Papst eine Million Freunde hat. Fast jeder hat dort eine Erinnerung an den ehemaligen Erzbischof von Buenos Aires; dauernd erzählen sie mir, wo sie ihm begegnet sind oder wann er sie zuhause besucht hat. Viele haben ein Erinnerungsfoto von ihm. Sie alle haben eine gute Erinnerung an ihn und ich glaube, dass es für diese Menschen eine große Freude sein muss, einen Papst zu haben, der ihnen so nahe steht. Es gibt ein Sprichwort in Argentinien, das wir als Kinder oft gehört haben: „Den Papst muss man lieben.“ Papst Franziskus verwirklicht diesen Spruch nun: Die Menschen lieben ihn. Sie lieben übrigens auch Papst Benedikt XVI., besonders seit seinem mutigen und demütigen Amtsverzicht.

Erzählen Sie uns mehr über Papst Benedikt…

Kardinal Poli: Ich halte ihn für einen weisen, heiligen Mann; einen ehrwürdigen Alten, der auf seinem Lebensweg wichtige Schritte gegangen ist. Er hinterlässt uns als Erbe ein reiches Lehramt und eine ungewöhnlich tiefe Theologie. Vor allem in seiner Trilogie über Jesus von Nazareth, die ich, seit ich sie gelesen habe, allen Seminaristen und Priester empfehle, und allgemein jedem, der sie noch nicht kennt. Der Gipfel der Ehrlichkeit und Geradlinigkeit Benedikts XVI. ist sein beispielhafter Amtsverzicht gewesen. Ich glaube, das er dank diesem Schritt zu einem festen Bezugspunkt in der Geschichte werden wird; ein Beispiel dafür, was es bedeutet, sich an keine Art von Macht festzuklammern, schon gar nicht an der Macht des Papstamtes, die genaugenommen keine Macht, sondern ein Dienst ist. Trotz aller Kritik, der er sich dadurch ausgesetzt hat, und trotz des Vorbilds eines Papstes wie Johannes Paul II., der bis zum letzten Augenblick nicht vom Kreuz heruntergestiegen ist, hat Benedikt den Mut zu diesem Schritt besessen. Und genau das hat den Weg für alle Gnaden geöffnet, die wir heute erleben.

Kann man also sagen, dass die Kirche heute eine besondere Zeit erlebt, dank dem Werk der letzten Päpste, die alle ein herausragendes Format besessen haben?

Kardinal Poli: Als Dozent für Kirchengeschichte kann ich nur bestätigen, dass wir im 20. Jahrhundert exzellente Päpste gehabt haben: gute, heilige Päpste, von denen jeder einen phantastischen Beitrag geleistet hat und die uns eine Kirche übergeben haben, die lebendig, missionarisch, seriös ist; trotz aller Sünden, die durch unsere Schwächen verursacht werden. In dieser Kirche spiegelt sich das Antlitz Gottes wider.